Gedanken zum 20. Jahrestag meiner Psychose

Erstellt von Bodo am 12. Oktober 2008 – 19:23 -

Gestern unternahmen wir gemeinsam einen ausgedehnten Fahrradausflug an den südlichen Stadtrand, wo ein großer Park mit angrenzendem Wald liegt. Der Herbst ist zur Zeit wunderschön! In ungezählten Farben erstrahlen die bunten Blätter der Bäume in der Herbstsonne, wenn endlich – am Nachmittag – der Nebel gewichen ist. Es ist wie ein Rausch, mit jeder neuen Szenerie erklingt eine neue Sinfonie an Farben und Formen, wie von überirdischer Hand geschaffen. Und doch ist es nur ein Schauspiel von wenigen Tagen, und die millionenfach bunten Blätter von gestern liegen braun und naß am Boden. Der Herbst dieses Jahres ist besonders schön. Und ich weiß genau, hätte ich nicht mein Medikament, der Sinnesrausch würde mich überwältigen, würde mich bis ins Innerste bewegen, meine Seele gewaltig erklingen lassen – mein Herz würde schmerzen. Ein Arzt würde nüchtern sagen: Beginnende psychotische Symptome.

So aber habe ich mein Medikament, das mich schützt, das mich stabil hält; das nicht zulässt, dass die Grenzen meines Ichs verschwimmen, dass meine Seele nicht eins wird mit der berauschenden Natur des Herbstes 2008. Eigentlich schade, das nicht mehr empfinden zu können – aber bitteschön: im Krankenhaus möchte ich nicht mehr landen!

So musste ich daran denken, dass es genau 20 Jahre her ist, als ich damals, auch im Herbst, in der 42. Woche des Jahres 1988 in die Psychose hineingerutscht bin. Nach schwerer seelischer Erschütterung konnte ich meine Ichgrenzen und meine Kritikfähigkeit gegenüber mir selbst nicht mehr bewahren. Die Außenwelt drang mit aller Macht in die Seele, und die Gedanken erschufen aus jeder Bedeutungslosigkeit eine geheime Bewandnis und ein zu lösendes Rätsel. Und dazu kam die Angst! Angst vor unheimlichen körperlichen Empfindungen, die Angst zu sterben, die Angst vor den eingebildeten Gegnern, vor den Verfolgern.

In diesem Zustand ist man nicht mehr in der Lage für seine Gesundheit Sorge zu tragen. Gott segne alle Freunde und Angehörigen des Betroffenen, die sich jetzt um ihn kümmern, ihn nicht verrecken lassen – ihn überzeugen, dass es besser ist, sich in eine medizinische Behandlung zu begeben und eventuell auch Medikamente einzunehmen. Der Tag wird kommen, an dem er dankbar darüber sein wird.

Allen Betroffenen und allen Angehörigen wünsche ich noch wunderschöne Herbsttage in diesem Jahr!

Euer Bodo

 


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