Spiritualität und Psychose

Erstellt von Bodo am 20. Januar 2009 – 08:25 -

Ein Rückblick von Gabriele:

Ich bin seit 1994 schizophren erkrankt. Die Psychiatrie hat mir zweierlei Etiketten verpasst, zum einen „Paranoid-halluzinatorische Schizophrenie“ und zum anderen „Schizo-affektive Psychose“. Ich war insgesamt 8 x in einer psychiatrischen Klinik, zum Teil wegen akuter psychotischer Schübe, zum anderen wegen schwerster Depressionen, die so ausgeprägt waren, dass ich mich nicht mehr selbst versorgen konnte. Ich nehme konstant eine geringe Erhaltungsdosis an Neuroleptika und blieb deshalb in den letzten Jahren vor einem weiteren Klinikaufenthalt verschont. Wiederholte Versuche, die Medikamente abzusetzen, haben regelmäßig zu einem erneuten psychotischen Schub geführt, so dass ich mich im Laufe der Jahre an die jetzige Minimaldosis herangetastet habe und diese auch vorläufig beibehalten will. Mein langfristiges Ziel liegt jedoch immer noch darin, irgendwann einmal ohne die Medikamente ein normales Leben bei gesundem Verstand führen zu können. Da muss ich mich jedoch erst noch hinarbeiten und mein Bewusstsein soweit erweitert und gereinigt haben, dass es die ver-rückten Phantasien und konfusen Gedanken, die bei einem psychotischen Schub auftauchen, kühl und nüchtern erfassen kann, ohne gleich unüberlegte und für andere nicht nachvollziehbare Handlungen daraus abzuleiten.

Ich habe mich in der Endphase meiner psychotischen Schübe wirklich immer sehr seltsam und auffällig benommen. Ich habe wirres Zeug geredet und das Essgeschirr zum Lüften auf den Balkon gestellt. Einmal war sogar die Feuerwehr da, weil Grund zu der Annahme bestand, ich könnte aus dem Fenster springen. Meinen Fernseher habe ich aus dem Fenster geworfen. Ich habe mit Holundergelee magische Bannkreise um die Lichtschalter gemalt und meinen sämtlichen Schmuck in der Badewanne eingeweicht. Und dergleichen indiskutable Verrücktheiten mehr. Ich war wirklich reif für die Klinik.

Vor jedem psychotischen „Ausrutscher“ ereignete sich jedoch eine Phase geistigen Wachseins, in der ich für Inspirationen sehr empfänglich war. Vielleicht war dieser Zustand bereits Bestandteil des psychotischen Schubes, ich kann es nicht genau sagen, weil ich die Grenze zwischen Normalsein und Psychotischsein nicht klar umreißen kann. Das geht so fließend ineinander über und am Ende steht dann ein merkwürdiges Verhalten, das mich in die Klinik bringt. Vorher aber kommt ein weites Feld geistiger Inspiration, in dem ich glaube, dass mir fundamentale Erkenntnisse über den kosmischen Gesamtzusammenhang und die göttliche Vorsehung offenbart werden. Die damit verbundenen Einsichten kommen ganz leicht und ohne eigene Denkanstrengung in meinen Kopf, auch die zur Beschreibung der Einsicht erforderlichen Wörter „fallen mir einfach so ein“, es braucht keine Formulierungsbemühungen. Diese Art des Denkens unterscheidet sich sehr von meinem Denken im Normalzustand, wo ich eher verkrampft und bemüht um klare Gedanken und logische Schlussfolgerungen ringen muss.

Meist begann es mit einem intensiven, überwältigenden Glücksgefühl. In meinem Kopf offenbarte sich ein Bilder- und Gedankenreichtum unbeschreiblichen Ausmaßes, auch der Körper fühlte sich kraftgeladen und vital an. Es war, wie wenn man frisch verliebt ist und die ganze Welt umarmen könnte. Ich lief den ganzen Tag in einem Zustand ekstatischer Glückseligkeit herum und war davon völlig vereinnahmt, so dass ich den alltäglichen Dingen kaum noch Aufmerksamkeit schenkte. Bei allem, was ich tat, liefen die Filme in meinem Kopf ab: ich schaute mir z.B. alte Fotos an und zu jedem Foto fiel mir bis ins kleinste Detail die dazugehörige Geschichte ein, waren Menschen auf den Fotos, entschlüsselte sich vor meinem geistigen Auge deren gesamte Persönlichkeit nur durchs Anschauen. Ich nahm Bücher zu Hand, die ich mal gelesen hatte und bei jedem Buch wußte ich plötzlich wieder den gesamten Inhalt. Mein ganzes Gedächtnis war mir in vollumfänglicher Weise zugänglich, das Wort Vergessen gab es nicht mehr.

Ich ließ Bilder aus meiner Kindheit und Jugend vorbeiziehen, sie waren ganz plastisch scharf und detailreich, so als wäre alles erst gestern geschehen. Auch meine ganze, über Jahrzehnte hinweg angesammelte Bildung zu Themen wie Psychologie, Philosophie, Soziologie, Politik, Religion und Astrologie war in vollem Umfange verfügbar und ergab ein in sich stimmiges Gesamtbild: Fundamentale Lehrsätze aus Buddhismus, Hinduismus und christlicher Mystik fügten sich nahtlos in Goethes Farbenlehre, ergänzten die tiefenpsychologischen Erkenntnisse C.G. Jungs und bildeten zusammen mit astrologischen Bildern ein umfassendes Instrumentarium zum Begreifen menschlichen Verhaltens und menschlicher Motivationen. Ich verstand plötzlich ALLES. Für jede Frage, die ich mir stellte, tauchte aus der Tiefe meines Bewußtseins eine schlüssige und einleuchtende Antwort auf, ganz ohne angestrengtes Nachdenken oder irgendeine Art von Bemühen. Es ging ganz leicht. Mir war, als säße ich mitten in einem Großen, kostbaren Schatz von allumfassendem Wissen und könne beliebig herausgreifen, was ich nur wollte. Ich wurde durchflutet von Gefühlen tiefster Dankbarkeit gegenüber meinem Schicksal, das mir diesen Gedanken- und Ideenreichtum zuteil werden ließ.

So verbrachte ich Stunde um Stunde, auch die ganze Nacht hindurch, fassungslos und fasziniert von diesem Überangebot an Wissen. Gleichzeitig war mir aber bewußt, daß die synaptischen Verbindungen meines Gehirns, die zeiträumliche Begrenztheit meines Bewußtseins niemals ausreichen würde, die Komplexität und den Umfang dieses Wissens zu erfassen. In Anbetracht der universellen Wahrheit, der ich mich sehr nahe fühlte, war alles, was ich zu erfassen in der Lage war, nur ein winziges Bruchstück. In diesem Zusammenhang hatte ich auch eine Art Gotteserfahrung, indem ich nämlich immer wieder, von Ehrfurcht ergriffen, dachte:
GOTT IST GROSS!

Ich habe rückblickend den Eindruck, dass meine bisherigen psychotischen Episoden allesamt Krisen im Rahmen eines spirituellen Erwachens gewesen sind – und noch sein werden, denn ich glaube nicht, dass dieser Prozess schon zu Ende ist. Ich versuche zwar inzwischen, ihn (z.B. durch Bewusstmachung, durch Medikamentenanpassung und bewusste Lebensführung) zu steuern und mich im Vorfeld der Verhaltensauffälligkeiten zu halten, habe das aber noch nicht ganz unter Kontrolle, so dass es durchaus möglich ist, dass ich auch in Zukunft öfter mal in eine psychiatrische Klinik muss, in der man darauf aufpasst, dass ich in meinem „Wahn“ nicht allzu viel konkretes Unheil anrichte. Das finde ich durchaus in Ordnung und meine Angehörigen bzw. Freunde können mich ruhigen Gewissens dort auch abgeben, falls ich mal wieder ausflippe und rumzaubere.

Die Verhaltensentgleisung tritt immer dann ein, wenn ich egozentrisch nach den mir zufließenden Inspirationen greife und mir einbilde, dass ICH (mein Ego) es bin, der das alles macht und denkt. Dann kommt es zu bizarren Handlungen, die keiner mehr versteht und wo auch ich nicht mehr in der Lage bin, nachvollziehbar zu transportieren, was in mir vorgeht. Wenn es mir gelingt, nur Kanal zu sein und möglichst entspannt und uneigennützig die einströmenden Inspirationen aufzunehmen und ins Bewusstsein zu heben (ohne es dabei zu verlieren!) dann kann ich ruhig auch „psychotisch“ bleiben, ohne dass auch nur ein Mensch etwas davon bemerkt. Dieser Zustand im Vorfeld einer psychotischen Entgleisung ist mir der liebste, in ihm geht es mental und emotional sehr lebendig und kreativ zu und ich bin auch in sozialer Hinsicht am brauchbarsten und anregendsten.

Wenn ich zu viele Medikamente nehme, bin ich gegen die Inspirationen abgedichtet und mein Kopf und mein Herz sind leer und ich werde schweigsam und depressiv, während andererseits meine Alltagstauglichkeit und äußerliche Funktionsfähigkeit weitgehend wiederhergestellt ist, allerdings auf eine roboterhafte Weise. Es ist alles eine Frage der Balance und Feinabstimmung und ich bin eigentlich ganz zuversichtlich, dass ich das im Laufe der Zeit mit zunehmender Übung beherrschen lerne. Das Schreiben hilft mir jedenfalls wesentlich dabei, die Balance zu halten, auch wenn es zu unmöglichen Tageszeiten, manchmal mitten in der Nacht geschieht. Alles was ich aufnehme, muss auch bald wieder ausgeschieden werden, sonst staut es sich und verursacht einen Druck, der sich als geistige Verwirrung äußert. Am besten geht das, wenn ich dem Schreibimpuls sofort nachgebe, sobald er auftaucht. Es ist wie bei der Verdauung, wenn man sich den Stuhldrang längere Zeit verkneift, bekommt man Verstopfung und muss fürchterlich pressen, um sich des Verdauten wieder zu entledigen. Manchmal liegt viel an und manchmal kommt längere Zeit überhaupt nichts; nach welchen Gesetzmäßigkeiten das vonstatten geht, durchschaue ich (noch) nicht. Es macht auch wenig Sinn, danach zu fragen und es analysieren zu wollen, am besten ist, ich gebe einfach geschmeidig nach und lasse es strömen, wie es will.

Das sind meine Erfahrungen im Umgang mit der psychotischen Erkrankung. Wie geht es anderen damit? Im Gespräch mit ebenfalls Betroffenen habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele ihren psychotischen Zustand ablehnen und als fremdbestimmt und krank wahrnehmen. Er ist ihnen als etwas Fremdes, von außen Kommendes widerfahren und sie möchten ihre Entgleisungen am liebsten vergessen und sich auf das Normale, Gesunde konzentrieren. Sie distanzieren sich von ihren Erlebnissen und verwerfen sie als krank, wirklichkeitsfremd und sinnlos. In dieser Haltung werden sie in aller Regel von den behandelnden Psychiatern auch unterstützt und ermuntert, sich wieder ganz ihren gesunden Anteilen zuzuwenden. Auf diese Weise wird die Chance zu seelischem Wachstum, die in der psychotischen Erfahrung ja enthalten ist, verpasst. Warum auch sollte man sich mit diesem „Schwachsinn“ inhaltlich auseinandersetzen?

Inzwischen weiß ich aus eigener Erfahrung und auch aus der Literatur, dass die Bandbreite des menschlichen Bewusstseins größer ist als man allgemein hin annimmt und dass sie weit über den „gesunden Menschenverstand“ hinausgeht. Stanislav Grof, ein tschechischer Psychiater, der sich – ausgehend von der LSD-Forschung – intensiv mit den vielschichtigen Aspekten des menschlichen Bewusstseins und insbesondere mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen befasst hat, ist der Auffassung, dass die Manifestation einer Geisteskrankheit Ausdruck eines Selbstheilungsprozesses sein kann. Grof hat sich auch mit den Zusammenhängen zwischen Kosmos und Psyche befasst und eine Psychologie der Zukunft entworfen (die transpersonale Psychologie), die inzwischen zu einem anerkannten Zweig innerhalb der Psychologie geworden ist. Sie befasst sich u.a. mit den spirituellen Dimensionen des Seins und den Querverbindungen zwischen mystischer und psychotischer Erfahrung , mit Spiritualität und Religion. Spiritualität wird als eine extrem wichtige und vitale Dimension des Lebens betrachtet, die uns nährt, uns Kraft gibt und dem menschlichen Leben Bedeutung schenkt. Dieser wissenschaftliche Ansatz hat mir persönlich sehr zu einem konstruktiven und positiven Umgang mit meiner psychotischen Erkrankung verholfen und mir aufgezeigt, dass man durch genaues Hinschauen und mentale Anstrengung (durch Bewusstmachung eben), einen Ausweg aus der psychotischen Krise finden kann. Ich kann diesen Autor nur jedem Betroffenen vorbehaltlos empfehlen.

Im Zustand der akuten Psychose ist das Bewusstsein über die sichtbare, alltägliche Realität hinaus ausgedehnt und dringt in Bereiche vor, die sich normalerweise dem “gesunden Menschenverstand” entziehen. Das zu erleben, ist eine sehr außergewöhnliche Erfahrung, es einfach “krank” zu nennen, zeugt meines Erachtens von Unkenntnis der eigentlichen Zusammenhänge und Ignoranz gegenüber den potentiellen Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins. Dieser Krankheitsbegriff ist relativ und ich verstehe aus eigener Erfahrung sehr gut, warum viele von einer solch außergewöhnlichen Erfahrung Betroffene keine “Krankheitseinsicht” zeigen und an ihren “Wahngebilden” festhalten und sie verteidigen. Auch mir gelingt es bis heute nicht, meine exotischen Ausflüge in das Reich jenseits des Alltagsbewusstseins für krank zu halten. Außergewöhnlich ja, aber wieso krank?

Ich nehme zwar heute prophylaktisch eine geringe Dosis Neuroleptika, um weitere Schübe zu verhindern, aber das tue ich hauptsächlich deshalb, weil die Erfahrungen während der akuten Psychose meinen Organismus derart angestrengt und mich seelisch so überfordert hatten, dass ich monatelang danach mit schwersten Depressionen und völlig erschöpft darniederlag und nicht mehr imstande war, meinen normalen Alltag zu managen und mich ausreichend zu versorgen. Das waren wirklich schlimme Zeiten, die ich nicht mehr wiederholen möchte. Die Erlebnisse während der akuten Phasen dagegen bewerte ich heute eher als bewusstseinserweiternde Bereicherung meines Denkens und Fühlens, von der mannigfache Inspirationen zur Selbst- und Welterkenntnis ausgehen, für die ich dankbar bin. Die Psychose hat meinen Erfahrungshorizont und mein Bewusstsein erweitert und mich für spirituelle Themen geöffnet.

Über Rückmeldungen zu meinem Text würde ich mich freuen.

E-Mail-Adresse:
Gabriele.Haag1@web.de

 


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