Nur eine Tasse Tee … ein Text von Gabriele zum Thema Depression

Erstellt von Bodo am 31. Januar 2011 – 11:55 -

Nur eine Tasse Tee

Ich sitze hier auf der Couch und starre vor mich hin. Vor etwa einer halben Stunde habe ich den Entschluss gefasst, mir Tee zu kochen. Indessen ist daraus nichts geworden. Der Weg vom Wohnzimmer in die Küche ist allzu weit. Ich müsste von der Couch aufstehen und meine müden, bleischweren Knochen in die Küche schleppen. Die Zeremonie der Teezubereitung erscheint mir ebenfalls zu kompliziert: ein gleichbleibend festes Ritual mit Handgriffen, deren Reihenfolge mir nicht mehr geläufig scheint. Der Heißwasserbereiter müsste auch mal wieder entkalkt werden, es gibt da so eklige Flocken, wenn das Wasser aufsprudelt. Und auch ein neues Baumwollsieb ist überfällig, das alte strotzt schon ganz steif von den unappetitlichen Teeablagerungen. Hab’ ich jetzt ein neues im Internet bestellt oder nicht? Kein sauberes Sieb, ekelhafter Kalk, keine Kraft in den Gliedern, kein tragfähiger Entschluss im Kopf. Hinderungsgründe. Die Tasse Tee rückt in weite Ferne. Wie eine Silberstreif steht sie verlockend am Horizont und ist doch gleichzeitig so nah, wäre so nah, wenn, ja wenn …..

Die Sonne dringt seit Wochen nicht mehr in das morsche Gebälk meiner trüben Gedanken. Das faulende Holz ächzt unter dem Gewicht der krausen Ideen und haltlosen Überzeugungen, die mich energisch bedrängen und von mir Besitz ergreifen. Ein kraftloser Wille mischt sich erfolglos ein in das wirre Spiel der Seelenkräfte. Mein schlaffer Leib hat der destruktiven Dynamik meiner Überlegungen nichts entgegenzusetzen. Seit Tagen habe ich nichts gegessen.

Im Radio dudelt der Deutschlandfunk in dezenter Zimmerlautstärke. Ein Wortbeitrag folgt dem nächsten, nur durch kurze Musikeinlagen unterbrochen. Ich höre Männerstimmen, Frauenstimmen, Sprachmelodien, Singsang, agitierende Reden. Die Worte kommen akustisch bei mir an, ihr Inhalt geht jedoch durch mich hindurch, die Bedeutungen rutschen wie geölt durch meine Gehirnwindungen und nur ab und an bleibt mal ein Wort hängen, das aufgrund irgendeiner Besonderheit meine Aufmerksamkeit für einen kurzen Augenblick an sich zieht. Wachstumsbeschleunigungsgesetz etwa. Oder Klientelpolitik. In Afghanistan wurden aus Versehen 12 Zivilisten getötet. Hat das etwas mit mir zu tun? Nicht mehr und nicht weniger als die Tasse Tee, die mir aufgrund fehlender Spannkraft in den Gliedern und einer schlaffen Unentschlossenheit des Willens noch immer versagt bleibt.

Es wäre auch Kaffee im Haus. Kaffee wäre jetzt auch sehr schön. Mit viel Milch und einer Prise Zimt, im Melitta-Filter frisch aufgebrüht, so dass das Aroma die ganze Wohnung durchzieht. Mit diesem, in meinem Gedächtnis fest verankerten Duft verbinden sich viele Erinnerungen, Bilder und Stimmungen: Familienfeierlichkeiten, Geburtstage, Kaffeekränzchen und das Tchibo-Stehcafe am Markplatz, wo die Herren Rentner gutgelaunt ihre Plauderstündchen abhalten. Kaffee geht mit vielen Bedeutungen schwanger. Mehr als mir lieb ist, wühlt der Gedanke an Kaffee mich auf, Aktivität und Geselligkeit stehen damit in Verbindung, was mit meiner momentanen Schlaffheit überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist. Also doch lieber Tee.

Mein Blick fällt unter den Couchtisch auf meine nackten Füße. Fußpflege. Auch längst mal wieder fällig. Zu wem soll ich gehen? Wovon es bezahlen? An den Fußsohlen kleben Krümel, Tabakkrümel, Brotkrümel, undefinierbare Krümel, die im Laufe der Zeit durch meine Anwesenheit an diesem, meinem Lieblingssitzplatz auf den Fußboden gekommen sind und jetzt noch dort liegen, weil ich es versäumte, sie regelmäßig zu beseitigen. Neben dem Tischbein hat sich eine dicke, fette, mit Katzenhaaren verkeilte Staubfluse breit gemacht. Unter dem Telefontischchen sind noch mehr davon, das weiß ich genau. Wann wurde hier das letzte Mal staubgesaugt? Ich hasse Staubsaugen, denn es macht einen fürchterlichen Lärm. Außerdem müsste der Staubsauger, um ihn wieder effektiv einsetzen zu können, erst mal geleert werden und auch diese staubige Angelegenheit ist mir verhasst.

Jetzt dreh ich mir zum Schutze gegen den allseitigen Dreck und seine beschämende Bewusstwerdung in meinem lustlosen und trägen Hirn erst mal eine Zigarette, wohlwissend, dass das Rauchen der größte Dreck ist von allem. Zwischen 60 und 70 € gebe ich im Monat dafür aus, stelle mich verschämt auf zugigen Bahnhöfen in die Nichtraucherzonen, gierig, uneinsichtig, dumm. Skrupellos und ohne Rücksicht auf die öffentliche Sauberkeit schnippe ich Kippen auf das Trottoir, weil ich es ablehne, ständig einen dieser stinkigen Taschenaschenbecher mit mir herumzutragen. Der Öffentliche Raum wird zunehmend für Raucher tabuisiert und ich gehöre zu den Ausgestoßenen, denen man verächtliche und missbilligende Blicke zuwirft. Trotzig ziehe ich in meiner Raucherwohnung an der Selbstgedrehten. Schmeckt sie? Wie immer. Wenigstens das.

Zurück zum Tee: Was hindert mich nun noch, ihn zu bereiten? Welche Magneten halten mich in meiner verspannten Sitzposition auf dieser vermaledeiten Couch fest? Ich weiß es. Auf dem Weg vom Wohnzimmer in die Küche werden mir Dinge begegnen, an die ich nicht erinnert und mit denen ich nicht konfrontiert sein will. Ein benutztes Katzenklo. Ein halbvoller, stehen gelassener Putzeimer, ein überquellender Wäschekorb, ein nicht weggeräumter Besen: all das weist darauf hin, dass ich den bürgerlichen Normen in punkto Ordnung und Sauberkeit schon lange nicht mehr gerecht werde. Der Aufforderungscharakter meiner beginnenden Verwahrlosung reicht jedoch nicht aus, endlich tätig zu werden.

Eine bis aufs letzte Zipfelchen ausgedrückte Zahnpastatube verlangt Nachschub. Dazu müsste ich aus dem Haus gehen und das will ich auf jeden Fall vermeiden. Katzenhaare zeugen überall von der stillen Anwesenheit der Wohngenossin, die ich aus Nachlässigkeit heute noch nicht gefüttert habe. Geschichten und Ereignisse, Vorsätze und Versäumnisse, die sich gedanklich in meinem Kopf drängen und mit unangenehmen Empfindungen einhergehen, materialisieren sich in meinem vernachlässigten Haushalt mit seinen schmuddeligen Gebrauchsgegenständen. Wie gern wäre ich ein vorbildlicher Wohnungsinhaber, eine tüchtige Hausfrau, ein ordentlicher Mensch in einer gepflegten Umgebung. Indessen bin ich all das nicht, sondern das genaue Gegenteil davon: eine verlotterte Schlampe, ein faules Stück, ein jämmerlicher Versager, ein Stück Dreck, nicht besser als der Dreck um mich herum.

Inzwischen sind meine bloßen Füße kalt geworden. Ich streife die Krümel von den Sohlen, ziehe die Beine an und begebe mich in die Liegeposition, wobei ich einen Teil meiner geliebten Schurwolldecke um meine klammen Füße wickle und den Rest bis unters Kinn hochziehe. Die Decke müsste auch mal wieder gewaschen werden. Ich kuschele mich hinein und atme erst mal tief durch Es ist später Vormittag. Der Tag hält keinerlei äußere Verpflichtungen für mich bereit. Niemand erwartet mein Kommen. Keiner rechnet mit meinem Erscheinen. Ich drehe das Radio leiser und schließe die Augen.

Mein haltloses Herz stürzt kopfüber ins Bodenlose. Am Halteseil der gängigen Lügen ist mein Bewusstsein fest gezurrt. Es hat kein Eigenleben mehr. Es nährt sich aus dem Bodensatz verschimmelter Marmelade und bringt nur noch spärlich klägliche Denkergebnisse hervor, die ich sofort verwerfe, da ihnen der praktische Nutzen fehlt.

Im entspannten Dunkel der geschlossenen Lider taucht vor meinem geistigen Auge der Tee wieder auf: aus biologischem Anbau, rotgolden, heiß, duftend, wohlschmeckend. Er dampft in zarten Schwaden aus meiner stets sauber gespülten weiß-blauen Tasse, die mit dem Sprung, die mir am liebsten ist.

E-Mail an Gabriele: gabriele.haag1@web.de


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Meine Website zum Thema Psychose

Erstellt von Bodo am 31. Januar 2011 – 11:27 -

Hallo!

Ich habe vor längerer Zeit mal einen Artikel im Pahaschi-Forum veröffentlicht (“Spiritualität und Psychose”) Inzwischen habe ich ein Buch geschrieben, zu dem es auch eine Website gibt (siehe unten). Meine schriftstellerische Tätigkeit ist mein Weg, mit der Schizophrenie umzugehen und das kreative Potential der Psychose “anzuzapfen”. Es wäre für mich sehr hilfreich, wenn Du den Link auf meine Seite im Pahaschi-Forum veröffentlichen könntest.

Darüber hinaus habe ich gerade einen Artikel zum Thema “Depressionen” fertiggestellt, den ich als Anlage hier beifüge. Vielleicht eignet er sich ja auch für das Forum. Mit einer Veröffentlichung meiner e-mail-Adresse bin ich ausdrücklich einverstanden.

Herzliche Grüße aus Mannheim
Gabriele Haag

Homepage zum Buch: www.aquarius-handbuch.de

E-Mail an: gabriele.haag1@web.de

 

 


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