Lebenslauf in sieben Akten

Erstellt von Bodo am 7. April 2011 – 16:54 -

So ein Unsinn

I

Es  fing schon damit an, daß ich mir einen Vater aussuchte, der meine Mutter nicht heiraten wollte (denn er war schon verheiratet), aber auch keinen Pfennig für meine Abtreibung ausgeben wollte – so wuchs ich die ersten Jahre meines Lebens ohne Vater auf. Schon ziemlich blöd! Jedenfalls hat mich mein Erzeuger nicht aufgefressen, wie es bei den Bärenvätern üblich sein soll.

Kaum auf dem Töpfchen, dachte ich mir selber Unsinn aus: Im analen Forscherdrang schmierte ich meine „Produktionen“ an der Tapete breit, was für große Entzückung sorgte. Vielleicht sollte ich doch noch Maler werden? Der Unsinn fing jedenfalls gut an!

In den ersten Jahren im Prenzlauer Berg lernte ich neben dem Schaufensterbummel das Einkaufen mit der Mama schätzen. Der Lebensmittel-Konsum hatte kleine Einkaufskörbe aus Draht, mit einem schönen bunten Griff am Henkel. Mein Einkaufssport bestand darin, mir meine (täglich wechselnde) Lieblingsfarbe des Griffes auszusuchen. Natürlich war dann der betreffende Korb ganz unten im Stapel. Aber da gab es keine Gnade. Kleinkinder-Unsinn!

Als wir, Mutter und ich, in Haldensleben wohnten, gingen wir öfter am Mittellandkanal spazieren. Die Mutti las manchmal ein Buch und ich spielte an der Böschung, und: Plumps! Da schwamm ich im Wasser und konnte bald die Fische von unten zählen, aber Mutters Hand packte mich und zog mich an Land. Au Backe! Das hätte schief gehen können! Da kann man schon mal über Sinn und Unsinn des Lebens nachdenken.

II

Wir zogen bald nach Eberswalde, nordöstlich von Berlin, ausgestattet mit großer Wohnung und einem Stiefvater, wo ich als kleiner Schulbub auch mal Glück hatte: Im nahen Wald und bei der großen Westend-Wiese trieb ein sexkranker Kinderschänder sein Unwesen; zwei Kinder aus der Nachbarschaft mussten mit dem Leben bezahlen – der Kindermörder schließlich auch, bei der letzten verhängten Todesstrafe der DDR!

Doch damit mein Glück nicht überhand nahm, stellte ich mir selbst ein Bein: Um einem unsympathischen alten Hinke-Opa eins auszuwischen, der mich draußen beim Spielen störte, grub ich überall Löcher in den Sand, damit er mit seiner Krücke dort hineingerät. Schon ziemlich dämlich! Die Löcher wurden immer größer und einmal, weiter weg von zu Hause, rutschte ich unversehens ins tiefe, große Loch und kam nicht mehr heraus! Es half alles nichts: Meine Arme waren zu kurz und schwach, und je mehr ich am Grubenrand Halt suchte, desto mehr Sand fiel mir ins Gesicht.

Stundenlang steckte ich so kopfüber im Sand. Ich weinte und schloss mit dem Leben ab, verabschiedete mich innerlich von der Mutter und der Lieblings-Lehrerin. Schließlich wurde ich spät am dunklen Abend doch noch gefunden. Mutter, Polizei und Feuerwehr schwirrten plötzlich um mich umher und trugen mich fort. Wo bin ich? Mutter sagte mir später, unser Opa danke GOTT für meine Errettung. Ich dachte mir: Wieso dankt Opa dem Karel Gott dafür? Das verdanke ich doch der Mama. So ein Unsinn! Den Spruch „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ brauchte mir später keiner ausführlich erläutern …

III

Ich hatte einen Spielkameraden, der auch in dieselbe Klasse ging, und der nur eine Haustür weiter wohnte. Wir spielten draußen alles Mögliche: Fußball, Auf-Bäume-Klettern, Schaukel-Weitsprung, Schießen mit Schleudern, murmeln, Murmelbahnen bauen, Fahrradfahren im Wald und gegenseitiges Burgen-Bombardieren. Doch mein Freund hatte eine seltsame Angewohnheit: Beim Fußball, wenn ich im Tor stand, bereitete es ihm eine Heidenfreude, mir den Ball möglichst weit wegzuschießen, damit ich weit laufen musste, um ihn zu holen. Das war ein erstes Zeichen! Später gesellte er sich einer anderen Klassen-Clique zu, deren Lieblingssport darin bestand, mich zu schikanieren und lächerlich zu machen. Diesen Verrat konnte ich ihm nie verzeihen! Aber es fing ja schon beim Spielen an, nur wollte ich es da nicht sehen …

Die Abitur-Abschlussfahrt sollte nach Moskau gehen, der Haupstadt der Sowjetunion, der Heimstatt aller werktätigen Menschen dieses Planeten. Penible Vorbereitung, Tasche packen, Ausweis bereit legen usw. und dann schließlich: Treffen am Bahnhof, um mit dem Zug zum Flughafen zu fahren. Der Lehrer fragte noch einmal in die Runde, ob man alles dabei habe … Ach du Schreck! Der Ausweis! Der lag natürlich brav im Flur vor dem Spiegel! Also musste ich den Zug sausen lassen, samt Klasse und zurück nach Hause, den Ausweis schnappen und mit dem nächsten Zug nach Schönefeld fahren, wo ich glücklicherweise die Gruppe und den Flieger noch erreichte. So ein Unsinn!

In Moskau besuchten wir den Roten Platz, waren im Lenin-Mausoleum und im Kreml, auch im Kaufhaus GUM und fuhren mit der berühmten Metro, die tief unter Moskau ihre Bahnen zieht. Im Hochhaushotel warf ich dann aus Bequemlichkeit eine angesäuerte Milchtüte aus dem 10. Stock hinab, um eine offene Mülltonne zu treffen. Natürlich ging’s daneben! Platsch!!! Der Unsinn ging weiter …

IV

Nachdem ich bei der NVA Stiefel putzen, Betten bauen, marschieren, zackig Grüßen, Kalaschnikow auseinander- und zusammenbauen sowie durchs Gelände robben mit Gasmaske und ABC-Vollschutzkleidung gelernt hatte, überstand ich im Rest der 18 Monate Kasernen-Langeweile einen Brandanschlag meiner alkoholisierten Stubengenossen und auch die folgenden Verhöre der Polit-Offiziere. Die Suffkis durften für ihren Unsinn ein paar Tage in den Bau, sprich Armeeknast!

Bei mir zeigte sich dafür leichter Größenwahn, als ich eines Tages einen Generalmajor an mir vorübergehen ließ, ohne militärisch zu grüßen – als Gefreiter! Der General pfiff mich zurück, ich musste eifrig Männchen machen, meinen Spruch sagen und Abbitte leisten. Ja, ja – es gibt nur zwei Dienstgrade bei der Armee: Gefreiter und General – die können beide bald nach Hause! Na – diesen Unsinn machte ich dann nicht mehr …

Beim Studium in Dresden zeigte sich eine weitere sinnfreie Eigenschaft von mir, die mich schon während meiner Schulzeit begleitete: Ich hatte durchaus Chancen beim weiblichen Geschlecht, aber ich suchte mir immer eine unerreichbare Angebetete heraus und war todunglücklich, keine Freundin zu haben. Im Studium kam freilich noch Teufel Alkohol dazu, der eine beginnende Romanze zu einem wirklich netten sympathischen Mädchen, besser gesagt: junger Frau, unvermittelt abbrach und mich wie ein Volltrottel hinter einer blöden Nuss mit schönen Beinen nachstolpern ließ. Dieser Unsinn von damals macht mir heute noch zu schaffen!

Einmal, an einem 7. Oktober (dem Nationalfeiertag), wollte ich von Dresden einen Kurztripp nach Prag machen und abends wieder zurück sein. Da eine Rückfahrkarte mit Reservierung zwingend war, bekam ich nur noch einen ungünstigen Zug und hatte nur 3 Stunden in Prag zur Verfügung. Obendrein war in der Goldenen Stadt an der Moldau dicker Nebel; ich stolperte durch die Straßen, fand kaum die Altstadt, fuhr ein bisschen U-Bahn und musste wieder zurück, ohne den berühmten Uhrenturm oder den Hradschin gesehen zu haben. Für so einen Quatsch hat man dann 10 Stunden im Zug gesessen. Aber ich war in Prag!!!

V

Die Diplomarbeit schaffte ich mit Ach und Krach auf den letzten Drücker, weil mir meine Mutter beim Tippen half. Später, als frischgebackener Ingenieur, zeigten sich in der ersten Anstellung weitere Probleme: meine nicht vorhandene Anerkennung der Autorität von Vorgesetzten, zumal wenn diese Menschen moralisch zweifelhafter Natur waren (wahrscheinlich kam das von meinem Stiefvater her). Fachlich war ich bestens und programmierte bis in die Nacht, was das Zeug hielt. Von den Wünschen der Chefs hielt ich dagegen wenig, stellte mich Personal-Entscheidungen quer und machte mir alles schlimmer. Ich bekam gehörigen Druck von oben und das ging auch auf die Psyche!

Auch in der Freizeit spielte ich den Hasardeur. Da ich keine Freundin hatte, die mir ein Ziel gab, versuchte ich zwanghaft jede freie Minute etwas zu unternehmen: dieses und jenes Museum, lange Fahrradtouren in unbekannten Wäldern, jeden Tag ein anderer Badesee – das laugte einen aus! Mir fehlte ein fester, Halt gebender Rhythmus in der Freizeit!

Schließlich kam es, wie es kommen musste. Der Unsinn wurde zum Wahn, als eine Zufallsbekanntschaft mir wieder „Ade“ sagte, ich aber voll auf sie fixiert war und mir einbildete, für sie bestimmt zu sein. Ich durfte alle klassischen Stufen dieses Wahnsinns durchlaufen, am Ende begleitend von Ärzten, Schwestern und Pflegern, die mich letztendlich mit Elektroschocks heilten. Das war kein Unsinn!

Ich war wieder ein neuer Mensch, der sich schwor, nie mehr starr auf etwas fixiert zu sein und seine Sicht der Dinge für unausweichlich zu halten. Man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand! Das wäre Unsinn!

VI

Das war im Jahre 1989, als bald die Berliner Mauer fallen sollte. Die Mauer wurde 1961 gebaut, weil zu viele (gut ausgebildete) Menschen in den Westen gingen. 28 Jahre später wurde sie abgebaut, weil so viele Menschen in den Westen gingen. Heute, wiederum über 20 jahre später, gehen immer noch viele junge Leute vom Osten in den Westen – also, der Trend ist nicht aufzuhalten – mit oder ohne Mauer! Manche Politiker sagen: Jetzt haben wir den Ostdeutschen so viel Geld gegeben, und jetzt verlassen sie weiterhin ihre schön sanierten Städte und ganze Stadtviertel stehen leer. Statt „blühender Landschaften“ nun entvölkerte Landschaften? Aber das ist Unsinn. Die Menschen wollen nur nicht arbeitslos sein und gut verdienen.

Vom Feld der Politik wieder zu privaten Problemen: Ich war zu Hause, berentet, und hatte Zeit, viel Zeit. Ich kaufte einen Videorecorder und nahm alles auf, was mir gefiel: Die Simpsons, Al Bundy, Columbo, Mac Gyver, alte Filme, DEFA-Filme und natürlich alle Star-Trek-Serien. Schließlich hatte ich eine VHS-Kassettensammlung, die ein ganzes Bücherregal füllte. Zusätzlich machte ich mir dazu lange Listen mit dem Kurzinhalt der jeweiligen Folge und legte eine Film-Datenbank an. Aber nun? Schaue ich mir etwa heute noch einmal etwas davon an? NULL!

Weil ich ziemlich alleine war und nicht so der Kneipen- und Discotyp bin, versuchte ich es mit Kontaktanzeigen. Ich gab welche auf und antwortete auf andere Anzeigen, aber die Treffen, diese Blind Dates, wenn es denn zu einem kam, waren häufig frustrierend – keine gemeinsame Wellenlänge -, und manchmal wartete man umsonst am vereinbarten Treffpunkt. Schließlich ging ich einem „Institut“ auf den Leim, das mir 100-prozentigen Erfolg versprach, die Richtige zu finden. Ich zahlte über 3000 DM im Voraus (!), bekam ein paar lausige Adressen, die ich anschrieb, mit den selbigen frustrierenden Ergebnissen wie vorher. Ziemlicher Unsinn!

VII

Zweimal hatte ich Glück, was aber nur kurz währte: ein 5-Monats-Beziehung zu einer jungen Lehrerin mit kleinem Sohn, und eine sehr kurze Romanze mit einer Dolmetscherin, die dann aber Berlin wieder verließ. Außerdem lernte ich eine nette Krankenschwester kennen, mit der ich noch heute befreundet bin und mit der ich in den 90ern kreuz und quer durch ganz Berlin gefahren bin, um mal die andere Seite der Stadt kennenzulernen. Also – ist es doch nicht ganz sinnfrei, dem Leben einen kleinen Schubs zu geben. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

Der Unsinn ist aber meinem Leben treu geblieben: Ich surfe jeden Tag im Internet, mindestens 2 Stunden, und schaue mir dabei im Prinzip immer die gleichen Seiten an: Tagesschau, Wetter, Niederschlagsradar, Spiegel, Berliner Zeitung, Online-Konto und ein paar Webcams. Was man da sinnlos für Zeit verplempert! Vom PC-Strom ganz zu schweigen! Gerade hatten wir für 3 Tage eine Störung: kein Internet, kein Telefon, kein Fernsehen und siehe da: Plötzlich ist Zeit da, z.B. um diese Rückschau hier zu schreiben und andere Dinge zu erledigen, die liegengeblieben sind. Sind wir Sklaven des Computers?

Ich verdrehe manchmal die Wörter, bzw. es kommen häufig merkwürdige Assoziationen aus meinem Mund, wie zum Beispiel: „Sieh mal, eine Spinne baut dort ihr Nest!“ oder „Der Kongo ist doch eins der Länder, wo die Schokolade wächst!“, sogar vorhin fragte ich meine Frau: „Essen wir Gemüse am Reis?“, anstatt zu fragen, ob wir am Sonntag Reis mit Gemüse essen. Sie lacht dann immer und ich bekomme zur Antwort: „ Du red’st schon wieder an Schmarrn!“

Bodo B. – der heuer 7×7 Jahre alt wird


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Mein lieber Mann ist krank

Erstellt von Bodo am 3. April 2011 – 12:49 -

(ein Feedback einer Angehörigen, Name geändert)

Lieber Bodo,

 

es ist sehr mutig, solch einen persönlichen Bericht (siehe Tagebuch – d.R.) zu schreiben. Mein Mann befindet sich gerade in einer psychiatrischen Klinik. Er ist an einer schizophrenen Psychose erkrankt. Allerdings auch nicht das erste Mal. Er ist 1961 geboren und erkrankte zum ersten Mal 1981 während seiner Ausbildungszeit als Funker in der Bundeswehr. Das 2. Mal im Jahr 2000 und eben jetzt wieder. Dies geschah immer nach Stressphasen, die ich immer versucht habe von ihm abzuhalten, aber er war nicht einsichtig und nicht zu bremsen. Ich kenne ihn seit 1980 und liebe ihn sehr. Er ist nämlich ein ganz toller Ehemann u. Papi. Beim ersten Mal war es für mich sehr schwierig damit umzugehen habe mich aber mit der Thematik befasst um besser zu verstehen, was los ist. Es ist ja heute wesentlich einfacher da man vieles durchs Internet erfährt.

 

Lieber Bodo, ich hoffe du kannst gut leben mit deiner Krankheit. Es ist nichts vor dem man sich schämen muss. Im Gegenteil die Umwelt sollte sich schämen, da sie dies zum Tabuthema machen.

 

Außerdem die Leute mit psychischen Erkrankungen, sind alle sehr intelligent und da liegt wahrscheinlich das Problem. Es reicht nicht 100 % Leistung, nein ihr wollt alles perfekt, eben über die Grenzen leisten.

 

Ich wünsche dir viel Glück auf deinem weiteren Lebensweg.
Liebe Grüsse, Gesine

Erstellt in Kategorie Gastbeiträge, Krankheit | 6 Kommentare »
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