Und übrig bleibt nur ein Schuh …

Erstellt von Bodo am 28. Juli 2013 – 15:51 -

Das war wieder ein Berlin-Tag ganz nach meinem Geschmack! Über Bernau und Lichtenberg ging es in die Stadtmitte. Der U-Bahnhof Lichtenberg empfängt mich mit einem sattem Gelb, wie überhaupt die alten U-Bahnhöfe, jedenfalls die ganz alten, mit starken Farben aufwarten können. Und die Kacheln erst: blank spiegelnd in Rot, Orange, Taubengrün oder Türkis! Dazu die Treppenstufen von anno dazumal, ein merkwürdiger Beton mit kleinen Glitzersteinchen. Es sieht außerirdisch aus! Mit diesem Charme kommt der beste Neubau nicht annähernd mit.

Die U5 ist um halb Elf nicht besonders voll. Gegenüber eine Touristen-Familie, daneben eine Türkin mit Kleinkind, das erst schreien will, aber von dem bunten Bilderbuch schnell beruhigt wird. Die Touristen-Tochter lächelt das Baby an. Und die Türkin lächelt zurück.

Der U-Bahnof Alexanderplatz ist nichts für Klaustrophobiker: Hier kreuzen sich drei U-Bahn-Linien – mehrere Ebenen, ungezählte Ausgänge, eine verwirrende Struktur, die sich mir immer noch nicht ganz erschlossen hat. Jedenfalls schaffe ich es irgendwie ins Untergeschoß des S-Bahnhofes, der auch drei Ebenen hat: aber in die Höhe! Oben alles voller Touristen: viele junge Leute, die gerne überall ein Erinnerungsfoto schießen. Ich mach auch eins: vom Roten Rathaus durch die Scheiben des Riesenbahnhofes, daneben der blanke Betonturm des Telespargels, an dessen Füßen kräftig gebaut wird. Ringsherum um die klassische DDR-Architektur werden hässliche Geschosse gesetzt. So wird Berlin wieder um eine Bausünde reicher!

Die Wannsee-Bahn kommt und nimmt mich eine Station bis zum Hackeschen Markt. Die schirmbedachten Außenflächen der zahllosen Restaurants sind noch fast leer und ich hab auch noch eine viertel Stunde Zeit. Also mal wieder die Hackeschen Höfe anschauen … vorbei an einer geführten Besuchergruppe, amerikanischer Akzent. Zum Fotografieren ist das Licht in den Höfen extrem schwierig: Schatten und knallige Sonne, aber die gemusterten Kachelfronten sind zu schön!

Im zweiten Hof, der nicht mehr so prächtig ist: ein Bücher- und Ansichtskartenladen, und im vierten Hof ein schöner schattiger Baum vor heller Fassade, Foto zwecklos! Ich suche mir zwei Ansichtskarten aus: eine mit “Berlin tut gut”-Aufschrift auf der Mauer und die andere, eine historische Aufnahme von 1966: ein paar Westberliner Steppkes vor der Stacheldrahtmauer, daneben ein Milchgeschäft. Ich war damals genauso ein Berliner Steppke, nur auf der anderen Seite, der auch immer die Milch in einer Aluminium-Kanne geholt hat. Doch ich wurde verschleppt! Nicht von der Stasi, nein: meine Mutter nahm mich mit aufs Land, an die innerdeutsche Grenze des Bezirkes Magdeburg – ohne mich zu fragen, ohne zu überlegen, ob mir das gut tun würde. Ich war so ein aufgeweckter Junge aus Prenzlberg … aber wir schweifen ab!

Eine SMS sagt mir: “Ich komme etwas später …” Also schaue ich mir die Ansichtskarten drinnen auch an, eine große Auswahl an historischen Berlin-Aufnahmen, auf denen man sieht: damals sah es richtig schick aus! Der Verkäufer meinte auch: Berlin war vor dem Krieg eine ganz andere Stadt! Auf einem Tisch liegt ein besonderes Buch: ein Kaleidoskop der Psychologie. Darin blättere ich ein wenig, lese ein wenig, und denke mir: das wäre ein schönes Geschenk! Bloß der Preis … momentan nicht machbar. Aber ich merk‘s mir!

Zurück zum Hackeschen Markt sehe ich schon von weitem Andreas, der sich umschaut und gerade noch einmal eine SMS eintippen will. “Das brauchen’se nich mehr machen!” unterbreche ich ihn, und wir begrüßen uns herzlich. Wir kennen uns schon länger, über E-Mail und Telefon, aber zu einem Treffen ist es noch nicht gekommen. Über das “Geschäftliche” reden wir eigentlich nicht viel, sondern eher über unsere Frauen-Geschichten und wie es uns damit geht. Unterm Schirm sitzend nähern sich die ersten Spatzen, denn sie wissen genau: die Berliner und die Berliner Touristen lassen sie nicht im Stich! Ich schnappe mir das aufgeschnittene Baguette-Brot und gebe einen Krümel ab. Dafür bekam ich ein Spatzen-Foto!

Unter den Schirmen ist es jetzt richtig voll. Es beginnt die Mittagszeit. Wir laufen an der Alten Nationalgalerie vorbei, wo sich junge Berlin-Besucher vor prächtiger Kulisse ablichten, und schwenken zum Dom hinüber, wo ein Touri-Bus neben dem nächsten steht. Die Lustgarten-Wiese vorm Alten Museum ist gut besucht und zwei junge Damen kühlen ihre nackten Beine im Springbrunnen, auf den geschwungenen Steinplatten laufend.

Hier, gleich gegenüber der Schloß-Baustelle, stehen viele, viele Litfaß-Säulen, auf denen Portraits zu sehen sind, in Schwarz-Weiß. Frauen und Männer, die Berlin verließen, gegangen oder ermordet wurden, weil aus dem roten, intellektuellen Berlin 1933 das braune Berlin wurde. Unwiederbringliche Verluste für die Stadt Berlin und für Deutschland! Daran soll und muss erinnert werden …

Die Sonne knallt unbarmherzig am Deutschen Historischen Museum. Unter einem schattigen Baum wird eine Touristengruppe in Spanisch unterrichtet. Vorbei an der Humboldt-Uni wechseln wir dann die Straßenseite, am Alten Fritz vorbei, hinüber, auch in den Schatten. Hier, am Ostende der Straße „Unter den Linden“ gibt es einen tollen Foto-Blick! Die Uni und das Reiterstandbild linkerhand, in der Mitte das rechte Gebäude der Humboldt-Universitätdas und rechts im Bild das Historische Museum, der Dom und der Fernsehturm im Hintergrund: eine klassische Bildkomposition, die man in Berlin nicht so schnell ein zweites Mal findet. Übrigens: das Motiv fand ich in einem alten DDR-Bildband über Berlin. Es war nicht alles schlecht früher …

Wir müssen uns verabschieden: Andreas muss zur Arbeit, ich zu meiner nächsten Verabredung, und zwar am Gendarmenmarkt. Also, tschüssi, nett uns mal gesehen zu haben! Die Sonne knallt vom reinen blauen Himmel und es gibt in der Charlottenstraße um diese Uhrzeit einfach keinen Schatten. Na, ich hab ja meinen Tropenhut auf … Meine Aufmachung begeistert offenbar auch einen kleinen Jungen, der in einer Besuchergruppe meinen Weg kreuzt: Er kann den Blick gar nicht abwenden und dreht sich auch immer wieder nach mir um. Er denkt sich sicherlich: Oh, ein Berlin-Tourist, direkt aus dem australischen Dschungel entsprungen! … Na ja, fast, es ist der Brandenburger Kiefernwald. Das lassen wir mal gelten …

U-Bahnhof Stadtmitte: hier soll ich warten! Und zwar unten bei der Linie U2 in Fahrtrichtung, erster Waggon, 13 Uhr. Es ist noch zehn Minuten Zeit, also warten. Wieder so ein schöner alter U-Bahnhof! Kein Schnickschnack, satte Farben und die alten Stahlträger, mit riesenhaften Nieten verbunden. Das ist frühes 20. Jahrhundert pur, der charmante Beginn der Moderne!

Eine U-Bahn kommt, und noch eine, und noch eine … Kim ist erst in der fünften U-Bahn drin. Freudestrahlend steigt sie aus den zweiten Waggon und kommt mir entgegen: Alles in Ordnung? Dann mal los! Und zwar hoch zum Gendarmenmarkt. Ich freue mich wie ein Kind, dass ich es mal geschafft habe, sie aus ihrem Charlottenburg herauszulocken. Aber eigentlich habe nicht ich die Lorbeeren verdient, sondern die Monatskarte der BVG, die Kim von ihrem Bruder geliehen bekam. Mit so einem Ding kann man Berlin schon unsicher machen, wa?

Hinauf auf den Französischen Dom geht gerade nicht, schade. Das wäre ein toller Panoramablick gewesen, den sie noch nicht kennt. Aber im Schatten, im Café ist’s auch nicht schlecht. Ein Klarinettenspieler macht Straßenmusik, Melodien der 50er Jahre. Zwei Kaffee, zwei Kuchen … und der nächste Spatz ist nicht weit. Kim macht mich darauf aufmerksam, dass es eine SIE ist. Natürlich, die Männchen sind viel intensiver gemustert. Jedenfalls wird unsere Spatzendame immer frecher, bis sie auf dem Tisch direkt neben der Kaffeetasse logiert. Nun ja, für ein Foto, aber dann: kusch, kusch, weg mit dir, du freches Ding! Kuchen wäre bestimmt nicht gut für Spatzen, meint Kim. Ich mache mir da keine Sorgen: Dann wären die Berliner Spatzen bestimmt schon ausgestorben, wenn sie keinen Kuchen vertrügen …

Wir wollen bezahlen, und unsere Rechnung ist auf einmal doppelt so teuer! Und Bier und Würstchen sollen wir verspeist haben! Der junge Kellner bekommt einen Riesenschreck, dreht sich um, und erwischt gerade noch die Gäste, die eigentlich unsere Kaffee-und-Kuchen-Rechnung bezahlt haben. Sie waren schon im Aufbruch, hatten aber ein Einsehen und bezahlten die Differenz, so dass der arme Mann heute nicht draufzahlen musste. Der Kaffee war gut, der Kuchen dafür weniger …

Ich muss los zu meinem nächsten Termin (Berlin will ausgenutzt werden!) und so schlendern wir noch ein bisschen durchs edelmarmorierte Quartier 206. Aber hier sind kaum kaufwütige Besucher. Die sind eher im neuen ALEXA oder in der Galeria, oder natürlich im KaDeWe, wo sonst? Hier unten, in dieser unterirdischen Passage, habe ich vor Jahren unsere Noch-nicht-Bundeskanzlerin gesehen, im Zurückblicken, nachdem man mich auf die unscheinbare Dame aufmerksam gemacht hatte. Eins muss man ihr lassen: Die Frau Merkel lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen! Taktik bis in die letzte Synapse …

Wir umarmen uns, und Kim nimmt die U2, and I the U6. “The U6 is over there, you will see that!” habe ich schon vorhin zu einer englischen Lady gesagt, die mich um Rat fragte. Der U-Bahnhof Stadtmitte ist Kinderkram gegen den Alex …

Die U6 bringt mich nach Tempelhof und ich darf in ihr die schönen neuen geformten U-Bahnsitze ausprobieren, die vor zwei Jahren in einer großen Fahrgast-Befragung gewonnen haben. Geschwungenes Plastik, graffity- und vandalismusresistent!

Oben auf dem S-Bahnhof ist es brütend heiß, wohl 32 Grad im Schatten! Und in der S-Bahn ist gleich richtige Sauna! Nochmal umsteigen in Hermannstraße, und dann ab mit der KWer Richtung Adlershof. Dort ausgestiegen nehme ich gar nicht erst den Bus: erstens immer proppevoll, und zweitens wäre das die nächste Sauna! In 5 Minuten bin ich zu Fuß beim Ärztehaus und heiß scheint die Sonne auf den vertrockneten Rasen des Studiogeländes. In den Wäldern rings um Berlin wird heute die höchste Waldbrand-Gefahrenstufe ausgerufen … Total verschwitzt komme ich die schön kühle Praxis und mache mich erstmal in der Toilette frisch. Außerdem kann ich meine Wasserflasche auffüllen, kostbares Naß!

Mein Doc rät mir davon ab, ein anderes Mittel auszuprobieren. Auch Andreas sagte mir am Vormittag: “Never change a running system!” Das weiß ich nur zu gut, als Software-Ingenieur … Mein Betriebssystem soll stabil weiterlaufen und bitte auch kein “Service-Pack 3″ mehr. Das nervt! Ich weiß genau, wenn‘s mal kritisch wird, ein … zwei Pillen eingeworfen und der gedankliche Absturz bzw. Höhenflug ist unterbrochen. So als ob es jetzt im Wald regnen würde, schöner Landregen … dann brennt‘s auch nicht mehr, sondern die Pilze wachsen!

Ich bekomme mein chronisches Attest für die Krankenkasse und mein Rezept und wünsche dem Doc einen schönen Urlaub. Ach, er bleibt nur im Garten, sagt er. Dort ist es auch schön! Schön ist auch der Schatten auf dem S-Bahnhof. Und ein kleiner Luftzug geht, hier in Adlershof eigentlich immer, so wie der Bahnhof in den Himmel gebaut ist …

In der S-Bahn wieder Sauna, aber nur auf kleiner Stufe. Ich freue mich aufs Kino. Denn anstatt bei Mordstemperaturen den Heimweg anzusteuern, möchte ich jetzt Mordsspaß mit 3D! Noch ein Snack in der Schönhauser Allee und ab geht‘s ins COLOSSEUM-Kino. Die junge Frau an der Kasse heißt Ms. Verständnis. Ein schöner Name wie ich finde. Findet sie auch! Was die Arbeitgeber nicht alles mit einem anstellen …

Das Mordsspektakel beginnt, und die Thematik ist schnell erfasst: Aus den Untiefen des Pazifiks kommen riesenhafte Monsterdrachen, die Kaiju, die nur mit ebenso riesenhaften Maschinenkämpfern, den “Jaegern”, gestoppt werden können, in denen zwei Menschen-Piloten per Gehirnkopplung, dem Drift, die Steuerung des Ungetüms übernehmen. Natürlich geht einiges schief: zuviel Mitleid, zuviel Haß, zuviel Neugier, zuviel Verstrahlung, zuviel Erinnerung, zuviel Liebe, zuviel Skrupellosigkeit. Asiatische Hochhäuser werden im Minuten-Takt pulverisiert und ein JAEGER nach dem anderen gibt den Geist auf. Doch im Showdown siegen die Kämpfer mit Herz und Todesverachtung gegen die kaltblütigen Aliens aus der Tiefe, natürlich mit der genre-üblichen Pointe des finalen Overkills. Und vom fiesem Schurken bleibt nur der goldene Schuh übrig …

Aber es war ein Mordsspaß! Und Herz-Schmerz war auch dabei … Wenn die riesenhaften Maschinenkämpfer die Ungeheuer in die Mangel nahmen: hier, nimm dies, nimm das – dann zuckte ich richtig im Kinosessel mit, um meine persönlichen Monster gleich mit fertigzumachen. Eigentlich eine hervorragende Therapie … So ein moderner Science-Fiction-Godzilla-Film ist nicht zu verachten! PACIFIC RIM 3D.

Nach dem Kino war es schon abends und die Temperaturen waren wieder passabel. Runter auf den Ring, eine Station bis Gesundbrunnen, und auf den Zug warten … Ich sehe eine junge Frau sitzen, ein Buch lesend, und mein Herz beginnt zu schmerzen: Sie sieht aus wie meine Frau, meine Noch-Frau! Dasselbe Grün, dieselbe Frisur, fast dasselbe Gesicht!  … Ich habe keinen Kontakt mehr zu meiner Frau, es wird zur Scheidung kommen …

Ein arg hinkender Obdachsloser spricht mich an, um eine mildtätige Gabe. Ich krame in der Hosentasche nach Kleingeld und habe nur ein Zehn-Cent-Stück und ein Zwei-EUR-Stück. Was soll‘s? Ich gebe ihm die zwei Euro und habe dafür ein nettes Gespräch über das Leben als Obdachloser in Berlin. Hier jedenfalls, in Berlin, wird man nicht weggejagt, nicht ständig kontrolliert, man kann bei der Kirche schlafen, wird medizinisch versorgt, zur Not von der Bundeswehr und auch in der S-Bahn wird man in Ruhe gelassen. Wovon lebt er? Von milden Gaben und von Plaste-Pfandflaschen aus Abfalleimern. Die wiegen nicht viel und mit einem Beutel voll hat man schon sein Essen zusammen … Bye, bye Mr. Schwabe in Berlin …

Mein Zug kommt, und es geht ab in den brandenburgischen Kiefernwald-Dschungel …

 

Montag, 22. Juli 2013

 

Lichtenberg Alexanderplatz

Berlin-Motiv Unter den Linden

Stadtmitte

Berliner Spatz Neue SitzeColosseum-Kino

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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