BERLIN geht nach der Uhr – ein Verkehrsratgeber

Erstellt von Bodo am 18. März 2014 – 09:16 -

Wenn es nach der BVG ginge, sollte jeder Berliner ein Jahres-Abo für den öffentlichen Verkehr abschließen. Damit fährt man dann sogar über zwei Monate gratis! Allerdings ist das kleine Kärtchen erst für den schlappen Preis von 914 EUR zu haben. Reiche Rentner zahlen für das Gesamtnetz sogar nur 571 EUR. Für arme Hartz-4-Empfänger gibt es keinen Tarif. Sonst ginge die BVG bzw. die S-Bahn pleite.

Der deutsche öffentliche Nahverkehr, und da steht Berlin als Leuchtturm da, ist etwas, worum uns die Welt und auch gerade die Amerikaner beneiden. Während andere Metropolen von den Highways nur so zerschnitten werden, dominiert in der deutschen Hauptstadt die S-Bahn und die U-Bahn. Diese beiden Fortbewegungsarten haben ihren besonderen Reiz, aber auch ihre besonderen Herausforderungen.

Betrachten wir zunächst die Seite der Fahrgäste: Meistens jedenfalls, kann man in der S-Bahn entspannt sitzen und nach draußen schauen, wie die Stadt-Landschaft langsam vorübergleitet. Es ist eine Dia-Schau der unterschiedlichsten Architektur-, Wohn- und Wirtschafts-Stile und die Mitreisenden nimmt man zwar wahr, doch sind sie nicht so präsent. Die S-Bahn fährt ruhig und hat ihren Rhythmus.

In einer Viertelstunde ist man von Gesundbrunnen bis Ostkreuz. Von da wieder eine Viertelstunde bis Südkreuz. Und von Südkreuz bis Westkreuz ist es, Sie ahnen es, auch wieder nur 15 min weit. Die Ringbahn schließt sich dann wieder bis Gesundbrunnen, und der rot-gelbe Triebwagenzug kommt so nach genau einer Stunde wieder am Ausgangsort an. Berlin geht also nach der Uhr! Natürlich kann man auch in der Gegenrichtung fahren. Von Nord nach Süd bzw. von West nach Ost durchquert man die Innenstadt in nur 28 min, mit dem Kreuzungspunkt Friedrichstraße nach jeweils 16 bzw. 12 min Fahrtdauer.

U-Bahn fahren ist eine ganz andere Sache: Man muss in den Bauch der Berliner Erde und die Bahnsteige sind immer voll mit Menschen. Für Klaustrophobiker nicht so geeignet. Dafür sind in der U-Bahn die Stoiker gefragt, die Schläfer, die Smartphone-Tipper, aber auch die Flirter haben jetzt große Chancen. Denn wohin soll man schauen? Draußen ziehen rasend schnell schwarze Wände vorbei, und in der U-Bahn sitzt man sich gegenüber und muss damit klarkommen, plötzlich wildfremde Menschen anzustarren, mit denen man lieber nichts oder vielleicht doch gerne etwas zu tun haben möchte. Und der schönste Flirt endet abrupt, wenn sie oder er aussteigen muss. Berlin ist grausam! Vorbei, verweht, nie wieder …

Die U-Bahn, die in Berlin immer in kräftiger Eigelbfarbe daherkommt, ist schneller als die S-Bahn. Man kommt von Station zu Station fast im Minutentakt, während es bei der S-Bahn eine Drei-Minuten-Strecke ist. Aber der Haupttakt von Berlin, seine ureigenste Schwingung, das sind 20 Minuten. Während die U-Bahnlinien in der Regel starr sind, mit festen Richtungen, schwingt das Berliner S-Bahn-System in einer fein austarierten Harmonie, deren Richtungsgeber die großen Langstrecken sind. Die Endpunkte der großen Linien, also Potsdam und Ahrensfelde, Blankenfelde und Bernau, Spandau und Strausberg, Oranienburg und Wannsee werden im 20-Minuten-Rhythmus angefahren.

Dazwischen werden die Strecken verdichtet, das heißt z.B. alle 20 min fährt ein Zug von Wannsee nach Mahlsdorf, und, schon haben wir auf der inneren Strecke einen 10-Minuten-Rhythmus. Weil sich aber zwischen Ostkreuz und Westkreuz, zwischen Südkreuz und Bornholmer Straße viele Linien bündeln, so führen die Zugbewegungen aus Hohenschönhausen, aus Ahrensfelde, aus Strausberg und aus Erkner kommend, auf der Stadtbahn zu einem 2-Minuten-Rhythmus der S-Bahn. Will man also nicht weit fahren, kann man sofort jeden Zug nehmen, um z.B. von Ostbahnhof den Savignyplatz im Westen zu erreichen. Will man jedoch nach weiter außerhalb, nach JOTTWEDE, dann muss man u.U. maximal 20 Minuten warten, bis man in “seine” Bahn einsteigen kann.

Die Fahrtzeiten von Endpunkt zu Endpunkt sind beachtlich: von Ahrensfelde bis Potsdam fährt man eine Stunde und 3 Minuten, ebenso von Hennigsdorf bis Teltow, von Spandau bis Strausberg Nord sind es sogar 1,5 Stunden. Woran denkt man da unwillkürlich? Richtig, an eine Toilette! Die gibt es aber in den Zügen nicht, und auf den meisten S-Bahnhöfen auch nicht. Da gilt es, eine gute urologische Planung einzuhalten. Das gilt für Fahrgäste, ebenso aber auch für die Zugführer, wobei letztere wahrscheinlich gewisse “Dienstbehälter” für den Notfall in der Kabine haben.

Das fein austarierte System des Berliner Nahverkehrs, mit seinen Einfädelungen und Ausfädelungen, stellt höchste Anforderungen an Personal und Technik. Im Minutentakt müssen die Weichen richtig gestellt werden, damit die Oranienburger S-Bahn nicht nach Bernau, damit die Wannsee-Bahn nicht nach Spandau fährt. Umgekehrt dürfen sich die die Züge nicht alle gleichzeitig einfädeln. Deshalb ist der Fahrplan die oberste Bibel der S-Bahn. Nur wenn alles pünktlich fahren kann, funktioniert das ganze System. Fällt nur eine Weiche irgendwo aus, wegen Schnee oder Defekt, ist das Chaos programmiert.

So lebt der Berliner also: zwischem perfekten Timing, das wie ein Räderwerk einer Schweizer Taschenuhr funktioniert, und dem Chaos, das ab und zu über ihn hereinbricht, wenn nichts mehr geht, wenn die Züge aus allen Nähten platzen, wenn 20 Minuten im eisigen Wintersturm recht ungemütlich werden können. Wenn man es nicht mehr hören kann: “Liebe Fahrgäste! Wegen einer technischen Störung kommt es auf der Strecke … zu Zugausfällen …” Doch ohne S- und U-Bahn wäre Berlin nicht mehr Berlin. Das sind die Blutadern einer Weltstadt von 3,5 Millionen Einwohnern, die, so hat es jemand errechnet, sogar auf 6 Millionen wachsen könnte, ohne dass die S-Bahn-Leistungsfähigkeit geschwächt wäre. Beschützen und bewahren wir also unsere S-Bahn! Und lassen wir sie nicht kaputtsparen!

Das größte S-Bahn-Netz in Deutschland hat allerdings nicht Berlin, sondern München, die Bayerische Landeshauptstadt. Dort kann man sich nämlich, nach einem Besuch auf dem Viktualienmarkt, gemütlich in einen (unterirdischen) Zug setzen und sich bis an den Starnberger See kutschieren lassen. Doch die Berliner S-Bahn ist eindeutig die Schönere … mit ihrem Rot-Gelb und ihrem unvergleichlichen Stadtpanorama!

Bodo Bodenstein,  18. März 2014

 

Der S-Bahn-Ring

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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