Beutel, Teufel und Beziehungswahn

Erstellt von Bodo am 19. Januar 2013 – 17:44 -

Komisch. Schon wieder fahr ich mit dem ODEG-Schienenbus rein ins Berliner Dorf. Ist einfach bequemer als der volle Regionalexpress.

Am Bahnhof steht ein kleines blondes Mädchen, na ja, junge Frau … und raucht sich eins. Im Zug setzt sich genau diese junge Frau schräg mir gegenüber ins Abteil. Sie hat Tatoos am Hals und an den Händen. Und wer weiß, wo noch überall. Ein kleines schlankes tätowiertes Räuchermädchen! Aber sie hat schöne Augen. Und liest einen dicken Schmöker: John Irving.

Um sie nicht zu sehr anzustarren, schaue ich mir den schönen verschneiten Winterwald an, durch den der Zug braust. Eine schöne Landschaft! Die kahlen Laubbäume, aber auch die Nadelbäume sehen mit Schnee bedeckt viel besser aus. So muss Winter sein!

Nach Bernau wird die Landschaft urbaner: Erst die Vorort-Siedlungen mit den Villen und Einfamilienhäusern und später dann der Schock der Moderne: Plattenbauten bis zum Horizont. Aber die Wohnungen sind wieder begehrt. Denn in der Innenstadt können nur noch Reiche wohnen.

Diesmal fahr ich doch bis Lichtenberg. Der Bahnhof ist echt zum Gruseln. Und das war mal der wichtigste DDR-Fernbahnhof! Jedenfalls, wenn man nach Berlin wollte. Der Leipziger oder der Dresdner Hauptbahnhof sind Paläste dagegen. Im Untergeschoss müsste noch die Toilette sein. Richtig. Aber mit eisener Drehtür gesichert, als gelte es einen terroristischen Anschlag abzuwehren. Das ist Service, wenn man sich in die Hosen macht! Der Putzmann hat ein Herz und lässt mich nach meinem Schimpfanfall an der Seite rein, obwohl mir 40 Cent zu dem 1-EUR-Preis fehlen. Es gibt noch gute Menschen!

Im Obergeschoss laufen zwei Polizisten rum und schauen nach dem Rechten. Oder nach den Rechten. Die Gegend ist bekannt dafür. Wenigstens gibt es einen ROSSMANN. Und eine kleine Schorle für 59 Cent.

Die S-Bahn zuckelt über Ostkreuz. Mal aussteigen und gucken. Hier ist ja immer noch Baustelle: Die Ringbahnhalle ist schon fertig, aber völlig überdimensioniert. Kein Charme mehr von früher! Unten noch die provisorischen Überführungen. Mal sehen, ob Ostkreuz noch vor dem BER-Flughafen fertig wird. Kommt drauf an, wer am besten schlampen kann …

Vorbei an der großen O2-World, wo so gut wie jedes wichtige Konzert gegeben wird. Natürlich keine klassische Musik! Eher so was wie PUHDYS oder noch besser: SILBERMOND! Oder COLDPLAY. Oder Eishockey.

Ein junger Mann fragt mich nach der Station Friedrichstraße. Ist noch nicht so weit, sage ich, ich steige dort auch aus! Das Untergeschoss des selbigen Bahnhof ist komplett eingerüstet. Warum? Wieder Pfusch am Bau: Runterfallende Betonteile hätten beinahe eine Frau erschlagen. So muss wieder nachgebessert werden.

Draußen ein Denkmal: Deutsche Geschichte, die noch gar nicht so lange her ist. Die Deportation, die Verschleppung und der Abtransport der Berliner jüdischen Bevölkerung. Schöne Bronzefiguren. Eine Rose liegt auf den Armen. Leider schon verwelkt.

Es schneit in der Friedrichstraße. Auf dem Weg zum DUSSMANN herrscht ein babylonisches Stimmengewirr: Amerikanischer Akzent, Spanisch, Französisch, Japanisch. Hier ist das Herz der Stadt und das der ausländischen Gäste. Berlin ist der neue Liebling im weltweiten Städte-Tourismus. Hotels schießen an jeder Ecke aus dem Boden, wie Pilze in einem feuchtwarmen Herbst. Berlin ist immer noch sexy!

Wahnsinn! DUSSMANN hat mein Buch! Zwar recht eigensinnig einsortiert, aber sie haben es im Programm! Zwischen “Borderline” und “Stress”. Das muss dokumentiert werden … Dieser Buchtempel hat übrigens alles: eine Auswahl an Büchern, die keine Wünsche offen lässt. Ein Buch über die TREUHAND-Verbrechen in der 90ern lächelt mich an. Aber ich hab noch Schmökerstoff zu Hause auf dem Sofa. Das nächste Mal …

Das WC ist ganz oben. Und überhaupt nicht vergittert. Ein flinker gläserner Fahrstuhl bringt mich hoch und wieder runter. Ich muss los zu meiner Verabredung! Zurück über den rötlichen Marmor-Fußweg vorm DUSSMANN zur Station Friedrichstraße. Menschen über Menschen. Berlin wuselt und wuselt. Schön!

In der S-Bahn schütteln junge Frauen kleine Beutelchen in ihren Händen. Die Dinger sollen wohl irgendwie warm werden. Wegen der kalten Hände! Am Bahnhof ZOO steigen sie aus. Ich muss hier auch raus. Draußen ein neuer Anblick: Das neue Waldorf-Astoria, ein Hochhaus-Hotel der Luxusklasse mitten im Herzen der Westcity. Berlin goes New York City. Beziehungsweise andersherum. Natürlich nur für Gäste mit dickerem Geldbeutel. Ob man sich als Normal-Sterblicher das Marmor-Foyer im Art-Deco-Stil mal anschauen kann? Das wird wohl der Portier entscheiden …

Der Eingang zur U-Bahn ist auch ne Baustelle. Ich bin leicht irritiert. Ein Mann, der offenbar seine besten Jahre hier am ZOO verbrachte, will mir helfen. Vielen Dank! Ich weiß wieder Bescheid und nehme den U-Bahn-Eingang in der Bahnhofshalle. Da kommt sie, die gelbe Berliner U-Bahn. Voll isses! Nur eine Station bis Ernst-Reuter-Platz. Dann steigen auch die meisten wieder aus. Uni-Gebiet.

Wo iss’n nun dat SCHWEINSKE? Ich bin schon fast zu spät. Der Platz ist riesig. Bin ich nun auf der richtigen Seite? Ich dreh mich ein bisschen rum und entdecke das Schweinske-Banner auf einem Baugerüst. Und davor steht meine Verabredung: Kim raucht sich eine. Winke winke!

Drinnen ist es ganz gemütlich. Leider reicht mein Geld nur “für den kleinen Hunger”. Auf dem Weg hierher war leider noch keine Sparkasse. Kim spendiert mir einen Euro. Damit reichts für ein Teller Geschnetzeltes. Sie nimmt Currywurst mit Pommes. Eben eine echte Berlinerin! Ich bin etwas neidisch, aber sie mag nicht tauschen … Spaß muss sein.

Wir quatschen über dies und das. Kims Haare sehen gut aus! Ein Student kommt wieder; er vergaß seinen Schirm am Nachbartisch. Der sah auch gut aus! Der wäre was für Kim … Darf sie ruhig sagen. Wir beschließen noch einen kleinen Spaziergang und bezahlen.

Der Park sieht im Winter schön aus. Aber die Wohnungen hier sind kaum zu bezahlen. Zwei eingepackte Hunde. Eine Joggerin. Wir laufen über weiß-glatte Wege zum See. Ein schönes Foto-Motiv! Und noch eines. Es gibt lauschige Vogelfütterplätze. Eine kleine Kohlmeise lässt Kim ganz nah zu sich heran. Na, sie kennt sich eben aus mit Meisen … die Kim!

Am Parkausgang steht ein hässlicher Seniorenwohnungs-Bunker. Sieht aus wie ein Ozeandampfer. Dazu fällt mir ein Spruch ein. Aus dem Radio, Worte zur Nacht: “Amateure haben die Arche Noah gebaut. Und Profis die Titanic.” Ja ja, den BER-Flughafen bauen auch Profis. Angeblich. “Aber der Bauplan zur Arche Noah war von Gott!” Da konnte ja nix schiefgehen …

Kim meint, Religion ist schon irgendwie wichtig. Und es gebe bestimmt einen Teufel. Zum Teufel, warum geht diese Oma vor uns jetzt bei Rot über die Straße? Hier passiert viel, an diesem Übergang. Wir gehen in ein kleines Café. Ja, Religion ist wichtig … es ist egal, wenn man an Gott glaubt, ob es einen Gott nun wirklich gibt und wie er aussieht. Hauptsache man hat eine Beziehung. Zu ihm.

Haha – ein Beziehungswahn, meint Kim. Sind doch alle krank, die Leute! Der Kaffee kostet nur 1 EUR. Bekomme ich spendiert. Nun bin ich schon 2 EUR schuldig. Aber weil Kim mein Buch mitnimmt, zum Lesen, sag ich einfach: 2 EUR Lesegebühr! Haha, und wir sind quitt.

Sie bringt mich zum S-Bahnhof. Auf Wiedersehen, du Berliner Mädchen, du Berliner Pflanze!!! Bis zum nächsten Mal …

Ja ja, Beziehungswahn kann einen schnell erwischen. Aber bei Kim kann ich mir das abschminken! Sie ist froh, wenn sie nach 19 Jahren Ehehölle ihre Ruhe hat und nur für ihre Katzen sorgen muss.

Gestern hab ich was im BERLINER KURIER gelesen: Beim Bundeswehr-Wachregiment treten verstärkt Fälle von Gynäkomastie auf. Das ist eine krankhafte Vergrößerung der männlichen Brust. Wenn die Soldaten ihren Karabiner 98k an die linke Brust anschlagen, um bei Staatsgästen einen schnittigen Eindruck zu machen, denkt sich die Brust: Ich hab eine Beziehung! Einen Karabiner kannte Gottes Bauplan zwar nicht. Aber ein Baby kennt die Brust schon! Und so denkt sich die männliche Brust: Hier will ein Baby zu trinken haben! Und wächst und wird größer. Nur links!

Ein klassischer Fall von Beziehungswahn …

BERLIN im Januar 2013, von Bodo Bodenstein

Ostkreuz mit WasserturmOstkreuz-Anblick ... nicht mehr langeWaldorf-Astoria am ZOOFriedrichstraßeMein Buch bei DussmannBaumParkteich
Bank am See

 


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