Botschaft aus dem Exil

Erstellt von Bodo am 14. September 2012 – 06:44 -

(von Gabriele)

Ach, liebe Freunde:

Im dichten Nebel eures eisigen Schweigens
Dehnt sich meine Entgleisung ins Uferlose:

Keine Haltepfeiler mehr sichtbar
Auf die ich mich stützen könnte
Keine Hinweisschilder
Die mir das Ziel und die Richtung zeigen
Keine Grenzmarkierungen,
Die mich in meine Schranken weisen.

Ich bin ratlos und fremd hier

Die konturlose Grauzone zwischen uns
Verschlingt in bitterem Sog
Auch die vielen bunten Ideen
Die permanent in einem
Breiten und frei fließenden Strom
Meinem gemarterten Gehirn entweichen
Und in sinnlosem Streben nach Oben
Langsam gegen den nicht mehr
Sichtbaren Himmel driften

Kein Licht erhellt die unheimliche Szenerie:
Die trübe Funzel vernünftigen Denkens
Die trotz ihrer geringen Reichweite
Bisher mein Leben hinreichend belichtet hat
Ist fast vollständig erloschen

Sie beleuchtet gerade noch so meine Füße
Die sich unsicher tastend und sehr langsam
In eine nicht bestimmbare Richtung bewegen.

Vorwärts? Rückwärts? Seitwärts?
Vielleicht sogar ganz und gar ab-wegig ?

Was weiß denn ich!

Alle meine Kerzen habe ich
aufgebraucht oder verschenkt

Auch auf die unübertreffliche Leuchtkraft
Der Sonne kann ich nicht bauen
Denn ihre selbstverständliche Anwesenheit
Erhellt naturgesetzmäßig nur
Die turbulenten Notwendigkeiten der Tage

Ich aber taumle bei Neumond durch eine Nacht
Deren Dunkel nicht schwärzer sein könnte
Als ich es mir jemals vorzustellen wagte

Welcher in seiner maßlosen Gerechtigkeit
Und gnädigen Güte
Unerforschliche, unfassbare Gott
Hat euch bloß damit beauftragt
Mich in diese groben Umstände hineinzustoßen?

Welche Verbrechen habe ich nur begangen
Dass ich so streng bestraft werden muss?

Ich bin mir keiner Schuld bewusst
Stets habe ich ordentlich
- zumindest dem Grunde nach -
Die geltenden Gesetze befolgt
Auch unter widrigen Umständen

Wo und wann habe ich wie gefehlt?
Habe ich euch den Dank vorenthalten
Und zuviel Hohn und Spott
Über auch ausgegossen?

Wie immer es sei:

Lasst meine lautlosen Schreie
Nicht länger unerwidert
In den weiten Räumen
Unserer Seelenverbindung
Wirkungslos verhallen

Lasst uns gemeinsamen aufschauen
Zu jenem unbekannten Gott
Dessen sanftes Lächeln
Mit Nachsicht und Geduld
Meinen irren Taumel
Durch Nacht und Nebel
Beharrlich begleitet

Lasst uns gemeinsam beten
Er möge sein mildes Angesicht
Auch wieder leuchten lassen über mir
Und mir senden seinen himmlischen Frieden
Damit ich wenigstens soweit intakt werde
Dass ich mir selbständig die Nase putzen
Und ordentlich meine Schuhe zubinden kann

Sicher wäre es hilfreich
Wenn ich wieder mühelos und korrekt
Eins und eins zusammenrechnen könnte
Und meine Stimme zurück erhielte
Die sich verzagt und aus Furcht
Vor der geballten Wucht der Ereignisse
In die hintersten Winkel
Meiner Körperlichkeit verkrochen hat
Und dort still und bescheiden wartet
Bis die Luft draußen wieder rein ist
Damit sie unbeschwert herauskommen
Und erneut die großen Töne spucken kann
Für die ich allseits berühmt bin

Möge doch auch die Spucke
Die mir vor Schreck
Einfach weggeblieben ist
Und meinen Gaumen
In eine trockene Wüste verwandelt
Sich wieder einfinden und
Meine Mundhöhle befeuchten
Wie es sich gehört

Liebe Freunde, hört also:

Nahezu endlos könnte ich
Meinen inneren Zustand
Ausführlich und verschnörkelt
Mit zahlreichen Worten umrunden
Und meinen Aufenthaltsort in der Welt
Und auch die Wege dahin präzise beschreiben
Damit ihr mich auf jeden Fall findet
Und tun könnt was getan werden muss

Das mache ich jetzt aber nicht

So Gott will
Werden unsere Wege sich
Noch einmal kreuzen

Oder auch nicht.

Ich mache den Deckel meines prall
Mit Buchstaben, Worten und Sätzen
Gefüllten Schatzkästleins jetzt zu
Und setze mich drauf

Dann warte ich
In stiller Ergebenheit
Auf euer Erscheinen
Den Weltuntergang
Oder meinen Tod

Amen

 


Erstellt in Kategorie Gastbeiträge, Krankheit, Tagebuch | 3 Kommentare »

3Kommentare zu “Botschaft aus dem Exil”

  1. Bodo sagt:

    Liebe Gabriele,

    du findest hier in diesem Gedicht eine Ausdrucksform, um deiner verlorenen Stimme Gehör zu verschaffen. Einfach, um deine Sprache wiederzufinden und sich der Welt mitzuteilen. Deine Verlassenheit und Desorientierung zu beschreiben, und zwar auf eine sehr schöne, fast literarische und poetische Art. Ein Mensch ohne Sprache ist kein Mensch mehr. Und wer weiß: Ob nicht viele große Dichter, die wir kennen, ihre großen Werke nur geschaffen haben, um ihren Gedanken eine Form zu geben und sich derart mitteilen mussten, um nicht verrückt zu werden? Dir viel Kraft und Gute Besserung!
    Bodo

  2. Markus sagt:

    Ich hab einmal gelernt Worte die man nicht in gesprochene Worte fassen kann aufzuschreiben, was für mich neben meiner Fotografie sehr hilfreich ist. Wenn ich dann so mein Gedanken mit denen mancher Musiker vergleiche sehr ich auch ähnliche Parallelen. Dies lässt mich darauf schließen, das Künstler in ihren Werken oft eine Weg suchen ihre Gefühle und Gedanken auszudrücken und zu verarbeiten. Dieses Bewusstsein hilft mir selbst sehr, da ich merke nicht allein mit meine Gedanken da zu stehen.
    Auch ich wünsch gute Besserung!
    LG,
    Markus

  3. Vanessa sagt:

    Wunderschön! Danke

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