Brief an meinen Psychiater

Erstellt von Bodo am 30. März 2011 – 15:03 -

Faszination Gehirnein Brief von Gabriele

Sehr geehrter Herr Psychiater,

ich bin dankbar, dass Sie die Resultate meines dreizehnjährigen Bemühens um Beherrschung meiner schizophrenen Symptomatik würdigen und anerkennen und mich dadurch in meinem Tun bestärken. Nach allem sehe ich jetzt doch ein, dass es nicht in meiner Macht liegt, die psychotischen Gesetzmäßigkeiten, nach denen mein Gehirn funktioniert, zu überwinden. Heilung wird und kann es für mich nicht geben und ich nehme Abschied von der Vorstellung, jemals wieder normal und gesund zu werden. Ich stehe am Ende einer Sackgasse und blicke auf den Weg zurück, den ich gekommen bin. Mein Rucksack ist voller Fundsachen, die ich am Wegesrand eingesammelt und mitgenommen habe und mein Kopf ist voll von den Abenteuern und Erfahrungen, die ich unterwegs machen musste bzw. durfte. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich die gemachten Erfahrungen ausgewertet habe und – darauf aufbauend – mir einen neuen Weg suche, eine neue Richtung, ein neues Ziel.

Das Wertvollste, was ich mir auf meinem Bewusstwerdungsweg erworben habe, ist die Vertrautheit mit meinem Gehirn, das mir auf meinem Weg auf Schritt und Tritt gefolgt ist. Mal lief es neben, mal hinter mir, mal voraus. Hin und wieder stellte es sich mir in den Weg und versuchte, mich aufzuhalten. Dann wieder blieb es sitzen und wollte nicht mehr weiterlaufen. Dann musste ich es ein Stück tragen, bis es wieder bei Kräften war. Hin und wieder stritten wir auch über das Tempo, denn es lief oft so schnell, das ich kaum mitkam.

Jedenfalls bin ich jetzt, nach all den gemeinsam erlebten Strapazen, aufs innigste mit meinem Gehirn vertraut und schmiede schon Pläne, wohin unsere nächste Forschungstour gehen soll.

Ich bin sehr dankbar, dass der Schöpfer mich mit einem derart munteren, quicklebendigen und schöpferischen Organ ausgestattet hat, das unermüdlich Ideen, Bilder, Gleichnisse und Assoziationen produziert und mein ganzes sonstiges Wesen mit diesen Inspirationen durchdringt und beseelt. Ich kann jedoch nur einen kleinen Teil dessen aufnehmen und umsetzen, wozu es mich auffordert und inspiriert. Der größte Teil seiner geistigen Produktion hat auch keinen praktischen Nutzen und ist im normalen Alltagsleben nicht verwertbar. Mein Gehirn lebt in und aus anderen Dimensionen als der Rest meines Wesens und ist permanent bestrebt, mich aus den realen Verhaftungen und Verwicklungen herauszuziehen.

Mein Gehirn ermüdet nur schwer und braucht auch keinen Schlaf wie mein Körper. Es verfügt auch nicht über einen Schalter, mit dem man es abschalten könnte, wenn es sich heiß gelaufen hat. Es ist unermüdlich am Schaffen und Werkeln und dies umso intensiver, je mehr mein Körper entspannt seine Aktivitäten herunterschraubt. Wenn ich in lebenspraktische Anforderungen, soziale Verpflichtungen und gesellschaftspolitische Zwänge eingespannt bin und mein aktives Tätigsein in der Welt Konzentration und Intelligenz erfordert, lässt die schöpferische Dynamik meines Gehirns etwas nach und es wird ruhiger. Es lässt sich jedoch nur widerwillig für meine Zwecke einspannen, es sträubt sich, meinen willentlichen Vorgaben zu folgen und lenkt mich permanent durch phantasievolle Störimpulse von meinen realen Absichten ab. Ich will einen geraden Weg gehen, mein Gehirn aber wandelt lieber auf verschlungenen Pfaden. So sind wir ständig im Clinch, wer in meinem Organismus das Sagen hat: der zielgerichtete egozentrische Wille, der sich an den Notwendigkeiten und Erfordernissen der Realität orientiert oder dieses undisziplinierte, verspielte Organ, das unkonventionelle Lösungen bevorzugt und mit dynamischer Kraft nach Expansion strebt.

Stellen Sie sich vor, ich will einen Einkaufszettel schreiben. Das mache ich eigentlich immer, weil ich beim Einkaufen einen Halt brauche, damit ich nicht in dem unübersichtlichen und aufdringlichen Warenangebot der kapitalistischen Überfülle die Orientierung verliere. Nehmen wir an, ich wolle Schweinebauch kaufen. Also schreibe ich auf: Schweinebauch. Vor meinem geistigen Auge erscheint ein knusprig gegrillter Schweinebauchlappen. Dann taucht die Frage auf: Wo kommt der her? Ich sehe ein Schwein. Dann sehe ich viele Schweine, die sich gequält auf engem Raum drängeln. Massentierhaltung. Schweinehälften, die in einem gekachelten Raum an  Haken baumeln. Plötzlich bin ich durchdrungen von einem großen Schmerz. Die Verbrechen der Menschheit an der Schöpfung werden mir (wieder einmal) bewusst. Und schon bin ich mit meinem Bewusstsein am Ende der Welt. Dabei wollte ich doch bloß einen Einkaufszettel schreiben!

So geht es mir oft, eigentlich immer. Der Ausgangspunkt meines Denkens und Tuns ist eine einfache, konkrete Aufgabe und mein Gehirn ordnet diese Aufgabe vollautomatisch in einen übergeordneten Zusammenhang ein. So lande ich – ausgehend von einem realen, überschaubaren Problem – immer in wenigen Schritten bei philosophischen Grundsatzfragen.  Das läuft von jedem beliebigen Punkt der Erfahrung ausgehend immer nach dem gleichen Muster ab und endet regelmäßig bei der nicht zu beantwortenden Frage nach dem Sinn des Ganzen.

Der gesunde Menschenverstand nimmt in der Gesamtkapazität  meines Gehirns einen zwar zentralen, aber doch ziemlich kleinen Raum ein. Er ist zwar immer anwesend und nimmt Einfluss auf das Geschehen, seine Autorität reicht jedoch nicht aus, die schöpferischen Prozesse des Gesamtgehirns in brauchbare, der Realität angemessene Ergebnisse zu verwandeln. Er ist mehr oder weniger machtlos den Turbulenzen der Gesamtaktivität ausgeliefert und wird phasenweise von diesen Strömungen überflutet und weggeschwemmt. Durch dieses Geschehen hat sich der gesunde Menschenverstand eine gewisse Bescheidenheit angeeignet und agiert nur noch auf einem sehr praxisbezogenen Niveau. Wenn es um wirklich Wesentliches geht, hält er sich zurück und überlässt das Regiment den kreativen Kräften.

Die Schaffenskraft meines Gehirns ist nahezu unbegrenzt und manchmal habe ich vollen Zugang zu seinen schöpferischen Möglichkeiten. Obwohl mein Gehirn im allgemeinen sehr ungehorsam ist und mir ständig auf der Nase herumtanzt, lässt es sich leicht einspannen, wenn es um menschliche Kommunikation oder soziale Interaktion geht. In diesem Kontext dient es mir willig und stellt mir kooperativ sein ganzes Potenzial zur Verfügung. Gleichzeitig nimmt mein Gehirn über diesen sozialen Kanal auch Nahrung auf, es holt sich von anderen Menschen Informationen und Inspirationen und verwandelt diese dann in dem ihm eigenen kreativen Prozess in Erkenntnisse und Orientierungen.

Ein weiterer Bereich, in dem sich die schöpferischen Kräfte meines Gehirns gut kanalisieren lassen, ist das Schreiben. Mein Gehirn verfügt über einen großen Wortschatz, den es mir bereitwillig zur Verfügung stellt, wenn ich versuche, meine komplexen Wahrnehmungen, Befindlichkeiten, Überlegungen oder was auch immer, in Worte zu fassen. Über den kreativen Prozess des Schreibens schaffe ich so ganz nebenher Ordnung in den meist unaufgeräumten Schränken und Schubladen, in denen mein Gehirn seine Sachen aufbewahrt. Mein Gehirn ist meist erleichtert und sehr dankbar, dass ich diese Aufräumarbeiten erledige und auch ich bin froh und zufrieden, wenn diese notwendige Tätigkeit zu sichtbaren Ergebnissen führt.

Die Fähigkeit meines Gehirns, neues Wissen aufzunehmen und zu speichern, hat seit einigen Jahren deutlich nachgelassen. Die vorhandenen Speicherkapazitäten sind offensichtlich ausgeschöpft und die Kanäle der Wissensübermittlung verstopft.  Möglicherweise sind in meinem Gehirn noch Räume vorhanden, die sich als Wissensspeicher nutzen ließen, doch mein Gehirn weigert sich beharrlich, die Zugangswege zu diesen Räumen freizumachen. Neues Wissen, das sich im Eingangsbereich drängelt, wird nicht mehr hereingelassen. Allein durch die Hintertür und durch die Vermittlung anderer Menschen findet hin und wieder eine wichtige Information den Weg ins Innere.

Mein Gehirn hat eine sehr gute Verbindung zu meiner Wahrnehmung und nimmt bereitwillig alle Eindrücke auf, welche die Wahrnehmung ihm liefert. Da meine Wahrnehmung überaus fleißig ist im Sammeln von Informationen und unkritisch alles einheimst, was ihr über den Weg läuft, bringt sie meinem Gehirn permanent Berge von unsortiertem Material zum Ordnen und zur Weiterverarbeitung. Hierbei kommt es hin und wieder zu Störungen oder einem Stau, da mein Gehirn mit dem Arbeitstempo und der Aufnahmekapazität meines Wahrnehmungsapparates kaum Schritt halten kann. Es war deshalb in der Vergangenheit auch schon mehrfach notwendig, von der normalen Funktionsweise (gewöhnliches Bewusstsein ) auf die psychotische Funktionsweise (außergewöhnlicher Bewusstseinszustand) umzuschalten, um diese Unmengen von Informationen zu bewältigen. Normale Ordnungs- und Denkstrukturen reichen oft nicht aus, die Informationsflut, die meine wache, übersensible Wahrnehmung  verursacht, aufzufangen und einzuordnen.

Meine Wahrnehmungsfunktion ist auch nicht zwingend an die Leistungsfähigkeit meiner Sinnesorgane gebunden, sondern nimmt darüber hinaus auch Eindrücke aus den paranormalen, übersinnlichen Bereichen auf und konfrontiert mein Gehirn mit der komplizierten Aufgabe, aus diesen Einströmungen eine praktisch verwertbare Information zu basteln. Diese Anforderung bringt mein Gehirn regelmäßig an seine Leistungsgrenze und es schaltet dann zu seiner Entlastung von der gewöhnlichen auf die außergewöhnliche Funktionsweise um. Das wird dann von der psychiatrischen Schulmeinung psychotisch oder schizophren genannt.

Ich habe mich im Laufe der Jahre an die unkonventionelle Arbeitsweise meines Gehirns gewöhnt und mir eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit seinen Herausforderungen angeeignet. Ich lasse mich nicht mehr von jeder verrückten Idee zu bizarren Handlungen treiben, sondern halte still und lasse die phantastischen Kraftströme passiv durch mich hindurch fließen. An meinem Arbeitsplatz hängt ein Zettel, auf dem steht : „Verharre unbewegt !“ An diese Anweisung halte ich mich, so gut es eben geht.

Bei aller Sympathie ist es doch sehr anstrengend, permanent den Impulsen eines derart aktiven und dynamischen Organs ausgesetzt zu sein und deshalb entscheide ich mich jetzt dafür, die chemische Keule zu schwingen und dieses ungezogene Ding mit Gewalt in seine Schranken zu weisen. Meine langjährigen, erzieherischen Bemühungen, meine Appelle an die Vernunft, mein Bitten und Flehen um Schonung: all das hat nichts bewirkt. Ich bin am Ende meiner Möglichkeiten und meiner Geduld angelangt und möchte nicht länger strapaziert und in Atem gehalten werden. Ich bin müde und erschöpft. Mir geht es wie dem Abenteurer aus Bertold Brechts Ballade :

Schlendernd durch Höllen und gepeitscht durch Paradiese
Still und grinsend, vergehenden Gesichts
Träumt er gelegentlich von einer kleinen Wiese
Mit blauem Himmel drüber und sonst nichts.

Ein Text von Gabriele
www.aquarius-handbuch.de

 


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