Botschaft aus dem Exil

Erstellt von Bodo am 14. September 2012 – 06:44 -

(von Gabriele)

Ach, liebe Freunde:

Im dichten Nebel eures eisigen Schweigens
Dehnt sich meine Entgleisung ins Uferlose:

Keine Haltepfeiler mehr sichtbar
Auf die ich mich stützen könnte
Keine Hinweisschilder
Die mir das Ziel und die Richtung zeigen
Keine Grenzmarkierungen,
Die mich in meine Schranken weisen.

Ich bin ratlos und fremd hier

Die konturlose Grauzone zwischen uns
Verschlingt in bitterem Sog
Auch die vielen bunten Ideen
Die permanent in einem
Breiten und frei fließenden Strom
Meinem gemarterten Gehirn entweichen
Und in sinnlosem Streben nach Oben
Langsam gegen den nicht mehr
Sichtbaren Himmel driften Weiterlesen…»


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Meine Geschichte

Erstellt von Bodo am 3. Juli 2012 – 16:15 -

Eine Leserzuschrift, anonym:

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meine geschichte

1969 : geburt, wieder mal? wen interessierts…
- : mama, warum umarmst du mich nie?…
- : papa benutzt mich als fussball, autsch…
- : ich kann keine nähe ertragen…
- : bloß keine gefühle zulassen, schadet eh nur…
- : ich liebe euch mädchen, aber kommt mir nicht zu nah…
1991 : erster und letzter sex…
- : alkohol, angst, panik…
2003 : kellner, einmal eine psychose bitte, danke…
2005 : wellnessurlaub in der klinik, mal richtig ausspannen…
2009 : arbeit in einer werkstatt, es geht aufwärts :)…
2012 : krisen, einsamkeit, unendliche sehnsucht…
2012, 11.april: ich kann nicht mehr…
ich-kann-ein-fach-nicht-mehr…
tränen…
warum ich…
wieso kann ich nicht gesund sein…
warum helfen die medikamente nicht…
wieso habe ich so große angst vor frauen…
tränen…
ich will lieben…
ich will geliebt werden…
ich will sex haben…
ich will nicht verletzt werden…
ich will kinder…
ich will der beste vater werden…
tränen…
was für ein scheißleben…
umbringen? ich lach´ später drüber…
tränen…
verdammte scheiße…
verdammte verdammte scheiße verdammte…
ich hab kein bock mehr…
ich habe echt kein bock mehr…
wut…
leck mich am arsch du scheißleben…
leck-mich-am-arsch…
ich bin kein opfer…
schon besser…
ich merke…
ich bin stark…
trotz allem…
tränen…
zuversicht…
ich bin ein mensch…
ich kämpfe…
was die zukunft bringt? wer weiß…
manche frauen…
mögen sensible Männer…

 

 

 


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Die Urzeitsippe

Erstellt von Bodo am 31. März 2012 – 08:52 -

Neulich habe ich mal in einem schlauen Buch gelesen, dass der Mensch viele Hunderttausende von Jahren nur in Familien- und Stammesverbänden von maximal 160 Individuen gelebt haben soll, dem Stammesverband – der Urzeitsippe.

Und weiter stand geschrieben: Diese Fähigkeit der Beziehungsaufnahme hat der Mensch bis heute sich erhalten. Anders gesagt: Mehr Kontakte braucht eigentlich kein Mensch, und er kann auch nicht wirklich mehr als 160 echte Beziehungen eingehen, seien da auch noch so viele Facebook-Freunde auf der Liste …

160 Personen – das ist heutzutage ein hübsches kleines Dorf, wo es überall auf der Welt und in Deutschland vorkommt. Und jeder weiß über jeden Bescheid! So ist das eben auf dem Dorf und in der Ursippschaft.

Da kann man sagen: Ein Stadtbewohner aus Berlin oder München, aus jeder beliebigen Großstadt, hat doch jeden Tag so viele Kontakte. Im Nahverkehr, im Job, in der Freizeit – was da im Monat an Personen zusammenkommt, das sind doch Tausende? Aber sind es echte Beziehungen? Spricht man wirklich mit allen diesen Leuten? Ist es mehr als ein flüchtiger Blickkontakt?

Schon Tucholsky beklagte die Kurzlebigkeit eines Kontaktes in der Großstadt: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick – die Braue, Pupillen, die Lider – Was war das? – vielleicht dein Lebensglück … – vorbei, verweht, nie wieder.

Vielleicht ist es auch die Flüchtigkeit dieser Kontakte und das massenhafte, wiederholte Auftreten dieser Kalamität, das den Menschen krank macht: Studien belegen, dass Schizophrenie z.B. vermehrt unter Großstadtkindern auftritt.

Auf der anderen Seite kann man vielleicht auch sagen: Hat ein Mensch weniger als 160 echte Beziehungen, fühlt er sich nicht ausgefüllt, er oder sie leidet dann an einem Mangel an Kontakten und neigt zu Depression und Selbstzweifel.

Jeder kann diesen Test machen: Wieviele echte Beziehungen habe ich? In die Mitte des Blattes schreibt man “ich” (Berliner schreiben “icke”) und drumherum gruppiert man die Menschen die einem nahe stehen: Je näher die Beziehung, desto dichter dran. Und all die Menschen, mit denen man im Laufe einer Woche, eines Monats, eines Jahres freundlich Worte wechselt …

Und was soll ich sagen? Meine Großstadtkontakte und Familienbeziehungen summieren sich wie von Geisterhand gesteuert um die Zahl 160!

Probiert es aus!
Euer Bodo

 

 

 

 

Gedicht: Augen in der Großstadt von Kurt Tucholsky (1890-1935)

 


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Eine andere Weihnachtsgeschichte

Erstellt von Bodo am 11. November 2011 – 16:06 -

Erinnerung an WeihnachtenOh, Du fröhliche, Oh Du selige …

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte
von Gabriele

Das Weihnachtsfest in meiner Herkunftsfamilie war eine sich jährlich gleichbleibend wiederholende Katastrophe. Vorausschicken muss ich die Information, dass mein Vater Alkoholiker war und dass diese Tatsache zu den in Alkoholikerfamilien typischen Verwicklungen und Streitigkeiten zwischen den Eltern führte. Da mein Vater als Werkführer bei der Bundesbahn unter der Woche auf Montage war, beschränkten sich die – handgreiflichen – Zänkereien auf das Wochenende. Wir Kinder, mein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder und ich, lernten früh, die sich anbahnenden Spannungen und Feindseligkeiten zu erfühlen und uns rechtzeitig unsichtbar zu machen, denn es konnte durchaus sein, dass man im Eifer des Gefechtes wegen irgendeiner längst vergessenen Unartigkeit in das Gerangel mit einbezogen wurde und auch ein paar Hiebe abbekam.

Meine Mutter – der Prototyp einer tüchtigen Hausfrau – nahm es mit Weihnachten ziemlich genau. Schon Wochen vorher wurden Plätzchen gebacken, der Christbaumschmuck aus dem Keller geholt, Weihnachtskarten auch an die entfernteren Verwandten geschrieben, Geschenke eingepackt und sonstige Vorbereitungen getroffen. Mama war voll im Stress. An Heiligabend war sie dann so etwa auf dem Gipfel ihrer hektischen Umtriebigkeit und sehr gereizt, weil mein Vater sich in keinster Weise in ihre Aktivitäten hineinziehen ließ. Er saß stoisch am Küchentisch, blätterte genüsslich in der Bild-Zeitung und trank seinen bevorzugten Weißwein. Weihnachten war für ihn “Weiberkram” und ging ihn nichts an; der ganze Aufwand war ihm nur lästig und er ließ das Unvermeidliche murrend und widerwillig über sich ergehen. Weiterlesen…»


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Einfluss von Film und Fernsehen

Erstellt von Bodo am 21. September 2011 – 08:32 -

Vor ein paar Tagen erreichte mich diese Zuschrift, in der eine Leserin nach der Bedeutung von Filmen für die Psychose fragte:

Guten Tag Bodo,

neulich bin ich auf Ihre Seite gestossen und gleich danach Ihr Buch bestellt und gelesen. Zuerst ich möchte Ihnen DANKE sagen. Danke Bodo, dass Sie eine Website erstellt und dieses wunderbare Buch veröffentlich haben! Ich habe diese Krankheit, nämlich Schizophrenie, nie näher kennen gelernt, aber jetzt habe ich eine ungefähre Vorstellung davon, und das hilft mir, mich in die Situation der Betroffenen zu versetzen. Ich glaube, dass es sicherlich nicht einfach für jeden ist, sich zu öffnen und von seinen schlimmsten Erfahrungen zu erzählen. Aber Ihre Absicht, dadurch anderen Betroffenen und Unwissenden der Krankheit näherzubringen, finde ich sehr bewundernswert!

Nun möchte ich zum Punkt kommen, warum ich Ihnen diese Email schreibe, ausser dass ich Ihnen danken möchte. In der Schule bin ich im Projekt “Musik Art Show” und ich sollte eine schriftliche Arbeit schreiben, die irgendwie einen Bezug auf diese Themen hat. Als manche Wahnerlebnisse im Buch geschildert werden, haben sie mich an einige Filmsequenzen erinnert (welche genau kann ich leider nicht sagen). Deshalb frage ich mich, ob bestimmte Filme bzw Filmszenen in Ihrer Psychose vorgekommen sind. Und wenn das der Fall ist, aus welcher Genre oder welchem Themenkreis? Ich habe gelesen, dass Sie in der Psychose Bezüge aus TV und Filmen als auf sich bezogen interpretiet haben, diese meine ich nicht, sondern Filme, die Sie schon früher gesehen haben und dann aufgetaucht sind, als Sie Ihre Einbildungszeit durchmachten. Ist das passiert? Wenn nicht, möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen, weil ich einfach irgendeinen Blödsinn geredet und Sie vielleicht gar verwirrt habe.

Zum Schluss möchte ich meinen Dank an Ihre Frau richten. Sie und Ihre Frau haben einander unterstützt. Das gibt es leider nicht überall und ich finde das sehr wervoll.
Ich wünsche Ihnen beiden schöne Zeiten!

Freundliche Grüsse
Mandy


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Alternative Therapie der Schizophrenie – eine Buchempfehlung

Erstellt von Bodo am 7. Juli 2011 – 13:11 -

Die in der Schweiz lebende Belgierin Anouk Claes hat eine besondere Art, ihre Patienten zu behandeln.  Sie ist eine Sehende mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, und ihre Gaben setzt sie ein um zu helfen. Die Hilfesuchenden, die sie aufsuchen, werden weder klassisch psychiatrisch, noch mit herkömmlichen psychologischen Methoden behandelt.

Man könnte sagen, Anouk Claes ist ein Medium. Sie sieht es den Leuten an, wo ihr Problem liegt. Zumindest bekommt sie es nach einer kurzen Unterhaltung heraus. Und später sogar noch das Problem, was hinter dem Vordergründigen liegt. Ihre Erfahrungen legt die Psychologin und Autorin in mehreren Büchern dar: Im vorliegenden Buch “Durchsichtig – Hellsichtigkeit und wie Sie am besten damit umgehen” präsentiert  Anouk Claes dem Leser eine Auswahl an Fällen aus ihrer Behandlungserfahrung.

Die Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis sind sehr vielgestaltig in ihrer Symptomatik. So leiden nicht alle Patienten am selben Muster – vielmehr kann ein bestimmtes Problem einen Kranken sehr belasten; ein anderer hingegen kann einen bunten Mix von verschiedenen Problemen (=Symptomen) mit sich herumschleppen. Dieses ganze Sammelsurium an möglichen Fällen legt die Autorin in 20  fiktiven Behandlungs-Geschichten dar.

Anouk Claes, die auch mit anerkannten Psychiatern zusammenarbeitet, gibt ihren Klienten eigentlich ganz einfache Übungen mit auf den Nachhauseweg. Sie sollen nicht länger Gefühle verdrängen, seien sie positiv oder negativ. Sie sollen sich ihren Ängsten stellen. Sie sollen spüren, dass entweder ihr Ego oder ihr Geist mehr Beschäftigung oder Zuwendung braucht.

Dabei betont die Autorin immer wieder außersinnliche Wahrnehmungen als Quelle verschiedener Symptome: geistige Verschmelzungen mit der Umwelt, Kommunikation mit Verstorbenen oder Geistwesen, telepathische Fähigkeiten oder Einblicke in andere Welten. Dies sieht sie nicht als krankhaft an, sondern bestärkt ihre Patienten, diese Fähigkeiten zu erspüren,  auszubauen und kontrollieren zu lernen. Viele der außersinnlichen Symptome kennt Anouk Claes aus eigener Erfahrung seit ihrer Kindheit; sie hat einen Weg gefunden, damit umzugehen.

Ein wichtiges Hilfsmittel ihrer Behandlung ist die Arbeit mit Gefühlen. Oft ist es gerade die Unterdrückung von Gefühlen – jahrelang, jahrzehntelang – die zum Ausbruch einer krankhaften Störung führt. Anouk Claes leitet ihre Patienten darin an wieder Trauer, Hass und Wut zu spüren; oder aber genauso auch Liebe und Glück; zu spüren, dass man Zuwendung braucht oder eine Herausforderung – sei es eher auf der Handlungsbasis des Ego oder der des Geistes.

Mit ihrem Buch stellt die Autorin eine gänzlich andere Therapiemöglichkeit von Psychosen vor. Keine Stigmatisierung, keine Zwangsbehandlung, (fast) keine Medikamente, keine Hospitalisierung. Dafür ein einfühlsames Erspüren des Kerns der Symptomatik – in fairen, respektvollen begleitenden Therapiestunden.

Im Folgenden eine kleine Übersicht, welche Heilungsansätze Anouk Claes für bestimmte Symptome ansieht:

Stimmen: Verdrängte negative Gedanken und Gefühle suchen sich einen Weg ins Bewußtsein. Es kommt darauf an, solche Emotionen wie Wut, Hass und Trauer bewußt zu spüren und zuzulassen.

Geistige Bedrohung durch andere Menschen: Einsamkeit führt dazu, dass sich die Verbundenheit mit anderen Menschen auf diese (krankhafte) Art äußert. Das Ego braucht Zuwendung, man soll Kontakte knüpfen. Und man soll keine Angst haben vor anderen, denn die meisten Menschen können bewußt keinen geistigen Kontakt herstellen. Auch beim Gefühl des Beobachtetwerdens ist der Grund oft ein unterfordertes Ego.

Weltverbesserungsideen: Sie entspringen einer unterdrückten Wut, einem unterdrückten Ego. Wichtig ist, wieder die Wut in sich zu spüren und zuzulassen. Es kommt darauf an, mehr an sich und seine Bedürfnisse zu denken.

Bedrohung und Verschwörung “wie im Film”: Der Betroffene sollte bewußt diese Szenarien untersuchen, am besten mit Anleitung, und erkennen: unsere Realität sieht anders aus!

Veränderte Wahrnehmung: Grund ist die Flucht vor unerträglichen Ängsten in den Geist. Es kommt darauf an, die eigene Angst besser kennenzulernen. Man darf sie nicht bekämpfen, man muss mit ihr leben lernen!

Botschaften über Zeitung und Fernsehen / Mission: Ursache ist eine große Einsamkeit. Man braucht Zuwendung und eine Aufgabe. Wenn man schon nicht mit realen Personen kommunizieren kann, dann schadet es auch nicht, sich mit selbst erschaffenen Geistwesen zu unterhalten und in Verbindung zu bleiben.

Mission, die Welt zu retten / auf “Befehle” warten: Ursache kann eine starke außersinnliche Wahrnehmung sein. Er oder sie hat “es” sich erschaffen, weil ihm oder ihr dieses fehlte. Oft gab es in der Kindheit frühe telepathische Fähigkeiten; eine intensive geistige Verbindung zu einer anderen Person. Es kommt darauf an, diese Person wieder zu finden oder eine ähnlich intensive geistige Verbindung zu einem Menschen aufzubauen.

Übersteigerte Wahrnehmung von Farben / Gerüchen / Gegenständen / Menschen: Die Tür zur außersinnlichen Wahrnehmung wurde geöffnet (z.B. durch Drogen o.ä.) und geht nicht wieder zu. Die geistige Verbindung zu den Dingen ist angsteinflößend. Man sollte diese Wahrnehmungen kontrollieren lernen; durch Konzentrationsübungen lernen, aus der geistigen Verbindung auch wieder auszusteigen, wann immer man es will. Der Glauben bestimmt die geistigen Bilder. Ein veränderter Glaube führt auch zu veränderten geistigen Bildern und Wahrnehmungen.

Religiöser Wahn / “Messias”: Zu starker Druck im Beruf z.B. beraubt den Menschen seiner Möglichkeit, seine Liebe zu leben und für andere da zu sein. Man sollte Raum schaffen für das Weitergeben von Liebe, sich bewußt mit Religion und Kirche im realen Leben beschäftigen, evtl. auch in Urlaub und Freizeit.

“Film”-Gefühl: Das Verhältnis von Geist und Ego ist nicht ausgeglichen. Bei jedem Menschen ist die gesunde Balance eine andere. Hier sollte der Geist mehr gefordert weren. Anspruchsvolle Probleme lösen oder knifflige und schwierige Computerspiele spielen, wären eine Art des Ausgleichs und der Heilung.

Anouk Claes bestärkt ihre Patienten in der positiven Sicht auf ihre Wahrnehmungsfähigkeiten. Diese besonderen Fähigkeiten werden bei ihr nicht pathologisiert und unterdrückt, sondern gestaltet und Möglichkeiten gesucht, dass diese Wahrnehmungen nicht übermächtig und angsteinflößend sind. Dabei lehnt sie in Fällen, wo erst einmal eine Therapiefähigkeit hergestellt werden muss, den Einsatz von Medikamenten nicht grundsätzlich ab. Einziger Kritikpunkt: Sie klärt ihre Patienten nicht darüber auf, dass der Rest der Welt sie als krank einstuft. Dass ein Arzt womöglich die Diagnose Schizophrenie stellen würde. Damit nimmt sie den Patienten andere Einsichtsmöglichkeiten in ihre Symptomatik. Es ist verständlich: Viele Betroffene würden die Behandlung sofort abbrechen und beleidigt von dannen ziehen.

Das große Plus ihrer Behandlungart: Die Patienten werden nicht aus ihren gewohnten Beziehungen, ihrer beruflichen Tätigkeit herausgerissen; nicht wochenlang ins Krankenhaus verfrachtet, wo meistens nur über Medikamente geredet wird. Und nicht über die eigentlichen Probleme. Viele ihrer Patienten lernen, mit ihren Wahrnehmungen umzugehen und können weiter in Beruf und Gesellschaft funktionieren.

Eine Rezension von Bodo Bodenstein www.pahaschi.de

Anouk Claes / Karin Kastner: DURCHSICHTIG – Hellsichtigkeit und wie Sie am besten damit umgehen
Allinti Verlag St. Gallen 2010
Paperback – 140 Seiten
ISBN 978-3-905836-08-0

 


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Mein lieber Mann ist krank

Erstellt von Bodo am 3. April 2011 – 12:49 -

(ein Feedback einer Angehörigen, Name geändert)

Lieber Bodo,

 

es ist sehr mutig, solch einen persönlichen Bericht (siehe Tagebuch – d.R.) zu schreiben. Mein Mann befindet sich gerade in einer psychiatrischen Klinik. Er ist an einer schizophrenen Psychose erkrankt. Allerdings auch nicht das erste Mal. Er ist 1961 geboren und erkrankte zum ersten Mal 1981 während seiner Ausbildungszeit als Funker in der Bundeswehr. Das 2. Mal im Jahr 2000 und eben jetzt wieder. Dies geschah immer nach Stressphasen, die ich immer versucht habe von ihm abzuhalten, aber er war nicht einsichtig und nicht zu bremsen. Ich kenne ihn seit 1980 und liebe ihn sehr. Er ist nämlich ein ganz toller Ehemann u. Papi. Beim ersten Mal war es für mich sehr schwierig damit umzugehen habe mich aber mit der Thematik befasst um besser zu verstehen, was los ist. Es ist ja heute wesentlich einfacher da man vieles durchs Internet erfährt.

 

Lieber Bodo, ich hoffe du kannst gut leben mit deiner Krankheit. Es ist nichts vor dem man sich schämen muss. Im Gegenteil die Umwelt sollte sich schämen, da sie dies zum Tabuthema machen.

 

Außerdem die Leute mit psychischen Erkrankungen, sind alle sehr intelligent und da liegt wahrscheinlich das Problem. Es reicht nicht 100 % Leistung, nein ihr wollt alles perfekt, eben über die Grenzen leisten.

 

Ich wünsche dir viel Glück auf deinem weiteren Lebensweg.
Liebe Grüsse, Gesine

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Brief an meinen Psychiater

Erstellt von Bodo am 30. März 2011 – 15:03 -

Faszination Gehirnein Brief von Gabriele

Sehr geehrter Herr Psychiater,

ich bin dankbar, dass Sie die Resultate meines dreizehnjährigen Bemühens um Beherrschung meiner schizophrenen Symptomatik würdigen und anerkennen und mich dadurch in meinem Tun bestärken. Nach allem sehe ich jetzt doch ein, dass es nicht in meiner Macht liegt, die psychotischen Gesetzmäßigkeiten, nach denen mein Gehirn funktioniert, zu überwinden. Heilung wird und kann es für mich nicht geben und ich nehme Abschied von der Vorstellung, jemals wieder normal und gesund zu werden. Ich stehe am Ende einer Sackgasse und blicke auf den Weg zurück, den ich gekommen bin. Mein Rucksack ist voller Fundsachen, die ich am Wegesrand eingesammelt und mitgenommen habe und mein Kopf ist voll von den Abenteuern und Erfahrungen, die ich unterwegs machen musste bzw. durfte. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich die gemachten Erfahrungen ausgewertet habe und – darauf aufbauend – mir einen neuen Weg suche, eine neue Richtung, ein neues Ziel.

Das Wertvollste, was ich mir auf meinem Bewusstwerdungsweg erworben habe, ist die Vertrautheit mit meinem Gehirn, das mir auf meinem Weg auf Schritt und Tritt gefolgt ist. Mal lief es neben, mal hinter mir, mal voraus. Hin und wieder stellte es sich mir in den Weg und versuchte, mich aufzuhalten. Dann wieder blieb es sitzen und wollte nicht mehr weiterlaufen. Dann musste ich es ein Stück tragen, bis es wieder bei Kräften war. Hin und wieder stritten wir auch über das Tempo, denn es lief oft so schnell, das ich kaum mitkam.

Jedenfalls bin ich jetzt, nach all den gemeinsam erlebten Strapazen, aufs innigste mit meinem Gehirn vertraut und schmiede schon Pläne, wohin unsere nächste Forschungstour gehen soll.

Ich bin sehr dankbar, dass der Schöpfer mich mit einem derart munteren, quicklebendigen und schöpferischen Organ ausgestattet hat, das unermüdlich Ideen, Bilder, Gleichnisse und Assoziationen produziert und mein ganzes sonstiges Wesen mit diesen Inspirationen durchdringt und beseelt. Ich kann jedoch nur einen kleinen Teil dessen aufnehmen und umsetzen, wozu es mich auffordert und inspiriert. Der größte Teil seiner geistigen Produktion hat auch keinen praktischen Nutzen und ist im normalen Alltagsleben nicht verwertbar. Mein Gehirn lebt in und aus anderen Dimensionen als der Rest meines Wesens und ist permanent bestrebt, mich aus den realen Verhaftungen und Verwicklungen herauszuziehen.

Mein Gehirn ermüdet nur schwer und braucht auch keinen Schlaf wie mein Körper. Es verfügt auch nicht über einen Schalter, mit dem man es abschalten könnte, wenn es sich heiß gelaufen hat. Es ist unermüdlich am Schaffen und Werkeln und dies umso intensiver, je mehr mein Körper entspannt seine Aktivitäten herunterschraubt. Wenn ich in lebenspraktische Anforderungen, soziale Verpflichtungen und gesellschaftspolitische Zwänge eingespannt bin und mein aktives Tätigsein in der Welt Konzentration und Intelligenz erfordert, lässt die schöpferische Dynamik meines Gehirns etwas nach und es wird ruhiger. Es lässt sich jedoch nur widerwillig für meine Zwecke einspannen, es sträubt sich, meinen willentlichen Vorgaben zu folgen und lenkt mich permanent durch phantasievolle Störimpulse von meinen realen Absichten ab. Ich will einen geraden Weg gehen, mein Gehirn aber wandelt lieber auf verschlungenen Pfaden. So sind wir ständig im Clinch, wer in meinem Organismus das Sagen hat: der zielgerichtete egozentrische Wille, der sich an den Notwendigkeiten und Erfordernissen der Realität orientiert oder dieses undisziplinierte, verspielte Organ, das unkonventionelle Lösungen bevorzugt und mit dynamischer Kraft nach Expansion strebt.

Stellen Sie sich vor, ich will einen Einkaufszettel schreiben. Das mache ich eigentlich immer, weil ich beim Einkaufen einen Halt brauche, damit ich nicht in dem unübersichtlichen und aufdringlichen Warenangebot der kapitalistischen Überfülle die Orientierung verliere. Nehmen wir an, ich wolle Schweinebauch kaufen. Also schreibe ich auf: Schweinebauch. Vor meinem geistigen Auge erscheint ein knusprig gegrillter Schweinebauchlappen. Dann taucht die Frage auf: Wo kommt der her? Ich sehe ein Schwein. Dann sehe ich viele Schweine, die sich gequält auf engem Raum drängeln. Massentierhaltung. Schweinehälften, die in einem gekachelten Raum an  Haken baumeln. Plötzlich bin ich durchdrungen von einem großen Schmerz. Die Verbrechen der Menschheit an der Schöpfung werden mir (wieder einmal) bewusst. Und schon bin ich mit meinem Bewusstsein am Ende der Welt. Dabei wollte ich doch bloß einen Einkaufszettel schreiben!

So geht es mir oft, eigentlich immer. Der Ausgangspunkt meines Denkens und Tuns ist eine einfache, konkrete Aufgabe und mein Gehirn ordnet diese Aufgabe vollautomatisch in einen übergeordneten Zusammenhang ein. So lande ich – ausgehend von einem realen, überschaubaren Problem – immer in wenigen Schritten bei philosophischen Grundsatzfragen.  Das läuft von jedem beliebigen Punkt der Erfahrung ausgehend immer nach dem gleichen Muster ab und endet regelmäßig bei der nicht zu beantwortenden Frage nach dem Sinn des Ganzen.

Der gesunde Menschenverstand nimmt in der Gesamtkapazität  meines Gehirns einen zwar zentralen, aber doch ziemlich kleinen Raum ein. Er ist zwar immer anwesend und nimmt Einfluss auf das Geschehen, seine Autorität reicht jedoch nicht aus, die schöpferischen Prozesse des Gesamtgehirns in brauchbare, der Realität angemessene Ergebnisse zu verwandeln. Er ist mehr oder weniger machtlos den Turbulenzen der Gesamtaktivität ausgeliefert und wird phasenweise von diesen Strömungen überflutet und weggeschwemmt. Durch dieses Geschehen hat sich der gesunde Menschenverstand eine gewisse Bescheidenheit angeeignet und agiert nur noch auf einem sehr praxisbezogenen Niveau. Wenn es um wirklich Wesentliches geht, hält er sich zurück und überlässt das Regiment den kreativen Kräften.

Die Schaffenskraft meines Gehirns ist nahezu unbegrenzt und manchmal habe ich vollen Zugang zu seinen schöpferischen Möglichkeiten. Obwohl mein Gehirn im allgemeinen sehr ungehorsam ist und mir ständig auf der Nase herumtanzt, lässt es sich leicht einspannen, wenn es um menschliche Kommunikation oder soziale Interaktion geht. In diesem Kontext dient es mir willig und stellt mir kooperativ sein ganzes Potenzial zur Verfügung. Gleichzeitig nimmt mein Gehirn über diesen sozialen Kanal auch Nahrung auf, es holt sich von anderen Menschen Informationen und Inspirationen und verwandelt diese dann in dem ihm eigenen kreativen Prozess in Erkenntnisse und Orientierungen.

Ein weiterer Bereich, in dem sich die schöpferischen Kräfte meines Gehirns gut kanalisieren lassen, ist das Schreiben. Mein Gehirn verfügt über einen großen Wortschatz, den es mir bereitwillig zur Verfügung stellt, wenn ich versuche, meine komplexen Wahrnehmungen, Befindlichkeiten, Überlegungen oder was auch immer, in Worte zu fassen. Über den kreativen Prozess des Schreibens schaffe ich so ganz nebenher Ordnung in den meist unaufgeräumten Schränken und Schubladen, in denen mein Gehirn seine Sachen aufbewahrt. Mein Gehirn ist meist erleichtert und sehr dankbar, dass ich diese Aufräumarbeiten erledige und auch ich bin froh und zufrieden, wenn diese notwendige Tätigkeit zu sichtbaren Ergebnissen führt.

Die Fähigkeit meines Gehirns, neues Wissen aufzunehmen und zu speichern, hat seit einigen Jahren deutlich nachgelassen. Die vorhandenen Speicherkapazitäten sind offensichtlich ausgeschöpft und die Kanäle der Wissensübermittlung verstopft.  Möglicherweise sind in meinem Gehirn noch Räume vorhanden, die sich als Wissensspeicher nutzen ließen, doch mein Gehirn weigert sich beharrlich, die Zugangswege zu diesen Räumen freizumachen. Neues Wissen, das sich im Eingangsbereich drängelt, wird nicht mehr hereingelassen. Allein durch die Hintertür und durch die Vermittlung anderer Menschen findet hin und wieder eine wichtige Information den Weg ins Innere.

Mein Gehirn hat eine sehr gute Verbindung zu meiner Wahrnehmung und nimmt bereitwillig alle Eindrücke auf, welche die Wahrnehmung ihm liefert. Da meine Wahrnehmung überaus fleißig ist im Sammeln von Informationen und unkritisch alles einheimst, was ihr über den Weg läuft, bringt sie meinem Gehirn permanent Berge von unsortiertem Material zum Ordnen und zur Weiterverarbeitung. Hierbei kommt es hin und wieder zu Störungen oder einem Stau, da mein Gehirn mit dem Arbeitstempo und der Aufnahmekapazität meines Wahrnehmungsapparates kaum Schritt halten kann. Es war deshalb in der Vergangenheit auch schon mehrfach notwendig, von der normalen Funktionsweise (gewöhnliches Bewusstsein ) auf die psychotische Funktionsweise (außergewöhnlicher Bewusstseinszustand) umzuschalten, um diese Unmengen von Informationen zu bewältigen. Normale Ordnungs- und Denkstrukturen reichen oft nicht aus, die Informationsflut, die meine wache, übersensible Wahrnehmung  verursacht, aufzufangen und einzuordnen.

Meine Wahrnehmungsfunktion ist auch nicht zwingend an die Leistungsfähigkeit meiner Sinnesorgane gebunden, sondern nimmt darüber hinaus auch Eindrücke aus den paranormalen, übersinnlichen Bereichen auf und konfrontiert mein Gehirn mit der komplizierten Aufgabe, aus diesen Einströmungen eine praktisch verwertbare Information zu basteln. Diese Anforderung bringt mein Gehirn regelmäßig an seine Leistungsgrenze und es schaltet dann zu seiner Entlastung von der gewöhnlichen auf die außergewöhnliche Funktionsweise um. Das wird dann von der psychiatrischen Schulmeinung psychotisch oder schizophren genannt.

Ich habe mich im Laufe der Jahre an die unkonventionelle Arbeitsweise meines Gehirns gewöhnt und mir eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit seinen Herausforderungen angeeignet. Ich lasse mich nicht mehr von jeder verrückten Idee zu bizarren Handlungen treiben, sondern halte still und lasse die phantastischen Kraftströme passiv durch mich hindurch fließen. An meinem Arbeitsplatz hängt ein Zettel, auf dem steht : „Verharre unbewegt !“ An diese Anweisung halte ich mich, so gut es eben geht.

Bei aller Sympathie ist es doch sehr anstrengend, permanent den Impulsen eines derart aktiven und dynamischen Organs ausgesetzt zu sein und deshalb entscheide ich mich jetzt dafür, die chemische Keule zu schwingen und dieses ungezogene Ding mit Gewalt in seine Schranken zu weisen. Meine langjährigen, erzieherischen Bemühungen, meine Appelle an die Vernunft, mein Bitten und Flehen um Schonung: all das hat nichts bewirkt. Ich bin am Ende meiner Möglichkeiten und meiner Geduld angelangt und möchte nicht länger strapaziert und in Atem gehalten werden. Ich bin müde und erschöpft. Mir geht es wie dem Abenteurer aus Bertold Brechts Ballade :

Schlendernd durch Höllen und gepeitscht durch Paradiese
Still und grinsend, vergehenden Gesichts
Träumt er gelegentlich von einer kleinen Wiese
Mit blauem Himmel drüber und sonst nichts.

Ein Text von Gabriele
www.aquarius-handbuch.de

 


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Deutsche Psychiater bitten um Verzeihung

Erstellt von Bodo am 22. Februar 2011 – 08:41 -

Liebe Betroffene,

stellt Euch vor, Ihr wäret 70 Jahre füher geboren worden … dann wären wir als “Erbkranke” wahrscheinlich sterilisiert, verschleppt und grausam vergast worden … und das alles von deutschen Ärzten, von deutschen Psychiatern gutgeheißen und durchgeführt. Auf einer Gedenkveranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) am 26. November 2010 bittet Professor Frank Schneider aus Aachen um Verzeihung:

Im Namen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde bitte ich Sie, die Opfer und deren Angehörige, um Verzeihung für das Leid und das Unrecht, das Ihnen in der Zeit des Nationalsozialismus im Namen der deutschen Psychiatrie und von deutschen Psychiaterinnen und Psychiatern angetan wurde, und für das viel zu lange Schweigen, Verharmlosen und Verdrängen der deutschen Psychiatrie in der Zeit danach.

Die gesamte Rede ist hier zu finden:
www.dgppn.de/aktuelles/detailansicht/browse/2/article/249/schneider-d.html

Grüße vom Bodo


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Nur eine Tasse Tee … ein Text von Gabriele zum Thema Depression

Erstellt von Bodo am 31. Januar 2011 – 11:55 -

Nur eine Tasse Tee

Ich sitze hier auf der Couch und starre vor mich hin. Vor etwa einer halben Stunde habe ich den Entschluss gefasst, mir Tee zu kochen. Indessen ist daraus nichts geworden. Der Weg vom Wohnzimmer in die Küche ist allzu weit. Ich müsste von der Couch aufstehen und meine müden, bleischweren Knochen in die Küche schleppen. Die Zeremonie der Teezubereitung erscheint mir ebenfalls zu kompliziert: ein gleichbleibend festes Ritual mit Handgriffen, deren Reihenfolge mir nicht mehr geläufig scheint. Der Heißwasserbereiter müsste auch mal wieder entkalkt werden, es gibt da so eklige Flocken, wenn das Wasser aufsprudelt. Und auch ein neues Baumwollsieb ist überfällig, das alte strotzt schon ganz steif von den unappetitlichen Teeablagerungen. Hab’ ich jetzt ein neues im Internet bestellt oder nicht? Kein sauberes Sieb, ekelhafter Kalk, keine Kraft in den Gliedern, kein tragfähiger Entschluss im Kopf. Hinderungsgründe. Die Tasse Tee rückt in weite Ferne. Wie eine Silberstreif steht sie verlockend am Horizont und ist doch gleichzeitig so nah, wäre so nah, wenn, ja wenn …..

Die Sonne dringt seit Wochen nicht mehr in das morsche Gebälk meiner trüben Gedanken. Das faulende Holz ächzt unter dem Gewicht der krausen Ideen und haltlosen Überzeugungen, die mich energisch bedrängen und von mir Besitz ergreifen. Ein kraftloser Wille mischt sich erfolglos ein in das wirre Spiel der Seelenkräfte. Mein schlaffer Leib hat der destruktiven Dynamik meiner Überlegungen nichts entgegenzusetzen. Seit Tagen habe ich nichts gegessen.

Im Radio dudelt der Deutschlandfunk in dezenter Zimmerlautstärke. Ein Wortbeitrag folgt dem nächsten, nur durch kurze Musikeinlagen unterbrochen. Ich höre Männerstimmen, Frauenstimmen, Sprachmelodien, Singsang, agitierende Reden. Die Worte kommen akustisch bei mir an, ihr Inhalt geht jedoch durch mich hindurch, die Bedeutungen rutschen wie geölt durch meine Gehirnwindungen und nur ab und an bleibt mal ein Wort hängen, das aufgrund irgendeiner Besonderheit meine Aufmerksamkeit für einen kurzen Augenblick an sich zieht. Wachstumsbeschleunigungsgesetz etwa. Oder Klientelpolitik. In Afghanistan wurden aus Versehen 12 Zivilisten getötet. Hat das etwas mit mir zu tun? Nicht mehr und nicht weniger als die Tasse Tee, die mir aufgrund fehlender Spannkraft in den Gliedern und einer schlaffen Unentschlossenheit des Willens noch immer versagt bleibt.

Es wäre auch Kaffee im Haus. Kaffee wäre jetzt auch sehr schön. Mit viel Milch und einer Prise Zimt, im Melitta-Filter frisch aufgebrüht, so dass das Aroma die ganze Wohnung durchzieht. Mit diesem, in meinem Gedächtnis fest verankerten Duft verbinden sich viele Erinnerungen, Bilder und Stimmungen: Familienfeierlichkeiten, Geburtstage, Kaffeekränzchen und das Tchibo-Stehcafe am Markplatz, wo die Herren Rentner gutgelaunt ihre Plauderstündchen abhalten. Kaffee geht mit vielen Bedeutungen schwanger. Mehr als mir lieb ist, wühlt der Gedanke an Kaffee mich auf, Aktivität und Geselligkeit stehen damit in Verbindung, was mit meiner momentanen Schlaffheit überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist. Also doch lieber Tee.

Mein Blick fällt unter den Couchtisch auf meine nackten Füße. Fußpflege. Auch längst mal wieder fällig. Zu wem soll ich gehen? Wovon es bezahlen? An den Fußsohlen kleben Krümel, Tabakkrümel, Brotkrümel, undefinierbare Krümel, die im Laufe der Zeit durch meine Anwesenheit an diesem, meinem Lieblingssitzplatz auf den Fußboden gekommen sind und jetzt noch dort liegen, weil ich es versäumte, sie regelmäßig zu beseitigen. Neben dem Tischbein hat sich eine dicke, fette, mit Katzenhaaren verkeilte Staubfluse breit gemacht. Unter dem Telefontischchen sind noch mehr davon, das weiß ich genau. Wann wurde hier das letzte Mal staubgesaugt? Ich hasse Staubsaugen, denn es macht einen fürchterlichen Lärm. Außerdem müsste der Staubsauger, um ihn wieder effektiv einsetzen zu können, erst mal geleert werden und auch diese staubige Angelegenheit ist mir verhasst.

Jetzt dreh ich mir zum Schutze gegen den allseitigen Dreck und seine beschämende Bewusstwerdung in meinem lustlosen und trägen Hirn erst mal eine Zigarette, wohlwissend, dass das Rauchen der größte Dreck ist von allem. Zwischen 60 und 70 € gebe ich im Monat dafür aus, stelle mich verschämt auf zugigen Bahnhöfen in die Nichtraucherzonen, gierig, uneinsichtig, dumm. Skrupellos und ohne Rücksicht auf die öffentliche Sauberkeit schnippe ich Kippen auf das Trottoir, weil ich es ablehne, ständig einen dieser stinkigen Taschenaschenbecher mit mir herumzutragen. Der Öffentliche Raum wird zunehmend für Raucher tabuisiert und ich gehöre zu den Ausgestoßenen, denen man verächtliche und missbilligende Blicke zuwirft. Trotzig ziehe ich in meiner Raucherwohnung an der Selbstgedrehten. Schmeckt sie? Wie immer. Wenigstens das.

Zurück zum Tee: Was hindert mich nun noch, ihn zu bereiten? Welche Magneten halten mich in meiner verspannten Sitzposition auf dieser vermaledeiten Couch fest? Ich weiß es. Auf dem Weg vom Wohnzimmer in die Küche werden mir Dinge begegnen, an die ich nicht erinnert und mit denen ich nicht konfrontiert sein will. Ein benutztes Katzenklo. Ein halbvoller, stehen gelassener Putzeimer, ein überquellender Wäschekorb, ein nicht weggeräumter Besen: all das weist darauf hin, dass ich den bürgerlichen Normen in punkto Ordnung und Sauberkeit schon lange nicht mehr gerecht werde. Der Aufforderungscharakter meiner beginnenden Verwahrlosung reicht jedoch nicht aus, endlich tätig zu werden.

Eine bis aufs letzte Zipfelchen ausgedrückte Zahnpastatube verlangt Nachschub. Dazu müsste ich aus dem Haus gehen und das will ich auf jeden Fall vermeiden. Katzenhaare zeugen überall von der stillen Anwesenheit der Wohngenossin, die ich aus Nachlässigkeit heute noch nicht gefüttert habe. Geschichten und Ereignisse, Vorsätze und Versäumnisse, die sich gedanklich in meinem Kopf drängen und mit unangenehmen Empfindungen einhergehen, materialisieren sich in meinem vernachlässigten Haushalt mit seinen schmuddeligen Gebrauchsgegenständen. Wie gern wäre ich ein vorbildlicher Wohnungsinhaber, eine tüchtige Hausfrau, ein ordentlicher Mensch in einer gepflegten Umgebung. Indessen bin ich all das nicht, sondern das genaue Gegenteil davon: eine verlotterte Schlampe, ein faules Stück, ein jämmerlicher Versager, ein Stück Dreck, nicht besser als der Dreck um mich herum.

Inzwischen sind meine bloßen Füße kalt geworden. Ich streife die Krümel von den Sohlen, ziehe die Beine an und begebe mich in die Liegeposition, wobei ich einen Teil meiner geliebten Schurwolldecke um meine klammen Füße wickle und den Rest bis unters Kinn hochziehe. Die Decke müsste auch mal wieder gewaschen werden. Ich kuschele mich hinein und atme erst mal tief durch Es ist später Vormittag. Der Tag hält keinerlei äußere Verpflichtungen für mich bereit. Niemand erwartet mein Kommen. Keiner rechnet mit meinem Erscheinen. Ich drehe das Radio leiser und schließe die Augen.

Mein haltloses Herz stürzt kopfüber ins Bodenlose. Am Halteseil der gängigen Lügen ist mein Bewusstsein fest gezurrt. Es hat kein Eigenleben mehr. Es nährt sich aus dem Bodensatz verschimmelter Marmelade und bringt nur noch spärlich klägliche Denkergebnisse hervor, die ich sofort verwerfe, da ihnen der praktische Nutzen fehlt.

Im entspannten Dunkel der geschlossenen Lider taucht vor meinem geistigen Auge der Tee wieder auf: aus biologischem Anbau, rotgolden, heiß, duftend, wohlschmeckend. Er dampft in zarten Schwaden aus meiner stets sauber gespülten weiß-blauen Tasse, die mit dem Sprung, die mir am liebsten ist.

E-Mail an Gabriele: gabriele.haag1@web.de


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