Vor 70 Jahren Beginn der Euthanasie in Nazi-Deutschland

Erstellt von Bodo am 2. September 2010 – 19:33 -

Liebe Mitbetroffene und interessierte Leser,

aus aktuellem Anlass möchte ich auf ein Thema eingehen, das uns auch in heutiger Zeit noch zu Denken geben sollte und NIEMALS vergessen werden darf: Der Umgang der Mehrheitsgesellschaft in diesem Land mit Randgruppen, die entweder Ablehnung hervorrufen oder nicht so leistungsfähig für das “Bruttosozialprodukt” sind, sei es aus Krankheitsgründen oder sei es durch soziale Ursachen.

Im Wikipedia-Artikel über die Euthanasie kann man nachlesen, dass auf Erlass des Führers in den Jahren 1940 und 1941 insgesamt über SIEBZIGTAUSEND kranke und behinderte Menschen in folgenden Tötungsanstalten umgebracht wurden:

Grafeneck – 10.654 Menschen
Brandenburg – 9.772 Menschen
Bernburg – 8.601 Menschen
Hartheim – 18.269 Menschen
Sonnenstein – 13.720 Menschen
Hadamar – 10.072 Menschen

Die Begründung und “Legimitation” für diese Verbrechen: Man gewährt den “unheilbar Kranken” den Gnadentod (gefragt wurden sie natürlich nicht), man erhält den “Volkskörper” rein und gesund, und man entlastet die Gesellschaft – sprich: das deutsche Volk – von finanziellen und materiellen Aufwendungen, die doch völlig sinnlos für die “Arterhaltung der deutschen Rasse” sind. Leute, die keiner Arbeit nachgingen, kamen sowieso ins Konzentrationslager.

Erst durch Proteste, auch von vielen Geistlichen, wurde die Euthanasie-Aktion T4 offiziell eingestellt, dafür aber im Geheimen weitergeführt und nur die Tötungsart gewechselt: von Vergasen und Verbrennen auf Verhungern und Vergiften. Viele der Tötungs-”Fachkräfte” konnten ihren Job behalten, denn man brauchte qualifiziertes Personal in Auschwitz und anderswo … Wer sich dazu eine Videoserie ansehen möchte:

Vielen Dank für Ihr Interesse!
B.B.


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Psychiatrie im Wandel der Zeiten

Erstellt von Bodo am 22. März 2010 – 10:49 -

Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin (Fünfzehnter Band, Berlin 1858)
herausgegeben von Deutschlands Irrenärzten durch Heinrich Laehr


(Quelle: books.google.com – Recherche März 2010)

Im 19. Jahrhundert wurde die Onanie als schweres Laster eingestuft. Jugendliche, die sich wiederholt selbst befriedigten, verfielen also dem Wahnsinn, der Manie und Depression. Durch einen geschulten Blick konnte der Arzt dieses erkennen und durch “energische moralische Einwirkung” nebst kalten Güssen eine Besserung erreichen. Ist der Patient allerdings wieder zu Hause und verfällt “seiner alten Neigung”, ließe das Rezidiv nicht lange auf sich warten. So die herrschende ärztliche Meinung in der Mitte des 19. Jahrhunderts …

Und auch “normale” Bürger jener Zeit, sollten sie doch einmal in Versuchung geraten sein, mussten natürlich dieses “Vergehen” am Sonntag beichten gehen, damit ihnen der liebe Herrgott diese Sünde mit drei Vaterunser vergeben konnte … Noch in den 1950er Jahren soll es so in Deutschland Brauch gewesen sein. Die katholische Kirche hatte (und hat) eine merkwürdige Einstellung zur Sexualität, was im heute noch bestehenden Eheverbot für Priester gipfelt.

Wie bitteschön soll ein heranwachsender Jugendlicher seiner Natur entsprechen? Ist es denn für einen 14-jährigen Schüler überhaupt möglich, ein erfülltes Sexualleben zu haben, eine feste und harmonische, gottgewollte Beziehung zu leben? Unterstützt die Gesellschaft die Linderung der sexuellen Nöte Heranwachsender? Sicher – es gibt Sex-Werbung und animierende Erotik auf allen Gebieten, auf allen Kanälen. “Sex sells” ist das Leitmotiv des Marketing. Aber, um seiner Natur Erleichterung zu verschaffen, braucht man nicht Sex rund um Uhr, nicht 100-prozentig perfekte Körper und Gesichter, nicht dieses absolute Schönheitsideal unserer Zeit.

Ist man(n) dann auf der Suche nach einem/r Partner/in, sind diese sexuellen Vorgaben eher hinderlich, und man sucht vergebens nach der Traumfrau (mit Traumfigur natürlich) in seiner Umgebung. Ja, man übersieht wohl die eine oder andere Chance, wenn sich wirklich ein nettes Mädchen oder ein netter Junge für die eigene Person interessieren, die aber nicht in dieses Super-Sex-Schema der heutigen Gesellschaft passen. Nur nach dem Körper und dem Aussehen zu schauen führt indes selten zu einer wahren, stabilen Beziehung. Die Seelen müssen miteinander klingen! Erst wenn Geist und Geist zueinander sprechen kommt es zur wirklichen Vereinigung zweier Menschen. Der Sex ist dann das geringste Problem …

Einen wunderschönen Frühling wünscht Euch
Bodo B.


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Heinrich-Hoffmann-Jubiläum

Erstellt von Bodo am 14. Mai 2009 – 09:34 -

In wenigen Wochen jährt sich der 200. Geburtstag von Heinrich Hoffmann, der in seiner Vaterstadt Frankfurt am Main mit vielen Veranstaltungen und Ausstellungen im diesjährigen “Hoffmann-Sommer 2009″ gefeiert wird. Viele werden sich jetzt sicher fragen: Heinrich Hoffmann – Wer war das denn? Er war ein Frankfurter Armen- und Kinderarzt, der später Psychiater wurde (damals sagte man noch “Irrenarzt”) und der sich mit großem Engagement für die Verbesserung der Behandlungsbedingungen der psychisch Kranken einsetzte. Durch seinen Einsatz entstand im Frankfurter Norden 1864 das erste moderne psychiatrische Krankenhaus, großzügig entworfen und mit getrennten Bereichen für unterschiedliche Krankheitsbilder – vom Volksmund wegen seines gotischen Baustils “Irrenschloss” genannt, und Dr. Hoffmann selbst war langjähriger Direktor dieser Klinik. In den 1920er Jahren, lange nach Hoffmanns Tod, musste das Krankenhaus auf dem Affenstein wegen vermehrter Unzulänglichkeiten aufgegeben werden und wurde abgerissen. Auf dem Areal entstand 1928 die Zentrale des IG-Farben-Konzerns, der in der NS-Zeit maßgebliche Verantwortung an der Ermordung von Millionen jüdischer Mitmenschen trug (Stichwort: Zyklon-B). Nach dem Krieg beanspruchte die amerikanische Militärverwaltung das gewaltige IG-Farben-Haus und machte es zum Hauptquartier der US-Streitkräfte in Deutschland unter General Eisenhower. Das deutsche Grundgesetz wurde in diesem Gebäude “in Auftrag gegeben” und ebenso wurde auch hier die Einführung der neuen Währung – der D-Mark – verkündet. Ab dem Jahr 2001 gehört es zum Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Alles in allem, ein Stoff für viele Geschichten … (Quellen: Wikipedia)

Doch diejenige Geschichten, die der junge Arzt Heinrich Hoffmann 1844 für seinen dreijährigen Sohn geschrieben hat, dürften jedermann bekannt sein: Es ist der “Struwwelpeter”! Wer kennt sie nicht, die Geschichten vom fliegenden Robert, vom Suppenkaspar oder vom Zappelphilipp, vom Hans-Guck-in-die-Luft und von Paulinchen, die mit dem Feuerzeug spielt und am Ende verbrennt (Doch Minz und Maunz, die Katzen, erheben ihre Tatzen und drohen mit den Pfoten: “Die Mutter hat’s verboten!”)

Heutzutage gibt es einige Stimmen, die den “Struwwelpeter” als ungeeignet für Kinder ansehen und die “brutale Pädagogik” des Dr. Hoffmann am liebsten aus den Kinderstuben verbannt sehen wollen. Doch die Kinder, damals wie heute, lieben diese ungewöhnlichen, fast magischen Geschichten – zumal, wenn sie wundervoll zeichnerisch oder musikalisch illustriert sind. Das ist ein Phänomen, das sich das moderne Erziehungswesen bis heute nicht erklären kann. Vielleicht brauchen ja kleine Kinder keine “Kuschelpädagogik auf Augenhöhe”, sondern müssen die Autorität der Eltern, der Gesellschaft und der Moral spüren, damit aus ihnen gesunde und reife Erwachsene werden.

Anlässlich des Heinrich-Hoffmann-Jubiläums habe ich mich meiner Reimerei von 2001 erinnert, meinen “schrecklichen Geschichten” von Pommes-Peter & Co., die auf dieser Homepage schon fast verstaubt wären und habe zu Ehren des Frankfurter Arztes und Psychiatrie-Reformers ein kleines Büchlein daraus gebastelt, das es jetzt auch im Laden zu kaufen gibt. Der Titel lautet: Struwwelpeters neue Freunde: Zwölf Geschichten aus dem 21. Jahrhundert. Wer sich dafür interessiert, hier geht’s weiter …

Wer sich für den Lebensweg von Heinrich Hoffmann und sein Schaffen interessiert, dem empfehle ich einen Besuch im Struwwelpeter-Museum in Frankfurt am Main oder eine kleine Google-Recherche zu den Stichwörtern “Heinrich Hoffmann” oder “Struwwelpeter”. Übrigens: Träger des Struwwelpeter-Museums ist die frankfurter werkgemeinschaft e.V. – ein Sozialwerk für psychisch erkrankte und behinderte Menschen.

Viele Mai-Grüße, Euer Bodo

 


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Danke …

Erstellt von Bodo am 22. März 2009 – 20:45 -

Ich möchte DANKE sagen

Ich bin dankbar dafür …

… daß ich mit meinen mittlerweile 46 Lenzen immer noch auf dieser schönen Erde weilen kann, auf der es von Pflanzen und Getier nur so wimmelt und ich maße mir nicht an, mich über eines der anderen Geschöpfe zu stellen, sei es mir in Körpergröße gleich oder unscheinbar winzig – jede Kreatur hat ihren berechtigten Platz in unserem Kosmos.

Ich bin dankbar dafür …

… daß ich einigermaßen gesund bin, zwar nicht ohne Zipperlein, aber doch noch so stabil und kräftig, daß ich meine täglichen Lebensaufgaben bewältigen kann, daß ich noch über eine gewisse geistige Neugier verfüge, die mich dann und wann zu neuen Ufern führt und die das Leben bunter macht. In diesem Zusammenhang darf ich nicht mein Medikament vergessen, das unerträgliche Symptome verschwinden lässt und mich psychisch stabil und gelassen macht.

Ich bin dankbar dafür …

… daß ich in einem, zwar nicht unproblematischen, aber guten Elternhaus aufwachsen konnte, daß ich eine gute Schule besuchen konnte und schließlich sogar studieren durfte. Der vermeintliche Mangel der unattraktiven Studienrichtung wurde durch die neuen Möglichkeiten der Technik wettgemacht und das Schicksal gab mir die Chance, neues Terrain zu betreten und die Fähigkeit, mir neues Wissen selber zu erarbeiten.

Ich bin dankbar dafür …

… daß ich vor niemandem meinen Rücken krümmen muss, mein Gewissen verbiegen, daß ich nicht schleimen und heucheln muss, damit ich ja nicht auf die Abschussliste der nächsten Personalkürzung komme. Die Macht des Chefs deformiert jede menschliche Beziehung und man muss schon sehr viel Glück haben einen solchen zu finden, der einem Unabhängigkeit und etwas Freiraum zugesteht.

Ich bin dankbar dafür …

… daß ich nur ein spärliches Einkommen habe und nicht überlegen muss, was ich morgen für ein neues Kleidungstück anziehen oder gar kaufen muss. Ich muss mich nicht entscheiden zwischen Motorrad, Audi oder ICE erster Klasse oder gar zwischen den Bahamas und den Malediven, zwischen Kapstadt und Sydney. Braucht man dort ein Visum oder eine Impfung? Egal. Wenn ich mal weiter von zu Hause weg muss, habe ich mein treues Fahrrad und die öffentlichen Verkehrsbetriebe. Ansonsten reicht mir mein Wasser und mein Brot, meine Butter und mein Käse, meine Wurst und mein Apfel.

Ich bin dankbar dafür …

… daß mich Kümmernisse und Leiden, die mich zahlreich auf meinem Lebensweg begleiteten, nicht verzweifeln ließen, daß ich immer an das Gute im Menschen glaubte und die Hoffnung nie aufgab, daß das Schicksal sich auch wieder zum Besseren wendet. Vielleicht ist es ja so, daß erst diese schweren Prüfungen, mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich jetzt bin und daß die psychische Erkrankung untrennbar mit meinem Schicksal und meiner Eigenart verbunden ist.

Ich bin dankbar dafür …

… daß diese Webseite hier im Internet doch nicht gänzlich ignoriert wird, daß mittlerweile viele Leser aus der ganzen Welt Interesse an einer Psychosegeschichte aus Berlin haben, einem Berlin, das früher durch eine unüberwindbare Mauer in zwei Teile getrennt war und wo die Menschen im Ostteil der Stadt ängstlich, aber sehnsüchtig in den unerreichbaren Westen schauten, während es sich die Westberliner in ihrer privilegierten Sonderstellung gut gehen ließen, inklusive “Mauertourismus”; einem Ostberlin, das vom SED-Staat dominiert wurde und das seinerseits gegenüber der restlichen DDR, der “Zone”, privilegiert war, in der es nicht einmal zu Weihnachten Bananen oder Apfelsinen gab.

Ich bin dankbar dafür …

… daß eine dieser vielen Leserinnen meine Frau geworden ist, mit der ich mein Leben teilen kann. Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteiltes Leid ist nur halbes Leid – das kann ich nur bestätigen, und selbst unser Kater, der eigentlich doch ein wildes Tier ist, möchte nicht allein sein und will bei jeder sich bietenden Gelegenheit gestreichelt werden. So ist halt die Natur – die Schöpfung, oder Gott, oder der große Manitu, wie man es auch nennt – sie wollen nicht, dass wir alleine leben, wir sind fürs Geben und Nehmen in dieser Welt geschaffen. Man soll selber geben – ja – aber man sollte auch darauf achten, daß einem gegeben wird, und zwar menschliche Wärme und Zuwendung, Achtung und Anerkennung, die man gerade als junger Mensch so dringend für eine gesunde Entwicklung benötigt. Und man sollte ohne Trauer jenen Ort verlassen, wo man diese Zuwendung nicht erhält und sollte dorthin oder in jene Gemeinschaft gehen, wo einem mit Respekt, Achtung und Wärme begegnet wird.

Ich bin dankbar dafür …

… daß meine Frau nach einer langen, schweren Erkrankung wieder auf dem Wege der Besserung ist, daß die Ärzte, Pfleger und MitpatientInnen sich so gut um sie gekümmert haben, daß offenbar ein gutes Medikament gefunden worden ist, das die Rückfälle in das Loch der Depression abmildert oder gar verhindert und daß sie wieder Freude und Spaß am Leben haben kann.

DANKE für all dies und für noch vieles Ungesagte

B.B.


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Spiritualität und Psychose

Erstellt von Bodo am 20. Januar 2009 – 08:25 -

Ein Rückblick von Gabriele:

Ich bin seit 1994 schizophren erkrankt. Die Psychiatrie hat mir zweierlei Etiketten verpasst, zum einen „Paranoid-halluzinatorische Schizophrenie“ und zum anderen „Schizo-affektive Psychose“. Ich war insgesamt 8 x in einer psychiatrischen Klinik, zum Teil wegen akuter psychotischer Schübe, zum anderen wegen schwerster Depressionen, die so ausgeprägt waren, dass ich mich nicht mehr selbst versorgen konnte. Ich nehme konstant eine geringe Erhaltungsdosis an Neuroleptika und blieb deshalb in den letzten Jahren vor einem weiteren Klinikaufenthalt verschont. Wiederholte Versuche, die Medikamente abzusetzen, haben regelmäßig zu einem erneuten psychotischen Schub geführt, so dass ich mich im Laufe der Jahre an die jetzige Minimaldosis herangetastet habe und diese auch vorläufig beibehalten will. Mein langfristiges Ziel liegt jedoch immer noch darin, irgendwann einmal ohne die Medikamente ein normales Leben bei gesundem Verstand führen zu können. Da muss ich mich jedoch erst noch hinarbeiten und mein Bewusstsein soweit erweitert und gereinigt haben, dass es die ver-rückten Phantasien und konfusen Gedanken, die bei einem psychotischen Schub auftauchen, kühl und nüchtern erfassen kann, ohne gleich unüberlegte und für andere nicht nachvollziehbare Handlungen daraus abzuleiten.

Ich habe mich in der Endphase meiner psychotischen Schübe wirklich immer sehr seltsam und auffällig benommen. Ich habe wirres Zeug geredet und das Essgeschirr zum Lüften auf den Balkon gestellt. Einmal war sogar die Feuerwehr da, weil Grund zu der Annahme bestand, ich könnte aus dem Fenster springen. Meinen Fernseher habe ich aus dem Fenster geworfen. Ich habe mit Holundergelee magische Bannkreise um die Lichtschalter gemalt und meinen sämtlichen Schmuck in der Badewanne eingeweicht. Und dergleichen indiskutable Verrücktheiten mehr. Ich war wirklich reif für die Klinik.

Vor jedem psychotischen „Ausrutscher“ ereignete sich jedoch eine Phase geistigen Wachseins, in der ich für Inspirationen sehr empfänglich war. Vielleicht war dieser Zustand bereits Bestandteil des psychotischen Schubes, ich kann es nicht genau sagen, weil ich die Grenze zwischen Normalsein und Psychotischsein nicht klar umreißen kann. Das geht so fließend ineinander über und am Ende steht dann ein merkwürdiges Verhalten, das mich in die Klinik bringt. Vorher aber kommt ein weites Feld geistiger Inspiration, in dem ich glaube, dass mir fundamentale Erkenntnisse über den kosmischen Gesamtzusammenhang und die göttliche Vorsehung offenbart werden. Die damit verbundenen Einsichten kommen ganz leicht und ohne eigene Denkanstrengung in meinen Kopf, auch die zur Beschreibung der Einsicht erforderlichen Wörter „fallen mir einfach so ein“, es braucht keine Formulierungsbemühungen. Diese Art des Denkens unterscheidet sich sehr von meinem Denken im Normalzustand, wo ich eher verkrampft und bemüht um klare Gedanken und logische Schlussfolgerungen ringen muss.

Meist begann es mit einem intensiven, überwältigenden Glücksgefühl. In meinem Kopf offenbarte sich ein Bilder- und Gedankenreichtum unbeschreiblichen Ausmaßes, auch der Körper fühlte sich kraftgeladen und vital an. Es war, wie wenn man frisch verliebt ist und die ganze Welt umarmen könnte. Ich lief den ganzen Tag in einem Zustand ekstatischer Glückseligkeit herum und war davon völlig vereinnahmt, so dass ich den alltäglichen Dingen kaum noch Aufmerksamkeit schenkte. Bei allem, was ich tat, liefen die Filme in meinem Kopf ab: ich schaute mir z.B. alte Fotos an und zu jedem Foto fiel mir bis ins kleinste Detail die dazugehörige Geschichte ein, waren Menschen auf den Fotos, entschlüsselte sich vor meinem geistigen Auge deren gesamte Persönlichkeit nur durchs Anschauen. Ich nahm Bücher zu Hand, die ich mal gelesen hatte und bei jedem Buch wußte ich plötzlich wieder den gesamten Inhalt. Mein ganzes Gedächtnis war mir in vollumfänglicher Weise zugänglich, das Wort Vergessen gab es nicht mehr.

Ich ließ Bilder aus meiner Kindheit und Jugend vorbeiziehen, sie waren ganz plastisch scharf und detailreich, so als wäre alles erst gestern geschehen. Auch meine ganze, über Jahrzehnte hinweg angesammelte Bildung zu Themen wie Psychologie, Philosophie, Soziologie, Politik, Religion und Astrologie war in vollem Umfange verfügbar und ergab ein in sich stimmiges Gesamtbild: Fundamentale Lehrsätze aus Buddhismus, Hinduismus und christlicher Mystik fügten sich nahtlos in Goethes Farbenlehre, ergänzten die tiefenpsychologischen Erkenntnisse C.G. Jungs und bildeten zusammen mit astrologischen Bildern ein umfassendes Instrumentarium zum Begreifen menschlichen Verhaltens und menschlicher Motivationen. Ich verstand plötzlich ALLES. Für jede Frage, die ich mir stellte, tauchte aus der Tiefe meines Bewußtseins eine schlüssige und einleuchtende Antwort auf, ganz ohne angestrengtes Nachdenken oder irgendeine Art von Bemühen. Es ging ganz leicht. Mir war, als säße ich mitten in einem Großen, kostbaren Schatz von allumfassendem Wissen und könne beliebig herausgreifen, was ich nur wollte. Ich wurde durchflutet von Gefühlen tiefster Dankbarkeit gegenüber meinem Schicksal, das mir diesen Gedanken- und Ideenreichtum zuteil werden ließ.

So verbrachte ich Stunde um Stunde, auch die ganze Nacht hindurch, fassungslos und fasziniert von diesem Überangebot an Wissen. Gleichzeitig war mir aber bewußt, daß die synaptischen Verbindungen meines Gehirns, die zeiträumliche Begrenztheit meines Bewußtseins niemals ausreichen würde, die Komplexität und den Umfang dieses Wissens zu erfassen. In Anbetracht der universellen Wahrheit, der ich mich sehr nahe fühlte, war alles, was ich zu erfassen in der Lage war, nur ein winziges Bruchstück. In diesem Zusammenhang hatte ich auch eine Art Gotteserfahrung, indem ich nämlich immer wieder, von Ehrfurcht ergriffen, dachte:
GOTT IST GROSS!

Ich habe rückblickend den Eindruck, dass meine bisherigen psychotischen Episoden allesamt Krisen im Rahmen eines spirituellen Erwachens gewesen sind – und noch sein werden, denn ich glaube nicht, dass dieser Prozess schon zu Ende ist. Ich versuche zwar inzwischen, ihn (z.B. durch Bewusstmachung, durch Medikamentenanpassung und bewusste Lebensführung) zu steuern und mich im Vorfeld der Verhaltensauffälligkeiten zu halten, habe das aber noch nicht ganz unter Kontrolle, so dass es durchaus möglich ist, dass ich auch in Zukunft öfter mal in eine psychiatrische Klinik muss, in der man darauf aufpasst, dass ich in meinem „Wahn“ nicht allzu viel konkretes Unheil anrichte. Das finde ich durchaus in Ordnung und meine Angehörigen bzw. Freunde können mich ruhigen Gewissens dort auch abgeben, falls ich mal wieder ausflippe und rumzaubere.

Die Verhaltensentgleisung tritt immer dann ein, wenn ich egozentrisch nach den mir zufließenden Inspirationen greife und mir einbilde, dass ICH (mein Ego) es bin, der das alles macht und denkt. Dann kommt es zu bizarren Handlungen, die keiner mehr versteht und wo auch ich nicht mehr in der Lage bin, nachvollziehbar zu transportieren, was in mir vorgeht. Wenn es mir gelingt, nur Kanal zu sein und möglichst entspannt und uneigennützig die einströmenden Inspirationen aufzunehmen und ins Bewusstsein zu heben (ohne es dabei zu verlieren!) dann kann ich ruhig auch „psychotisch“ bleiben, ohne dass auch nur ein Mensch etwas davon bemerkt. Dieser Zustand im Vorfeld einer psychotischen Entgleisung ist mir der liebste, in ihm geht es mental und emotional sehr lebendig und kreativ zu und ich bin auch in sozialer Hinsicht am brauchbarsten und anregendsten.

Wenn ich zu viele Medikamente nehme, bin ich gegen die Inspirationen abgedichtet und mein Kopf und mein Herz sind leer und ich werde schweigsam und depressiv, während andererseits meine Alltagstauglichkeit und äußerliche Funktionsfähigkeit weitgehend wiederhergestellt ist, allerdings auf eine roboterhafte Weise. Es ist alles eine Frage der Balance und Feinabstimmung und ich bin eigentlich ganz zuversichtlich, dass ich das im Laufe der Zeit mit zunehmender Übung beherrschen lerne. Das Schreiben hilft mir jedenfalls wesentlich dabei, die Balance zu halten, auch wenn es zu unmöglichen Tageszeiten, manchmal mitten in der Nacht geschieht. Alles was ich aufnehme, muss auch bald wieder ausgeschieden werden, sonst staut es sich und verursacht einen Druck, der sich als geistige Verwirrung äußert. Am besten geht das, wenn ich dem Schreibimpuls sofort nachgebe, sobald er auftaucht. Es ist wie bei der Verdauung, wenn man sich den Stuhldrang längere Zeit verkneift, bekommt man Verstopfung und muss fürchterlich pressen, um sich des Verdauten wieder zu entledigen. Manchmal liegt viel an und manchmal kommt längere Zeit überhaupt nichts; nach welchen Gesetzmäßigkeiten das vonstatten geht, durchschaue ich (noch) nicht. Es macht auch wenig Sinn, danach zu fragen und es analysieren zu wollen, am besten ist, ich gebe einfach geschmeidig nach und lasse es strömen, wie es will.

Das sind meine Erfahrungen im Umgang mit der psychotischen Erkrankung. Wie geht es anderen damit? Im Gespräch mit ebenfalls Betroffenen habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele ihren psychotischen Zustand ablehnen und als fremdbestimmt und krank wahrnehmen. Er ist ihnen als etwas Fremdes, von außen Kommendes widerfahren und sie möchten ihre Entgleisungen am liebsten vergessen und sich auf das Normale, Gesunde konzentrieren. Sie distanzieren sich von ihren Erlebnissen und verwerfen sie als krank, wirklichkeitsfremd und sinnlos. In dieser Haltung werden sie in aller Regel von den behandelnden Psychiatern auch unterstützt und ermuntert, sich wieder ganz ihren gesunden Anteilen zuzuwenden. Auf diese Weise wird die Chance zu seelischem Wachstum, die in der psychotischen Erfahrung ja enthalten ist, verpasst. Warum auch sollte man sich mit diesem „Schwachsinn“ inhaltlich auseinandersetzen?

Inzwischen weiß ich aus eigener Erfahrung und auch aus der Literatur, dass die Bandbreite des menschlichen Bewusstseins größer ist als man allgemein hin annimmt und dass sie weit über den „gesunden Menschenverstand“ hinausgeht. Stanislav Grof, ein tschechischer Psychiater, der sich – ausgehend von der LSD-Forschung – intensiv mit den vielschichtigen Aspekten des menschlichen Bewusstseins und insbesondere mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen befasst hat, ist der Auffassung, dass die Manifestation einer Geisteskrankheit Ausdruck eines Selbstheilungsprozesses sein kann. Grof hat sich auch mit den Zusammenhängen zwischen Kosmos und Psyche befasst und eine Psychologie der Zukunft entworfen (die transpersonale Psychologie), die inzwischen zu einem anerkannten Zweig innerhalb der Psychologie geworden ist. Sie befasst sich u.a. mit den spirituellen Dimensionen des Seins und den Querverbindungen zwischen mystischer und psychotischer Erfahrung , mit Spiritualität und Religion. Spiritualität wird als eine extrem wichtige und vitale Dimension des Lebens betrachtet, die uns nährt, uns Kraft gibt und dem menschlichen Leben Bedeutung schenkt. Dieser wissenschaftliche Ansatz hat mir persönlich sehr zu einem konstruktiven und positiven Umgang mit meiner psychotischen Erkrankung verholfen und mir aufgezeigt, dass man durch genaues Hinschauen und mentale Anstrengung (durch Bewusstmachung eben), einen Ausweg aus der psychotischen Krise finden kann. Ich kann diesen Autor nur jedem Betroffenen vorbehaltlos empfehlen.

Im Zustand der akuten Psychose ist das Bewusstsein über die sichtbare, alltägliche Realität hinaus ausgedehnt und dringt in Bereiche vor, die sich normalerweise dem “gesunden Menschenverstand” entziehen. Das zu erleben, ist eine sehr außergewöhnliche Erfahrung, es einfach “krank” zu nennen, zeugt meines Erachtens von Unkenntnis der eigentlichen Zusammenhänge und Ignoranz gegenüber den potentiellen Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins. Dieser Krankheitsbegriff ist relativ und ich verstehe aus eigener Erfahrung sehr gut, warum viele von einer solch außergewöhnlichen Erfahrung Betroffene keine “Krankheitseinsicht” zeigen und an ihren “Wahngebilden” festhalten und sie verteidigen. Auch mir gelingt es bis heute nicht, meine exotischen Ausflüge in das Reich jenseits des Alltagsbewusstseins für krank zu halten. Außergewöhnlich ja, aber wieso krank?

Ich nehme zwar heute prophylaktisch eine geringe Dosis Neuroleptika, um weitere Schübe zu verhindern, aber das tue ich hauptsächlich deshalb, weil die Erfahrungen während der akuten Psychose meinen Organismus derart angestrengt und mich seelisch so überfordert hatten, dass ich monatelang danach mit schwersten Depressionen und völlig erschöpft darniederlag und nicht mehr imstande war, meinen normalen Alltag zu managen und mich ausreichend zu versorgen. Das waren wirklich schlimme Zeiten, die ich nicht mehr wiederholen möchte. Die Erlebnisse während der akuten Phasen dagegen bewerte ich heute eher als bewusstseinserweiternde Bereicherung meines Denkens und Fühlens, von der mannigfache Inspirationen zur Selbst- und Welterkenntnis ausgehen, für die ich dankbar bin. Die Psychose hat meinen Erfahrungshorizont und mein Bewusstsein erweitert und mich für spirituelle Themen geöffnet.

Über Rückmeldungen zu meinem Text würde ich mich freuen.

E-Mail-Adresse:
Gabriele.Haag1@web.de

 


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Gedanken zum 20. Jahrestag meiner Psychose

Erstellt von Bodo am 12. Oktober 2008 – 19:23 -

Gestern unternahmen wir gemeinsam einen ausgedehnten Fahrradausflug an den südlichen Stadtrand, wo ein großer Park mit angrenzendem Wald liegt. Der Herbst ist zur Zeit wunderschön! In ungezählten Farben erstrahlen die bunten Blätter der Bäume in der Herbstsonne, wenn endlich – am Nachmittag – der Nebel gewichen ist. Es ist wie ein Rausch, mit jeder neuen Szenerie erklingt eine neue Sinfonie an Farben und Formen, wie von überirdischer Hand geschaffen. Und doch ist es nur ein Schauspiel von wenigen Tagen, und die millionenfach bunten Blätter von gestern liegen braun und naß am Boden. Der Herbst dieses Jahres ist besonders schön. Und ich weiß genau, hätte ich nicht mein Medikament, der Sinnesrausch würde mich überwältigen, würde mich bis ins Innerste bewegen, meine Seele gewaltig erklingen lassen – mein Herz würde schmerzen. Ein Arzt würde nüchtern sagen: Beginnende psychotische Symptome.

So aber habe ich mein Medikament, das mich schützt, das mich stabil hält; das nicht zulässt, dass die Grenzen meines Ichs verschwimmen, dass meine Seele nicht eins wird mit der berauschenden Natur des Herbstes 2008. Eigentlich schade, das nicht mehr empfinden zu können – aber bitteschön: im Krankenhaus möchte ich nicht mehr landen!

So musste ich daran denken, dass es genau 20 Jahre her ist, als ich damals, auch im Herbst, in der 42. Woche des Jahres 1988 in die Psychose hineingerutscht bin. Nach schwerer seelischer Erschütterung konnte ich meine Ichgrenzen und meine Kritikfähigkeit gegenüber mir selbst nicht mehr bewahren. Die Außenwelt drang mit aller Macht in die Seele, und die Gedanken erschufen aus jeder Bedeutungslosigkeit eine geheime Bewandnis und ein zu lösendes Rätsel. Und dazu kam die Angst! Angst vor unheimlichen körperlichen Empfindungen, die Angst zu sterben, die Angst vor den eingebildeten Gegnern, vor den Verfolgern.

In diesem Zustand ist man nicht mehr in der Lage für seine Gesundheit Sorge zu tragen. Gott segne alle Freunde und Angehörigen des Betroffenen, die sich jetzt um ihn kümmern, ihn nicht verrecken lassen – ihn überzeugen, dass es besser ist, sich in eine medizinische Behandlung zu begeben und eventuell auch Medikamente einzunehmen. Der Tag wird kommen, an dem er dankbar darüber sein wird.

Allen Betroffenen und allen Angehörigen wünsche ich noch wunderschöne Herbsttage in diesem Jahr!

Euer Bodo

 


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