Die Urzeitsippe

Erstellt von Bodo am 31. März 2012 – 08:52 -

Neulich habe ich mal in einem schlauen Buch gelesen, dass der Mensch viele Hunderttausende von Jahren nur in Familien- und Stammesverbänden von maximal 160 Individuen gelebt haben soll, dem Stammesverband – der Urzeitsippe.

Und weiter stand geschrieben: Diese Fähigkeit der Beziehungsaufnahme hat der Mensch bis heute sich erhalten. Anders gesagt: Mehr Kontakte braucht eigentlich kein Mensch, und er kann auch nicht wirklich mehr als 160 echte Beziehungen eingehen, seien da auch noch so viele Facebook-Freunde auf der Liste …

160 Personen – das ist heutzutage ein hübsches kleines Dorf, wo es überall auf der Welt und in Deutschland vorkommt. Und jeder weiß über jeden Bescheid! So ist das eben auf dem Dorf und in der Ursippschaft.

Da kann man sagen: Ein Stadtbewohner aus Berlin oder München, aus jeder beliebigen Großstadt, hat doch jeden Tag so viele Kontakte. Im Nahverkehr, im Job, in der Freizeit – was da im Monat an Personen zusammenkommt, das sind doch Tausende? Aber sind es echte Beziehungen? Spricht man wirklich mit allen diesen Leuten? Ist es mehr als ein flüchtiger Blickkontakt?

Schon Tucholsky beklagte die Kurzlebigkeit eines Kontaktes in der Großstadt: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick – die Braue, Pupillen, die Lider – Was war das? – vielleicht dein Lebensglück … – vorbei, verweht, nie wieder.

Vielleicht ist es auch die Flüchtigkeit dieser Kontakte und das massenhafte, wiederholte Auftreten dieser Kalamität, das den Menschen krank macht: Studien belegen, dass Schizophrenie z.B. vermehrt unter Großstadtkindern auftritt.

Auf der anderen Seite kann man vielleicht auch sagen: Hat ein Mensch weniger als 160 echte Beziehungen, fühlt er sich nicht ausgefüllt, er oder sie leidet dann an einem Mangel an Kontakten und neigt zu Depression und Selbstzweifel.

Jeder kann diesen Test machen: Wieviele echte Beziehungen habe ich? In die Mitte des Blattes schreibt man “ich” (Berliner schreiben “icke”) und drumherum gruppiert man die Menschen die einem nahe stehen: Je näher die Beziehung, desto dichter dran. Und all die Menschen, mit denen man im Laufe einer Woche, eines Monats, eines Jahres freundlich Worte wechselt …

Und was soll ich sagen? Meine Großstadtkontakte und Familienbeziehungen summieren sich wie von Geisterhand gesteuert um die Zahl 160!

Probiert es aus!
Euer Bodo

 

 

 

 

Gedicht: Augen in der Großstadt von Kurt Tucholsky (1890-1935)

 


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