Echtes Gold

Erstellt von Bodo am 6. November 2012 – 10:14 -

“Alles, um was ihr betet und bittet – glaubt, dass ihr es empfangt,
und es wird euch werden.”
Markus 11,24

Eigentlich wollte ich heute niemanden besuchen. Frau Koch nicht, und Tante Hildchen schon gar nicht. Dann hatte ich aber nach dem Arzt noch Zeit bis zum nächsten Zug, ich stieg einfach in den proppevollen Köpenicker Bus und nach drei Stationen wieder aus. Nein, an der Haustür der alten Dame habe ich nicht einfach geklingelt. Das wäre ein Überfall gewesen. Ich habe per Handy angeklingelt und durfte dann auch raufkommen. Konnte eh nur 10 Minuten bleiben.

Frau Koch hatte ihre Putzhilfe da. Oh, dachte ich, da störe ich wohl wirklich! In Wirklichkeit störte ich nur beim Kaffeetrinken und Kuchenessen. Ich bekam sogar eine Tasse Kaffee ab, und wir konnten uns ein wenig nett unterhalten – ich und die Damen: die eine etwas älter, die andere etwas jünger. Ein Stück Kuchen wäre sogar für mich drin gewesen. Aber ich dankte. Vom IKEA war ich noch satt.

Meine Trophäe war ein geflochtener Wäschekorb. Das Ding sieht ganz gut aus. Auf dem Bahnhof Gesundbrunnen jedenfalls, blieben die Blicke der weiblichen Mitreisenden an dem Flechtwerk kleben. Schnell damit nach Hause! Bevor es mir eine abschwatzt …

Dieser Berlin-Ausflug fing diesmal anders an als sonst. Mit der ODEG Richtung Lichtenberg und dann wollte ich über Ostkreuz in die Stadtmitte. Aber kurz vor Hohenschönhausen kam mir die Idee, ich könnte ja auch mir der Tram reinzuckeln. Also dort ausgestiegen! Fahrstuhl wegen Vandalismus kaputt, sagt das Schild. Also ein langer Fußweg zur Haltestelle …

In der Straßenbahn war es kalt. Die Tram fuhr die Hansastraße entlang – für mich noch Neuland – an originellen Ruinen vorbei, in denen man tolle Gruselfilme drehen könnte. Ich schätze Baujahr 1890 … Die müssen doch schon zu DDR-Zeiten so verfallen gewesen sein. Jetzt hat man doch Geld! Aber man baut lieber hässliche Einkaufs-Center. Die bringen Rendite!

Ob ich den Andreas in Weißensee überfalle? Er geht nicht ans Telefon. Na gut. Die Tram zuckelt weiter. Jetzt wird’s etwas eng, aber nicht lange. Am Alex steigen die meisten aus. Rund um den Fernsehturm eine einzige Baubrache! Schöner Platz für Säufer. Die DDR-Architektur wird systematisch zerstört. Überall im Land kann man das feststellen. Der Kommunismus muss eben mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Wenn schon Erinnerung: bitteschön, hässlich muss sie sein!!!

Der Buchladen am Hackeschen Markt ist nicht groß genug. Na ja, für mich schon. Nur nicht für mein Buch. Kein Gesundheits-Regal, leider. Der Verkäufer winkt ab und darf mir eine hübsche Postkarte verkaufen. Draußen ein paar Fotos: Monbijou-Park mit Großer Synagoge. Ich gehe die Oranienburger weiter und suche ein passendes Restaurant. Die Heckmann-Höfe: zu teuer. Eine Cocktail-Bar: nicht mein Ding. Ick will wat zu futtern! Ich laufe und laufe, bis meine Blase entscheidet: Da gehen wir jetzt rein!

Die Toilette: Schweigen wir lieber drüber. Aber das Essen war lecker, und auch originell. Rote-Beete-Risotto mit Kürbiskernen und gebratenen Zuchini. Tucholsky- Ecke Auguststraße. Uriger Laden, gar nicht teuer.

Die S-Bahn, die hier im Untergrund fährt, bringt mich Richtung Süden. Station Friedrichstraße: Wenn man sich das überlegt! Hier, mitten in der Stadt war ein Grenzübergang. Zwischen zwei Welten! Wer in den Westen konnte und durfte, der durfte ab in den Untergrund der Stadt. Durch den Eisernen Vorhang in der Horizontalen! Überhaupt habe ich das damals erst sehr spät mitbekommen, dass das Zentrum von Ostberlin ja mehrfach vom “Feind” unterwandert bzw. unterfahren ist. Echt krass!

Genauso krass wie der Potsdamer Platz: Ein völlig überdimensionierter Regionalbahnhof; ein hässliches Einkaufs-Arkaden-Center, in den 90ern mit großem Tam-Tam hochgezogen und das wohl nur noch mit Fressbuden Umsatz macht, in die sich die Ministeriums-Bürokraten zur Mittagszeit flüchten. Und jetzt: So wenig Laufkundschaft, dass die einzige Buchhandlung in einigen Monaten das Weite sucht. Keine Rendite mehr.

Die vielen Touristen sind nur am Potsdamer Platz selber: Hübsche Fotokulisse mit schroffen Wolkenkratzern … Davor eine nice German Wurstbude. Schade, hier gab es ein großes Gesundheits-Regal, aber nicht mehr lange …

Ich hatte Zeit und las auf dem roten Sofa ein ganzes Buch durch. Die wichtigsten Stellen. “Wie man seine Angst überwindet – in zehn Schritten lösen sie jede Angst auf.” Habs an Ort und Stelle probiert. Alles im Geiste. Könnte klappen … sehr zu empfehlen. Die Angst ist ja auch nur im Geiste und nicht wirklich real. Real war, dass ich das Buch wieder ins Regal stellen konnte. Und Geld gespart habe. Aber ich war nicht gemein: eine Hörspiel-CD wechselte den Eigentümer …

Bei IKEA wechselte dann noch der Wäschekorb den Eigentümer. Überhaupt, diese schwedische Möbelbaracke! Man kann nicht genug vor ihr warnen: Willst du dort nur Kaffee trinken und Kuchen essen, du kommst einfach nicht wieder heraus! Die Rolltreppe fährt nur in eine Richtung, und eine Treppe hinunter gibt es einfach nicht. Eine FALLE! Die Info-Dame sagte mir: “Sie müssen durch die erste Abteilung. Dann gibt es aber eine Abkürzung nach links zu den Kassen.” Wäre ja noch schöner! Ohne Abkürzung.

Ich hatte keine Zeit, denn in 20 Minuten war der Arzttermin. Aber am anderen Ende der Stadt. Also durch die Abkürzung: Und, was steht auf den letzten Metern von IKEA? Mein Wäschekorb. Körbeweise allerdings. Er lächelte mich an und sagte: “Nimm mich mit, nimm mich mit!” Meine Wohnung zu Hause hörte das auch und rief: “Nimm ihn mit, nimm ihn mit!”

Da hat man einfach keine Chance. Bei IKEA geht man nicht so einfach hinaus. Alter Schwede, sag ich nur. Die Kassiererin meinte, ihr gehe es genauso: “Das Geld muss ja irgendwo bleiben!” Haha. Ja, wo bleibt denn das liebe Geld? Bei uns jedenfalls nicht!

Den langen Weg zurück nach Südkreuz, da hatte ich echt keinen Bock drauf und meine Knie schon gar nicht. Das Taxi kam wie gerufen. Es stand schon da und wartete. Wohl nur auf mich. Ein netter kleiner älterer Taxifahrer mit Akzent. Ob er denn jede Straße von Berlin kennt, wollte ich frecherweise wissen. Oh nein, das gehe gar nicht – bei 16.000 Berliner Straßen. Wie lange er schon in Berlin sei, wollte ich wissen. Seit 1968, da war er 22 Jahre! Er verriet mir eine Abkürzung, wie man schneller zu Fuß zum IKEA kommt und nach dem Bezahlen bekam ich sogar noch Gold vom ihm geschenkt: ECHTES GOLD.

Oh – danke, sagte ich, das lege ich gleich bei der Deutschen Bank an! Es war ein kleines goldenes Miniheftchen. “Etwas zum Lesen …” verabschiedete sich der Taxifahrer.

In der S-Bahn blätterte ich ein wenig drin: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.” Nicht schlecht! – “Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.” Genau! – “Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen …” - Ich glaube, man sollte das nicht wörtlich nehmen. – “Alles, um was ihr betet und bittet – glaubt, dass ihr es empfangt, und es wird euch werden.” - Also, nicht das Sein bestimmt das Bewusstsein. Sondern euer Bewusstsein bestimmt euer Schicksal, Glück oder Unglück.

Wie bei der Angst. Die kann man sich wegdenken. Oder wie der Autor sagte: Einfach deinstallieren! Mit seinem Geiste. Mit ihrem Geiste.

 

Montag, 5. November 2012 – Bodo Bodenstein





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