Ein sächsischer Traum

Erstellt von Bodo am 7. Mai 2013 – 05:45 -

Lange war ich nicht mehr in Dresden, der großen Metropole im Oberen Elbtal. Dem Elbflorenz des Ostens. Wie sehnte ich mich danach, wieder das “Nuh!” zu hören. Man kann es eigentlich nicht übersetzen. Es ist mehr eine seelische Schwingung, ein Gefühl der Bestätigung. Dieses Wort gibt der ostsächsischen Seele eine Wärme und Unschuld. Selbst die Buchstaben geben den Klang kaum wieder. Das Sächsische bräuchte eigentlich ein eigenes Alphabet.

Die alten Häuser der Uni sind wie eh und je. Als ob die Zeit stehengeblieben wäre. Aber im Süden und Westen wurde groß gebaut. Mehr geklotzt als gekleckert: eine moderne Bibliothek, neue Institutsgebäude aus Stahl und Glas; und die Wohnheime: hochglanzsaniert. Erinnerungen aus langer Zeit kommen hoch. Die TU war schon immer etwas Besonderes. Nicht nur für Dresden, für das ganze Land!

Das alte Stadtzentrum an der Elbe ist eine wahre Pracht geworden. Und das steinerne Juwel ragt hoch in den Himmel: die Frauenkirche! Viele neue schmucke Häuser umrahmen das Gotteshaus und den weiten Platz. Pferdekutschen und Gespanne an jeder Ecke. Touristen aus aller Herren Länder, die das Geld in die Stadt bringen. Manchem Dresdner ist es schon etwas zuviel Trubel, er war jahrzehntelang eher Beschaulichkeit gewohnt. Aber dann fährt er mit einer der vielen Straßenbahnen zurück in seinen Stadtteil: nach Strehlen oder nach Löbtau, nach Prohlis oder nach Coschütz, und genießt ein weitgehend touristenfreies Leben.

Auf dem Friedhof ist es ruhig. Ich muss ein bisschen suchen. Aber, da ist es! Ein schönes Grab. Und von mir drei Rosen dazu: zwei weiße und eine rote. Sie hat es schön hier! Kann sie von oben zuschauen? Hört sie meine Worte? Sieht sie meine Tränen? Aber eigentlich, denk ich mir, habe ich sie mit jedem Atemzug in mir. In meinem Herzen sowieso.

Beim Konzert kamen wieder die Tränen. Bläserensemble und Chor, von und mit Herrn Güttler. Sehr schön, und in dieser Kirche sowieso. Man braucht einen Abschied. Gerne hätte ich sie wiedergesehen. Nur für ein paar Worte und Augenblicke. Versäumt. Verdrängt. Vorbei.

Sie war bestimmt glücklich hier in Dresden. Und freier als zu Hause in diesem kleinen Ort der Lausitz, wo sie herkam. Früher konnte man nicht so einfach weg, alles aufgeben. Man hatte zwar Arbeit, aber man war gebunden, um nicht zu sagen eingesperrt. Ich wollte nicht in diesem Ort eingesperrt sein, ich wollte frei sein. Ich wollte zurück in mein Berlin. Habe verdrängt und wollte vergessen. Ungelebtes Leben, ungelebte Liebe.

Ist es müßig, darüber nachzudenken? War es richtig? War es Schuld? Egal: Abschied ist ein scharfes Schwert, heißt es in einem Lied. So ist es! Man muss seine Trauer abarbeiten. Man muss ihr Raum geben. Kopf hoch, Blick nach vorn – sagen andere. Ja. Gut. Doch wenn man nur nach vorn schaut, will man etwas bekommen, etwas erreichen. Doch man hat ja schon soviel! Man kennt oft gar nicht seinen Reichtum, den man in sich trägt. Den Reichtum der Seele und der Erinnerung …

Muss man seine Erinnerungen loslassen können? Muss man müssen? Man muss gar nichts! Dresden hat mir jetzt und heute so gut getan: Ich saß um fünf Uhr in der Morgenfrühe auf den Höhen am südlichen Stadtrand, und die Stadt im Tal erwachte, und der leichte Nebel entschwand aus dem Altstadt-Panorama … Das ist Poesie!

Überhaupt, das sage ich jetzt mal und behaupte es: Dresden hat das poetischste Zentrum einer deutschen Großstadt. Wie gemalt, wie komponiert! Da fragt man sich unwillkürlich: Hat Canaletto Dresden gemalt, oder wurde Dresden nach Canaletto gebaut? Und das Altmarktfest im Frühling und Herbst ist um Längen charmanter als das überfüllte Oktoberfest in München. Dresden brummt zwar in finanzieller Hinsicht, aber die sächsische Gemütlichkeit … die ist nicht totzukriegen!

Du bist bei mir.

Frühling Dresden-Panorama

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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