Eine andere Weihnachtsgeschichte

Erstellt von Bodo am 11. November 2011 – 16:06 -

Erinnerung an WeihnachtenOh, Du fröhliche, Oh Du selige …

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte
von Gabriele

Das Weihnachtsfest in meiner Herkunftsfamilie war eine sich jährlich gleichbleibend wiederholende Katastrophe. Vorausschicken muss ich die Information, dass mein Vater Alkoholiker war und dass diese Tatsache zu den in Alkoholikerfamilien typischen Verwicklungen und Streitigkeiten zwischen den Eltern führte. Da mein Vater als Werkführer bei der Bundesbahn unter der Woche auf Montage war, beschränkten sich die – handgreiflichen – Zänkereien auf das Wochenende. Wir Kinder, mein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder und ich, lernten früh, die sich anbahnenden Spannungen und Feindseligkeiten zu erfühlen und uns rechtzeitig unsichtbar zu machen, denn es konnte durchaus sein, dass man im Eifer des Gefechtes wegen irgendeiner längst vergessenen Unartigkeit in das Gerangel mit einbezogen wurde und auch ein paar Hiebe abbekam.

Meine Mutter – der Prototyp einer tüchtigen Hausfrau – nahm es mit Weihnachten ziemlich genau. Schon Wochen vorher wurden Plätzchen gebacken, der Christbaumschmuck aus dem Keller geholt, Weihnachtskarten auch an die entfernteren Verwandten geschrieben, Geschenke eingepackt und sonstige Vorbereitungen getroffen. Mama war voll im Stress. An Heiligabend war sie dann so etwa auf dem Gipfel ihrer hektischen Umtriebigkeit und sehr gereizt, weil mein Vater sich in keinster Weise in ihre Aktivitäten hineinziehen ließ. Er saß stoisch am Küchentisch, blätterte genüsslich in der Bild-Zeitung und trank seinen bevorzugten Weißwein. Weihnachten war für ihn “Weiberkram” und ging ihn nichts an; der ganze Aufwand war ihm nur lästig und er ließ das Unvermeidliche murrend und widerwillig über sich ergehen.

Nun war es aber so, dass mein Bruder als Sohn eines Eisenbahners unbedingt eine Modelleisenbahn haben musste und dieses riesige Monstrum wurde jedes Jahr zu Weihnachten im Wohnzimmer aufgebaut und blockierte dort bis Ende Januar den Zugang zum Fenster, so dass nicht mehr gelüftet werden konnte. Mein Bruder hat sich nie für dieses standesgemäße Spielzeug interessiert und er ließ dementsprechend die erwartete Begeisterung vermissen. Er nahm diesen ihm gewidmeten Aufwand einfach gelangweilt hin. Es war Aufgabe meines Vaters, für die Funktionstüchtigkeit dieser Modelleisenbahn zu sorgen und meine Mutter erwartete, dass das Ding pünktlich zur Bescherung lief. Er sah das locker und meist war es so, dass an Heiligabend um die Mittagszeit noch nichts funktionierte. Um 18.00 Uhr gingen wir Kinder mit der Mutter in die Kirche, nicht ohne dass die Mutter den Vater nochmals dringend mahnte, bis zur Bescherung, die unmittelbar im Anschluss an den Gottesdienst sein sollte, die Eisenbahn zum Laufen zubringen.

Wenn wir dann aus der Kirche wieder nach Hause kamen, lag der Vater auf der Couch und schnarchte. Die Weinflasche auf dem Küchentisch war leer. Die Mutter riss mit energischem Schütteln den trunkenen Vater aus seiner Weinseligkeit und überschüttete ihn mit Beschimpfungen und Vorwürfen. Er verlangte neuen Wein. Es entbrannte ein erbitterter Streit darüber, ob er schon genug hat oder nicht. Er forderte: Rück den Wein raus! Sie schrie: Von mir bekommst Du ihn nicht! Nur über meine Leiche! Dieser Kampf der Titanen dauerte eine ganze Weile und es ging dabei auch das eine oder andere zu Bruch, bis der Streit schließlich zugunsten meines Vaters entschieden wurde und meine Mutter kapitulierte, indem sie die heißumkämpfte Flasche Wein aus einem ihrer Verstecke holte und ihm diese tränenüberströmt vor den Latz knallte. Nachdem das geklärt war, konnte man wieder zur weihnachtlichen Tagesordnung übergehen. Jetzt war die Bescherung dran. Die Mutter trocknete ihre Tränen und versuchte, sich in die emotionale Verfassung zu bringen, in der eine liebende Mutter in einer heilen Familie an Weihnachten zu sein hat. Sie zündete die Kerzen am Weihnachtsbaum an und läutete mit einem Glöckchen ihre eingeschüchterten Kinder ins Wohnzimmer. Hartnäckig bestand sie darauf, dass alles ganz normal sei und wir eine nette kleine Familie sind, wie alle anderen auch. Wir Kinder machten entgegen besserem Wissen gute Miene zum bösen Spiel und taten so, als freuten wir uns. Jetzt konnten die Geschenke ausgepackt werden.

In materieller Hinsicht war Weihnachten für mich immer eine große Enttäuschung, denn ich bekam nur sehr selten das geschenkt, was ich mir wünschte. Ich hätte gern einen Märklin-Baukasten gehabt. Oder Lego-Steine. Oder einen Experimentierkasten mit Mikroskop, wie er im Katalog von Readers Digest abgebildet war. Stattdessen bekam ich Puppen zum An- und Ausziehen, eine Puppenküche, ein Häkelset für Topflappen und sonstigen typischen Mädchenkram. Meinem Bruder ging es umgekehrt genauso: er wurde mit Zubehör für seine ungeliebte Modelleisenbahn überschüttet. Dabei hätte man ihm mit einem Teddybär (er hatte schon drei) eine viel größere Freude machen können.

Diese sogenannte Bescherung jedenfalls war ein einziger, großer, verlogener Krampf, eine offensichtliche, absichtliche Lüge, oder besser ausgedrückt: ein schmutzig verfilztes Knäuel aus lauter ineinander verflochtenen Einzellügen. Die Mutter, vor Enttäuschung und Bitterkeit den Tränen nah, der Vater ungerührt hinter seiner alkoholischen Trennwand verschanzt, die Kinder in Alarmstimmung, wohlwissend, dass der elterliche Zweikampf noch nicht ausgefochten war, sondern jeden Augenblick aufs Neue ausbrechen konnte. Aber jetzt – so gegen 21 Uhr – kamen erst Mal die Verwandten. Eingeladen waren jedes Jahr die Schwester meines Vaters und ihr Lebensgefährte, Onkel Gap-Gap. Die brachten etwas frischen Wind und gute Laune in unser leidgeschwängertes Wohnzimmer und zerstreuten die feindseligen Schwingungen, die wie feuchter Nebel unsere ganz und gar nicht heile Familie durchdrangen. Besonders Onkel Gap-Gap, mein Lieblingsonkel, setzte durch sein freundliches, rücksichtsvolles Wesen und seine gepflegten Manieren neue, den Umgangsformen meiner Eltern total entgegengesetzte Maßstäbe. Für etwa 2 Stunden konnten auch wir Kinder aufatmen und uns an den Geschenken freuen, welche die Verwandten mitbrachten, denn im Gegensatz zu unseren eigenen Eltern berücksichtigten Onkel und Tante bei der Geschenkeauswahl sehr wohl unsere – vorher abgefragten – Wünsche und freuten sich mit, wenn wir uns freuten. Durch ihre aufrichtige Normalität kam ein kurzer Moment der Wahrhaftigkeit und Echtheit in unser familiäres Schreckensszenario und wir Kinder bekamen kurz den Hauch einer Vorstellung davon, wie Weihnachten auch sein könnte. Wenn die Verwandten dann aufbrachen, nahmen sie die positiven Energien, die sie mitgebracht hatten, wieder mit und zurück blieb eine gähnende, trostlose Leere. Mein Vater – inzwischen volltrunken – torkelte ins Bett und meine Mutter räumte emsig die Spuren des Besuchs beiseite und fing beim Geschirrspülen wieder an zu weinen und zu schluchzen. Wir wurden ins Bett geschickt. Wir waren ratlos und traurig und irgendwie total erschöpft. Wir wussten genau: irgendwas ist da kollossal schief gelaufen. Wir hatten ja aus der Schule und vor allem aus dem Religionsunterricht ein Bild, eine Vorstellung von Weihnachten, die sich überhaupt nicht mit den Erfahrungen deckten, die wir alljährlich mit berechenbarer Regelmäßigkeit erlebten. In Schule und Kirche war von Erlösung die Rede, von einem Ereignis, auf das man sich zu freuen hat und das man bejubeln darf. Friede, Freude, Eierkuchen. Liebe unter den Menschen. Friede auf Erden. Versöhnung. Der Retter naht.

Was hatten diese entfesselten Monster, die zufällig unsere Eltern waren und die noch vor wenigen Stunden erbittert aufeinander eingeschlagen hatten, mit dieser Heilsbotschaft zu tun? Hatten sie überhaupt jemals davon gehört?

An manchen Weihnachtstagen ging der elterliche Machtkampf nach dem Verschwinden von Onkel und Tante in eine Zusatzrunde, je nachdem ob der Trunkenheitszustand des Vaters es noch zuließ, dass er den heftigen verbalen Attacken seiner Ehefrau etwas entgegensetzen konnte. Dann flogen halbvolle Gläser durch den Raum und zerschellten klirrend auf der Tapete, Haare wurden ausgerauft und Brillengestelle zerbrochen. Einmal wäre fast die ganze Bude abgebrannt, weil der mit echten Kerzen bestückte Tannenbaum umfiel. Während das zwischenmenschliche Unwetter sich in Küche und Wohnzimmer austobte, hielten wir Kinder, ins Kinderzimmer verschanzt, den Atem an und bangten um das Überleben von Mutter und Vater. Wir hofften inständig, der Spuk möge ein baldiges Ende nehmen. Das tat er dann auch, mal früher, mal später und es kehrte sodann eine gespenstische Stille ein.

Am nächsten Tag, der für uns meist früh mit dem Ausprobieren der neuen Spielsachen begann, erschienen die Eltern am späten Vormittag auf der Bildfläche und taten so, als sei überhaupt nix gewesen. Gemeinsam beseitigten sie die Spuren ihrer entgleisten Auseinandersetzung, das Brillengestell wurde provisorisch geklebt, die Scherben zusammengekehrt und es wurde leise gesprochen, Rede und Gegenrede klangen vorsichtig und höflich. Wir Kinder konnten aufgrund der in vergangenen Jahren gemachten Erfahrung nun darauf vertrauen, dass der Waffenstillstand – von Frieden konnte nicht die Rede sein – die restlichen Feiertage über anhielt. Wir entspannten uns. Diesmal war der Horror vorbei.

So, oder so ungefähr liefen in meinem Elternhaus die Weihnachtsfeierlichkeiten ab. Es versetzt mich heute noch rückblickend in Erstaunen, dass sich das beschriebene Muster in jedem Jahr auf die fast gleiche Weise wiederholte. Wie bei einer vom vielen Gebrauch zerkratzten Schallplatte wurde da von unsichtbarer Hand eine schrille, misstönende Musik gespielt, bis sie zu Ende war und der Tonarm dann in der Endrille der Platte endlos weiterlief, allzeit bereit, noch mal von vorn anzufangen. Hass, Feindseligkeit, enttäuschte Erwartungen, verletzte Gefühle und hohe, unrealistische Ideale, all diese menschlichen Empfindungen und Vorstellungen kulminierten in diesem zerstörerischen Akt der Gewalt, der den dramaturgischen Höhepunkt in der Tragikkomödie namens “Weihnachten” bildete. Über lange Jahre hinweg unternahm keiner der beiden Hauptakteure jemals den Versuch, die schicksalhaft anmutenden Zwangsläufigkeiten zu durchbrechen oder vor Ihnen zu flüchten.

Im Alter von ca. 16 Jahren entschied ich für mich und gegen heftigen elterlichen Widerstand, an diesem wilden Spektakel nicht mehr teilzunehmen. Ich wollte nicht länger Schauspieler oder Zuschauer sein, sondern mich ganz bewusst den tumultartigen Szenen entziehen und mich anderen, alternativen Vorführungen zuwenden.

In meinem Erwachsenenleben hatte ich später noch oft die Gelegenheit, an den Weihnachtsfeierlichkeiten anderer Familien teilzunehmen und habe diese Einladungen auch gern angenommen, da ich auf der Suche war nach einem positiven Gegengewicht, mit dem ich gern meine traumatischen Erfahrungen aufgewogen hätte. Ein solches überzeugendes Gegenbild habe ich bis heute nicht gefunden. Mir sind in all den Jahren keine Menschen begegnet, die meinen hohen Ansprüchen an Aufrichtigkeit und menschlicher Wärme standhielten und die das Weihnachtsfest mit dem gebotenen Ernst als ein Fest der Liebe und Versöhnung zelebrierten. Ich bin zwar nie mehr in eine Familie hineingeraten, die an Weihnachten ähnlich krasse Umgangsformen pflegte wie meine eigene, aber ich habe doch recht häufig zwischenmenschliche Spannungen vorgefunden, unterschwellige Widersprüche, Unzufriedenheiten und Feindseligkeiten, die unter rein formellen Höflichkeiten durchschimmerten, manchmal äußerst subtil und nur für mein, in dieser Richtung äußerst sensibilisiertes Gemüt wahrnehmbar. Egal, wohin ich auch kam, im Innersten meines Wesens war ich immer auf Alarmbereitschaft geschaltet, stets darauf gefasst, dass jeden Augenblick der Blitz einschlagen kann in die unter fragwürdigen Vorzeichen versammelten Menschen. Mein fundamentales Unbehagen, mein substantielles Misstrauen gegenüber dem höchsten Fest der Christenheit wurde – und werde ich wohl auch in Zukunft – nie ganz los.

Auch heute noch, wo es mir nach Durchleben einer 4jährigen Psychoanalyse und den Abklärungsprozessen des Alterns möglich war, meine traumatischen Kindheitserfahrungen gründlich aufzuarbeiten, werde ich an Heiligabend regelmäßig von einer sehr unangenehmen Stimmung erfasst, die wie ein tief im Körper verborgenes Krebsgeschwür an mir nagt und frisst. Was ich auch unternehme – ich habe ja heute völlige Freiheit, Weihnachten so zu gestalten, wie ich will – das Unbehagen sitzt mir in den Knochen, es ist quasi untrennbar mit mir verwachsen. Es gibt keine Möglichkeit, mich seiner zu entledigen. Ich muss anerkennen, dass mir durch die unkontrollierten Hassattacken meiner Eltern ein bleibender Schaden zugefügt worden ist. Jedes Jahr an Weihnachten kommt mit der Erinnerung an das Erlebte auch die Gewissheit wieder hoch, dauerhaft und bis an das Lebensende seelisch schwer beschädigt zu sein. Ich nehme diese Beeinträchtigung inzwischen relativ ungerührt an, nachdem ich jahrelang Phasen wütender Anklage, geballter Wut und tiefer Trauer durchlebt habe. Ich ziehe es heute vor, menschliche Geselligkeit an Heiligabend zu meiden. Es geht mir am besten, wenn um mich herum Stille ist, keine Anrufe, keine Besuche, kein Radio, nur meine Katze und ich samt Strickzeug auf der Couch. Vielleicht brennt meine Hauptkerze in stillem Gedenken an jene Menschen, mit denen ich mal vertraut war und die heute nicht mehr unter uns weilen. Vielleicht bekomme ich Lust, ein bisschen in der Bibel zu schmökern oder in einem Gedichtband von Paul Celan zu blättern.

Vielleicht aber nehme ich auch ein altes Foto zur Hand, jenen gelungenen Schnappschuss, der mich im Alter von etwa drei Jahren zeigt, wie ich, flankiert von Mama und Papa, mit schokoladeverschmierten Mund verkrampft und unglaubwürdig in die Kamera lächle, weil Onkel Gap-Gap, der das Foto machte, mir gesagt hat, dass ich lächeln soll. Dann denke ich: so früh also hat der Terror angefangen. Meine verantwortungslosen Eltern waren skrupellose Täter, sie begingen an ihren Kindern (nicht nur zu Weihnachten) schwerste Verbrechen und sind deshalb schuldig. Nein, stimmt nicht: Meine Eltern waren Opfer: Mein Vater war ein Opfer seiner Trunksucht, meine Mutter ein gestresstes Vehikel ihrer kleinbürgerlich-idealistischen Wert- und Moralvorstellungen. Diese beiden Individuen sind sich irgendwann, irgendwo, irgendwie begegnet und haben sich aus rätselhaften Gründen, die sich jeder nüchternen und vernünftigen Betrachtung entziehen, zusammengetan, um einander Leid zuzufügen. So ganz nebenbei haben sie – quasi als Abfallprodukt – in ihrer tollwütigen Raserei zwei unschuldige Kinderseelen gequält, deformiert und mit in den Abgrund gerissen.

Das Zerstörungswerk ist ihnen gründlich gelungen. Mein Bruder hat schließlich seine Anstrengungen, in dem unübersichtlichen Kampfgetümmel zu überleben, aufgegeben und ist im zarten Alter von knapp 16 Jahren mittels einer Überdosis Heroin ins Nirwana entschwunden. Als man ihn morgens tot in seinem Bett fand, hielt er seinen geliebten Teddybär fest im Arm, während seine andere Hand das Lederbeutelchen mit dem Spritzbesteck umklammerte.

Ich dagegen lebe noch, sitze im begnadeten Alter von 57 Jahren an meinem PC und schreibe diesen Text. Es ist nicht mein erster Text und es wird wohl auch nicht mein letzter sein. Ich blicke mit Bedauern zurück auf zwei misslungene Versuche, mich durch Suizid allen weiteren Anforderungen zu entziehen und meinem Bruder nachzufolgen. Das hat nicht sollen sein. Also blieb mir nur das Kämpfen. Mal habe ich den einen Kampf gewonnen, mal jenen anderen verloren. An meinen Wänden hängen die Siegerurkunden friedlich neben den Kapitulationen. Ich empfinde keinen Stolz ob meiner Siege und schäme mich nicht für meine Niederlagen. So mancher Sieg entpuppte sich bei näherem Hinsehen als Niederlage und hin und wieder ging ich als Unterlegene erhobenen Hauptes und siegesgewiss vom Feld.

Mit dem Kämpfen habe ich erst aufgehört, als ich verrückt geworden bin. Der Wahnsinn, der mich erstmals 1994 heimsuchte, hat mir ganz neue Wahrnehmungsmöglichkeiten und Erlebnishorizonte erschlossen, die kämpferisches Verhalten überflüssig machten und sanftere Lebensstrategien nahe legten. Die psychotische Erkrankung ist zu einem Zeitpunkt in mein Leben getreten, als mein mentales und emotionales Fassungsvermögen bis in die hintersten Winkel ausgelastet und völlig verstopft war von Reizen aller Größen, Formen und Farben. Um mich zu entlasten, schaltete mein hochbegabtes Gehirn den Turbogang ein und ließ ab sofort neben den gewöhnlichen auch außergewöhnliche Gedanken und Handlungen zu. Neben den realen Zusammenhängen waren nun auch irrationale Muster und Abläufe sichtbar, die den Aktionsradius des gesunden Menschenverstand weit überschritten. Absurde und paradoxe Inhalte bildeten nun den bevorzugten Inhalt meiner geistigen Tätigkeit.

Im Laufe der vergangenen dreizehn Jahre habe ich mich behutsam und intensiv mit der schizophrenen Dynamik meines Gehirns vertraut gemacht und unter dem Schutz gering dosierter Neuroleptika erschließe ich mir seither in kleinen Schritten (und manchmal auch großen Sprüngen) das kreative Potential, das jeder Verrücktheit innewohnt und nur darauf wartet, entbunden zu werden. Die Gratwanderung zwischen gewöhnlichen und außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen ist eine zwar höchst interessante aber gleichzeitig auch eine überaus anstrengende Unternehmung und ich gerate dabei immer wieder an den Rand totaler, körperlicher Erschöpfung.

So sitze ich also, kampferprobt und lebensmüde an Weihnachten 2010 noch immer am Bildschirm und bringe das längst Zurückliegende und doch immer noch Aktuelle in ein anschauliches, zutreffendes Wortgefüge. Für wen? Für alle, die mir ein menschliches Interesse entgegenbringen und für meine Botschaften offen sind. Wozu? Für mich. Das nüchterne Beschreiben meiner Weihnachtserinnerungen ist – jedenfalls in diesem Jahr – mein ganz persönliches, weihnachtliches Erlösungswerk und meine ganz private Versöhnungsarbeit.

In meinem Bücherregal befindet sich ein kleiner Ahnenaltar, auf dem Fotos meiner näheren Verwandten aufgestellt sind. Meiner Mutter zünde ich jetzt eine kleine rote Kerze an. Meinem Vater stelle ich ein Opferschälchen Wein hin. Mein Brüderchen hülle ich in den Duft eines Räucherstäbchens. So sind alle gewürdigt und geehrt und ich kann sie in Frieden loslassen. Dann salbe ich die Narben meiner aufgeschnittenen Pulsadern mit einer luxuriösen Handcreme, die mir zu Weihnachten von einer Freundin geschenkt worden ist. Damit versöhne ich mich auch mit meinen eigenen destruktiven Impulsen. Zu guter Letzt wende ich mich meiner Katze zu, füttere sie mit besonderer Fürsorge und Liebe, gebe ihr zusätzlich ein paar von den Leckerlis, nach denen sie so verrückt ist und hole mir bei ihr ein paar flüchtige Zärtlichkeiten ab.

Wenn mich in den nächsten Tagen jemand fragt, wie ich denn Weihnachten verbracht habe, sage ich: keine besonderen Vorkommnisse. Ich habe ein bisschen nachgedacht, einiges aufgeschrieben und kaum etwas gegessen. Zwischendurch habe ich gestrickt und mit der Katze gespielt. Als ich am zweiten Weihnachtsfeiertag so entspannt und still auf der Couch saß und mich auf das Ausklingen des Weihnachtsfestes einstimmte, spürte ich auf einmal ganz deutlich, wie der Herr seinen himmlischen Frieden ganz sanft auf mich niedersinken ließ. Wie eine Wolke aus zarten, gewichtslosen Schneeflocken senkte sich eine große Zärtlichkeit in mein Herz und strömte von dort aus in meinen ganzen Körper. Ich verharrte reglos in diesem Gefühl wohligen Eingehülltseins und ließ es geschehen, dass sich in meinem Kopf Worte bildeten. Ich wusste sofort: jetzt kommt mir gleich ein Bibelfragment in den Sinn. Genauso geschah es auch:

Fürchte dich nicht,
denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen;
du bist mein.

Es erübrigt sich wohl, ausdrücklich zu betonen, dass ich mit dieser Botschaft voll und ganz einverstanden bin, mehr noch: ich bin beglückt, so unmittelbar, so direkt angesprochen zu werden. Nur allzu gern folge ich dieser Stimme, die mich schon des öfteren und in verschiedenen Zusammenhängen erreicht hat, aber nur selten in dieser Eindeutigkeit und Klarheit. Es ist mir eine Ehre, mich trotz meiner sämtlichen Beschädigungen, Mängel und Unvollkommenheiten in den Dienst dieser Kraft stellen zu dürfen.

Das also war es, mein Weihnachten 2010. Jetzt, wo ich mit meinen Ausführungen am Ende bin, fühlt es sich an, als sei ich um einige Kilo leichter geworden. Wenn ich singen könnte, würde ich jetzt einen Lobgesang anstimmen. Meine Katze liegt dichtgedrängt am Kachelofen und döst entspannt vor sich hin. Draußen schneit es leicht und leise. Die Straßen sind fast menschenleer. Etwas frische Luft wird mir jetzt gut tun.

E N D E


Erstellt in Kategorie Gastbeiträge, Krankheit, Rückblicke | 4 Kommentare »

4Kommentare zu “Eine andere Weihnachtsgeschichte”

  1. Bodo sagt:

    Vielen Dank an Gabriele für diese Geschichte!!!

    Vielleicht erkennt mancher Leser oder manche Leserin Parallelen zu seiner eigenen Kindheit … Über Kommentare würden wir uns freuen!

    Bis Weihnachten ist es ja noch ein bisserl hin …
    Viele Grüße vom Bodo

  2. Karl sagt:

    Auf der Suche nach Hilfe hat mich der Artikel doch sehr berührt. Wir befinden uns in der ersten Akutphase unseres Sohnes – sehr dramatisch – und doch hilflos

  3. palme sagt:

    sehr schön, sehr eindringlich, absolut verständlich beschrieben. Das bild, du mit der katze und dem strickzeug in einem warmen zimmer, das sich vor meine augen schiebt, hat etwas unheimlich beruhigendes und heimeliches. Vielen dank für deine geschichte.

  4. Mattes sagt:

    Hätte ich die Geschichte mal besser nicht gelesen. Jetzt ist alles wieder da. Die Bilder, die Gefühle, die Angst. Bodo, wir könnten Geschwister gewesen sein, zumindest im Geiste.

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