Gib den Drogen keine Chance

Erstellt von Bodo am 20. Oktober 2013 – 17:26 -

Eine Geschichte, zugeschickt von DENPLAE …

Die Tage vor der geschlossenen Abteilung:

Er sprach im Grunde über sich selbst und auch eher in der Theorie, aber für jemanden der kurz vor dem Ausbruch einer Psychose mit suizidalen Tendenzen steht, klingt einfach alles bedrohlich, doppeldeutig und wie auf einen zugeschnitten. Mir brannte eine Sicherung durch und die Reaktion auf Toms kurze Erzählung war heftig und unpassend.

“WAS? Das traust du mir zu?”, waren die letzten Worte, die ich an Tom richtete und legte zitternd auf, rannte mit dem Handy in der Hand zu M. und sagte, dass ich dringend meine Anwältin sprechen müsse. Gesagt – getan. Sein Vater fuhr uns in die ländliche Gegend und ich betrat mit den Worten “diesmal geht es nicht um Kleinigkeiten” die Wohnküche.

Zitternd stand ich vor Manuel und wurde zunehmend paranoider. Dieser verdammte Anruf. Dieser schreckliche Vorwurf. Diese Tat, die ich nicht begangen habe. Ich erlitt einen Nervenzusammenbruch. Abstruse Assoziationen wurden zu Tatsachen. Vergiftungsängste taten sich auf. Wir hatten vorher alle Drogen in meiner Wohnung auf meinen Wunsch die Toilette heruntergespült. Beweise vernichten.

Nun war ich bei meiner Anwältin, nur brachte kein Wort heraus ausser “die gutartige Psychose ist jetzt eine bösartige” und begann zu weinen. Ich erinnerte mich an ein Messer auf dem Tisch meines Dealers und war mir plötzlich sicher, dass es nur wegen mir dort gelegen haben kann. Die wollen mich umbringen! Ich lief wie ein aufgeschrecktes Reh in das Erdgeschoss zu meiner Oma, die mir einen Wollpulli anbot. Ich rannte vor ihr weg in den Garten und sah eine Leiter die an einen Baum gelehnt war.

Wer hatte die Leiter dort hingestellt? Was will mir die Person damit sagen? Rette dich auf einen Baum? Ich halluzinierte eine Ziege, die normalerweise im Stall sein musste.Nur kurz und aus dem Augenwinkel, aber deutlich erkennbar. Bei genauem hinsehen verschwand sie. Ich verbrachte einige Tage dort und nahm mir immer wieder vor meiner Anwältin begreiflich zu machen wie ruiniert ich bin, aber mehr als “keine Angst, ihr seid hier oben in Sicherheit” brachte ich kaum heraus.

Ich kriege den genauen zeitlichen Ablauf nicht mehr rekonstruiert. Auf jeden Fall ging ich mit Manuel und meiner Oma spazieren, die Sonne schien und sie unterhielten sich über alltägliche Dinge. Egal was sie sagten – ich bezog alles auf mich. Irgendwann sagte ich “OKAY, ihr habt es geschafft, ich hab Todesangst!”

Am Frühstückstisch: Aus dem Fenster schauend sah ich einen kleinen Bus mit der Aufschrift “Paketdienst” Ich dachte nun ist es soweit – jeder hat sein Paket zu tragen und jetzt kommt meins. Der Bote klingelte. Ich dachte es sei einer meiner Dealer mit Perücke. Er sah ihm erschreckend ähnlich. Niemand öffnete. “Wenigstens die halten zu mir”, dachte ich.

Da ich dort lebte wie ein feiger Parasit und dringend etwas passieren musste, holte mich mein Vater nach ein paar Tagen dort ab. Ich lag zusammengekauert auf der Couch meiner Oma im Wintergarten, unfähig mich zu artikulieren. Später bei ihm wollte ich nur noch schlafen, hatte dies die letzten Tage kaum geschafft und am nächsten Tag berichtete ich ihm bestürzt, dass ich Menschen suche die mich töten. Er muss damit sehr überfordert gewesen sein. Es gab Frühstück. Ich nahm einen Tee. Ich dachte, der Tee sei vergiftet. Ich zögerte kurz und nahm dann einen Schluck. Ich trank ihn aus weil ich eh schon ruiniert war. Es machte mir nichts mehr aus zu sterben. Als mein Vater und meine Stiefmutter fragten was nun passiert, wie es weitergehen soll, nahm ich wortlos das Telefon, wählte die Nummer 110 und legte es auf den Tisch. Ich wurde darauf hingewiesen, dass dies der falsche Ansprechpartner sei. Jemand wählte 112. Aufnahme in die geschlossene Psychatrie.

Ich hatte einen Koffer für alles mögliche und einen Koffer für die Klinik. Wahllos nahm ich den Koffer für alles und stieg ins Auto, ohne auch nur im geringsten an den Kofferinhalt zu denken. Von der Aufnahmeprozedur weiss ich fast nichts mehr. Ab und zu kam die Polizei in das Wartezimmer der Notaufnahme um sich einen Kaffee aus dem Automaten zu holen. Ich hielt dieses Verhalten für Tarnung und war in meinem desolaten Zustand davon überzeugt, dass alles um mich herum nur wegen mir statt findet. Kompletter Realitätsverlust. Ich weiss noch, wie eine Schwester die Tür hinter mir zuschloss und ich schrie “ich habe niemanden umgebracht!”

Meine Sachen wurden durchsucht, mir wurde eine Urinprobe abgenommen und ich wurde stark sediert. Ich kam in den Time-Out-Raum, ein Beobachtungszimmer direkt neben dem Dienstzimmer, getrennt durch eine große, bruchsichere Glasscheibe. Das nächste, an das ich mich erinnere, war ein drückender Schmerz während einer Halbschlafphase und ich erwachte mit diesem Schmerz, der im gleichen Moment verschwand in dem ich die Augen öffnete. Um mich herum standen ca. 5 Personen in Zivil, die Arme verschränkt, Blicke die ich als bedrohlich interpretierte, an meinem Arm eine Einstichsstelle. Ich war mir sehr sicher, dass mir soeben eine schmerzerzeugende Substanz injiziert wurde und verließ fluchtartig das Bett und den Raum. Von da an lebte ich auf dem Flur und schlief im Wohnzimmer mit der Tischdecke umhüllt und dachte, dass alle anderen “Patienten” nur wegen mir dort sind um mich zu schädigen oder mich zu beobachten.

Ich dachte über die gerade geschilderten, weit zurückliegenden zwei Tage mit Rabea nach und in meinem wahnhaften Zustand bastelte ich mir aus relativ harmlosen Ereignissen, die nichts mit mir zu tun haben, eine absolute Katastrophe zusammen. Das “zufällige” Treffen mit Tom,Shavo,Michel und Rabea wurde zu einer Verschwörungstheorie die das Ziel hat mich zu vernichten. Alle haben zusammen gearbeitet. Das zufällig vergessene Handy diente dazu, mich in die Stadt zu locken um Beweisfotos zu schießen. Rabea wird mit Sicherheit irgendwo versteckt, damit mir die ganze Szene eine Entführung oder einen Mord anhängen kann. Verlorene Haare oder ihre Fingerabdrücke in meiner Wohnung. Lückenlose Überwachungen, eine absurd komplizierte und von außen betrachtet lächerlich paranoide “Sachlage” wurde zu meiner unumstößlichen Realität.

Ich sah die Kriminalpolizei in Gedanken bereits in meiner Wohnung, in dem Haus meiner Familie und an jedem erdenklichen Ort an dem ich vor kurzem auch war. Während in der Realität im Grunde absolut nichts bedrohliches statt fand, schrieb ich in Gedanken bereits mein Testament. Ich glaubte nicht mehr daran, dass diese junge Frau psychotisch war – alles Tarnung! Die Falle schnappt zu – mein Leben neigt sich dem Ende zu.Wirklich garkein guter Zuspruch oder Kritik konnte mich von diesen wahnhaften Gedanken runterbringen. Bei einer Psychose arbeitet alles, wirklich jeder gegen mich und nichts kann mich auch nur ansatzweise vom Gegenteil überzeugen. Ich verbrachte jeden Tag mit Todesängsten, Paranoia und einem noch nie derart intensiv dagewesenen Leidensdruck. Endstation.

Die erste Nacht, in der ich wach war: Ich erblickte ein leeres Zimmer. War das für mich? Auf dem Schrank lag eine Reisetasche. Ich sprang hoch und schnappte sie mir. Sie war leer. Ich ging auf die Herrentoilette, setzte mich mit angezogener Hose auf den heruntergeklappten Toilettensitz, dachte an eine ähnliche Szene aus dem Film “Ein Fisch namens Wanda” und musste lachen. Dort war ein “drücken sie, wenn sie Hilfe benötigen” – Knopf an der Wand. Benötigte ich Hilfe? Eigentlich schon. Ich drückte ihn in der Hoffnung, endlich aus dieser Folterhölle heraus zu kommen und hörte mehrere Stimmen, ein langgezogenes “Ooohh”. Mir war zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, dass es sich um eine Halluzination handelte.

Ich bekam Solian, Haloperidol, Truxal, Atosil und Tavor. Nichts half. Das hochpotente Neuroleptika Haldol wurde nach einer Woche wieder abgesetzt, weil selbst das nichts brachte. Ich halluzinierte weiterhin, hörte Stimmen und nahm jeden Pfleger als Polizisten oder Folterknecht wahr. Ich dachte, dass das Wetter manipuliert wird um mir subtile Botschaften zu senden. Ich war Schuld am Regen. Ich glaubte dem Stationsarzt seinen Namen nicht. Alles Tarnung. Die wollen mich fertig machen. In den Visiten erklärte ich jedes mal nur, dass ich unschuldig bin, dass Dealer hinter mir her sind, dass ich meine Familie schützen muss und so weiter. Wenn die Polizei oder das Ordnungsamt anwesend war, war das natürlich nur wegen mir. Ich hoffte, dass sie mich erschießen.

Ich rannte in das Dienstzimmer und schrie “kann mich mal BITTE jemand töten?” und traute das auch einigen vom Personal durchaus zu. Ich war ein psychisches Wrack und ohne diese schützenden Wände schon längst von der nächsten Brücke gesprungen. In meinem Koffer war ein Haufen schmutziger Wäsche, Neurociltabletten, Fettsalbe, Ascorbinsäure, ein tragbarer DVD-Player samt Urlaubs-DVD von Holland und gesammelte Dokumente der letzten paar Jahre. Das reichte wohl für einen mehr als schrägen Eindruck. Ich dachte, sie haben durch den Koffer mein Leben recherchiert und wissen alles über mich.

Ich wurde nach einigen Tagen auf ein anderes Zimmer verlegt. Mein Mitpatient, ein junger Türke, war natürlich nicht im geringsten erkrankt sondern wahrscheinlich mit meinem Vermieter verwandt und nur hier um mich auszuspionieren.

Die diensthabende Ärztin und eine Krankenschwester, die einen mit Elektronik vollgestopften Kasten auf Rädern vor sich herschob, betraten mein kürzlich bezogenes Zimmer. Ich hatte zu dem Zeitpunkt Manuel zu Besuch, der gegenüber von meinem Bett auf einem Stuhl saß. Ich wurde am Anfang mehrfach verlegt und erlebte das als auf mich persönlich zugeschnittene Schikane. In meinen Augen war alles, sei es noch so zufällig, bedeutungsschwer und folgenreich. Wie im Langzeit-Bericht bereits erwähnt, war der rollende Kasten ein EKG-Gerät mit Klemmen, die mir angelegt wurden um Messungen durchzuführen. Normalerweise wird man mit zahlreichen Saugnapf-Elektroden verbunden, die ich allerdings, in der Annahme es wären Elektroschocker, wenige Tage zuvor direkt wieder entfernt habe. Es war zu dem Zeitpunkt auch keine normale Kommunikation mit mir möglich – vermutlich kam deswegen dieses Gerät zum Einsatz, gegen das ich mich schlecht wehren konnte.

Mir kam der Verdacht einer Hinrichtung. Quälend lange Sekunden nachdem ich mit den Klemmen fixiert wurde geschah garnichts, bis die Schwester das Gerät in Gang setzte. Das klicken des betätigten Knopfes erschreckte mich sehr und mein Kopf schnellte nach oben. Zu meiner Verwunderung blieben die Elektroschocks aus und der Kasten ratterte vor sich hin und spuckte komischerweise dabei Papier aus. Nach der Prozedur erfolgte eine Blutabnahme. Beim Anblick der Nadel schoss mir direkt der Gedanke durch den Kopf, dass sie mit gefährlichen Krankheitserregern benetzt sein könnte. Er wurde, wie meistens in dem Zustand, nicht hinterfragt und machte sich direkt danach als Tatsache breit. Manuel sah vermutlich die intensive Angst in meinem Blick, eilte an das Bett heran und berührte zur Beruhigung meine Hand, während die Nadel in meine Vene glitt. Ich kann mich nicht genau daran erinnern, ob ich in dem Moment etwas positives aus Manuels Beistand ziehen konnte. Er war, trotz Freundschaft seit der Kindheit, während meiner Psychose einfach nur da, meistens wertfrei, weder Freund noch Feind – und doch irgendwie involviert in den großen Plan um mich herum.

Ich wurde erneut verlegt und kam zu einem älteren Herren aufs Zimmer, der im Schlaf destruktive und resignierende Dinge sagte. Ich dachte er redet mit mir. Ich dachte irgendwann, er lässt ein Tonbandgerät laufen. Ich traute mich nicht es zu suchen. Außerdem erlag ich schnell der Überzeugung, er trüge eine Gummimaske und sei in Wirklichkeit ein Jugendlicher aus der Drogenszene. Von da an konnte jeder jeder sein. Ich traute niemandem.

Ich aß fast nichts. Ich betrachtete mich im Spiegel: Mir sahen müde Augen entgegen, eingefallene Wangen, ein knochiges Gesicht ohne jegliche Mimik. Durch exessiven Konsum von Kokain und Heroin hatte ich eh schon rapide abgenommen. Ich konnte auch kaum was essen, es blieb mir im Halse stecken. Das normalisierte sich aber nach ein paar Wochen wieder.

Meinen ersten Spaziergang hatte ich mit Pfleger Carl, einem tattoowierten Pfleger mit Tunnel-Piercing im Ohr. Auch wenn ich ihn für meine angebliche Folter mitverantwortlich machte, war er mir irgendwie symphatisch. Ich fragte ihn, was er in seiner Freizeit sonst so machen würde ausser Junkies zu verprügeln um ein wenig Kommunikation zu betreiben. Heute finde ich das durchaus amüsant. Die Blicke der Menschen durchbohrten mich. Ich schnappte Wortfetzen auf und bezog sie auf mich. Zeitungsartikel enthielten subtile Botschaften – nur für mich.

Mein erster Ausgang mit Familie in mein Elternhaus war der pure Horror. Ich hielt sie für maskierte Mitglieder der Kriminalpolizei. Alles war wie ein Verhör. Mein Stiefbruder erzählte, dass das Motherboard seines PCs kaputt sei und seine Grafikkarte spinnt. Ich dachte, er beleidigt meine an einem Schlaganfall erkrankte Mutter und deutet darauf hin, dass bei mir die Optik nicht mehr stimmen würde. Ich achtete auf jede Falte in den Gesichtern und suchte Ansätze der Masken. Ich bat meinen Vater oft, seine Zähne zu zeigen und vergleichte bei jedem Treffen das Gebiss. Leider kam ich auf unterschiedliche Ergebnisse und dachte, da steckt jedes mal ein anderer Beamter hinter der Maske.

Der Übergang von der Paranoia in den vorherigen, normalen Zustand kam nicht plötzlich sondern Schritt für Schritt.Ich realisierte nach und nach meinen Wahn und erfuhr viele Rückschläge und Verhaltensrückfälle. Selbst auf der offenen Station nach 4-5 Wochen Geschlossene fühlte ich mich noch überwacht und im Zimmer gefilmt (Kabelanschlüsse hielt ich für Kameras). Das alles verdeutlicht mir, dass Drogen wie Cannabis oder psilocybinhaltige Pilze alles andere als harmlos sein können. Bei mir zumindest lösten sie einen paranoiden, drogeninduzierten psychotischen Schub sondergleichens aus und ich muss damit rechnen, dass wenn ich erneut Drogen nehme wieder diese Hölle durchleben muss.

Offene Station – Benzodiazepinentzug:

Ich erhielt aufgrund meiner Ängste Tavor, Lorazepam, und zwar recht hoch dosiert. Als ich einmal zu oft danach fragte wurde es abgesetzt, weil ich Suchtverhalten an den Tag legte. Ich bin im übertragenden Sinne Amok gelaufen – massive innere Unruhe, schwitzen, zittern, Schlafstörungen. Ablenkung durch Sport war zwecklos. Das ging ca. eine Woche so extrem weiter und flachte dann langsam ab.

Der Anruf:
Mein Dealer rief mich an. Ich hatte alle Nummern im Wahn gelöscht und sah nur Zahlen auf dem Display. Ich ging nicht ran. Die Neugierde siegte und ich rief zurück: “Hallo, ich wurde von der Nummer aus angerufen..” “Weisst du eigentlich wer ich bin? Hier ist ** aus der **-Strasse, ich hab was Gutes für dich.” “Das habe ich hinter mir gelassen”, antwortete ich. “Nee, geht in eine ganz andere Richtung. Also, du weisst Bescheid”. “Okay, ciau” Eine ganz andere Richtung? Also kein Kokain. Eine Prostituierte? Nein, er hat zwar mit sowas zu tun, aber es wäre abwegig gerade mir das anzubieten. Eine Drohung. Er will mich zu sich locken. Er will mich umbringen. Ich wusste es!

Panisch verließ ich mein Zimmer und wurde zur Einzelvisite bei der Stationsäztin aufgerufen. Ich saß mit ihr im Besprechungsraum und stammelte vor mich hin “er hat ein Messer, warum wohl? Der bringt mich um!”… und so weiter, sicherlich 20 Minuten lang. Ein Patient klopfe irgendwann an der Tür. Er muss mitgehört haben. Ich verließ den Raum und sah den zuvor klopfenden Patienten mit sich selbst redend auf einem Stuhl vor meiner offenen Zimmertür sitzen. Er hielt sich die Hand vor den Mund beim reden. Ich verstand “Anruf gekriegt” und den Namen meines Dealers. Ein Komplize. Ich muss hier raus!

Von Todesangst getrieben nahm ich mein Handy und ging so unauffällig wie es ging in den Keller. Ich rief M. und meinen Vater an, sagte ich sei in Lebensgefahr, sagte ich muss hier raus. Ich konsultierte den Chef der gesamten Klinik und veranstaltete ein Meeting zusammen mit meinem Vater in dem ich meine Situation schilderte. Der Chefarzt versuchte mich zu beruhigen. Ich sei wahnhaft. Niemand glaubte mir. Ich sagte, dass ich sofort in eine andere Klinik muss, meinetwegen weit weg von hier. Ich zahle auch das Hotel bei Nichtaufnahme. Mein Vater war ausser sich: “Wenn du nicht in den Knast willst musst du jetzt klarkommen und hierbleiben!”

Es war zwecklos. Ich war allein. Ich fuhr zu M. und übernachtete dort. Die Kinder auf dem Hof riefen irgendwas. Ich dachte sie meinen mich. Ich war quasi umzingelt. Ich nahm 100 mg Seroquel und ging schlafen.

Am nächsten Tag ging ich mit meiner Stiefmutter und meinem Vater zu meiner gesetzlichen Betreuung. Ende vom Lied war eine Wiederaufnahme auf der gleichen Station. Ich lehnte dort Promethazin, also Atosil, ab dem Zeitpunkt an ab um wachsam zu bleiben. Der Feind war im Haus. In meinem Zimmer wurde ein Goldzahn gefunden. Ich interpretierte ihn als letzte Warnung. Die schlagen mir die Zähne aus. Wahrscheinlich war er von einem Patienten der zuvor in dem Zimmer war, aber darauf kam ich in meinem Wahn natürlich nicht.

Vergiftet:
Ich kontrollierte ständig den Zustand meiner Wasserflasche. War meines Ermessens nach mehr oder weniger als beim letzten Check drin, kippte ich sie weg.Eines morgends trank ich etwas und ging Tischtennis spielen. Aufeinmal zog der Ball beim Aufprall ein hallen nach sich. Das lag am offenen großen Bad neben der Platte, aber ich hielt es für eine Vergiftungserscheinung. Sauerstoffmangel. Es war also soweit. Ich werde sterben. Panisch brach ich das Spiel ab und rannte zum Dienstzimmer. “Magen auspumpen, ich wurde vergiftet!”, schrie ich. “Herr ****, lenken sie sich ab, sie kriegen keine Benzos”.

“Ich will nur, dass sie mir glauben. Ich höre Echos. Ich wurde vergiftet!” Sie schlug mir die Tür vor der Nase zu. Ich machte eine flehende Geste am Sichtfenster, so als würde ich beten, sie musste die Tür wieder öffnen. Die Schwester beruhigte mich. Es war alles nur in meinem Kopf. Ich kam wieder zu mir und spielte weiter Tischtennis.

Ich fing an mich zu sortieren und die Symptomatik des Schubes stichpunktartig zu notieren. Ich besuchte die Geschlossene und nahm Kontakt zum Personal auf, reflektierte gemeinsam, löste nach und nach mein Wahnkonstrukt dadurch auf. Ganz zu Anfang der Behandlung lehnte ich Medikamente ab. Ich saß mit Pfleger Dennis im Wohnzimmer und er hielt mir eine Tavor hin. Ich machte eine ablehnende Geste. “Vergiften kann ich mich alleine”, dachte ich. “Herr ****, gibt es irgendwas in diesem Raum, das sie irritiert?”

Ich sah einen kleinen Wasserfall aus dem TV-Schrank laufen und schüttelte den Kopf. Ich fragte viele Wochen später, ob ein Becher im Schrank umgekippt sei. Nein, es war eine Halluzination. Ich dachte damals an ein weinendes Kind,das sich im Schrank versteckt.

Als ich zu Anfang aus bereits genannten Gründen mein eigentliches Zimmer mied und auf dem Flur lebte, entdeckte ich eines Nachts einen Teelöffel auf dem Boden. In meinem Wahn interpretierte ich diesen Fund als persönliche Provokation. Das Personal muss mit der Klinik in Berlin in Kontakt getreten sein und meine Akten angefordert haben. Aus diesen Akten ließ sich die damalige Selbstmordabsicht durch eine Überdosis Heroin entnehmen, das üblicherweise auf einem Löffel erhitzt wird. Der Löffel sagte “Versuch es doch! Nimm mich und bring es zu Ende!”. Dabei war ich eingesperrt und hatte nicht die Möglichkeit dazu. Wenn ich mich heute an derart absurde Gedankengänge erinnere, kommen sie mir völlig ungreifbar vor. Ich kann heute kaum noch fassen, dass in der akuten Phase der Psychose solche Gedanken meinen Alltag bestimmten.

Dieser Psychiatrieaufenthalt war mit über 6 Monaten der längste überhaupt. Bereits während der Psychose wurden mir Prospekte von Langzeit-Rehabilitationseinrichtungen und Übergangswohnheimen gegeben. Ich dachte, dass diese Orte eventuell eine gute Möglichkeit sein könnten, um mich vor meinen angeblichen Verfolgern zu verstecken. Als ich wieder bei Verstand war, sah ich in ihnen eine realistische Möglichkeit mein Leben endlich in den Griff zu kriegen.

Ich nahm Kontakt zur Sozialarbeiterin auf und bat sie darum, mir beim Antrag für eine der Einrichtungen behilflich zu sein. Die Suche nach dem passenden Kostenträger nahm ungefähr die letzten 2 Monate meines Aufenthaltes in Anspruch. Die eine Versicherung war durch die Entwöhnungsbehandlungen und durch sonstige Leistungen ausgereizt und lehnte ab, die nächste arbeitete nicht mit der Einrichtung zusammen und letztendlich übernahm ein Verband die Kostenzusage und bewilligte mir direkt 2 Jahre.

 


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2Kommentare zu “Gib den Drogen keine Chance”

  1. Kim sagt:

    Ich habe gerade Deine Geschichte gelesen.
    Ich kenne solche Zustände aus eigener Erfahrungen, allerdings nicht durch Drogen ausgelöst.

    Ich wünsche Dir, sehr viel Kraft, Mut und Gutes Gelingen und ich wünsche mir, das Du keine Drogen mehr nimmst.

    Es ist so eine verdammte Quälerei und so entsetzlich schlimm,eine Psychose zu haben.
    Aber – man kann heilen. Ganz besonders wenn man an die richtigen Menschen gerät.

    Viel Glück und hoffentlich keine Psychiatrieaufenthalte mehr. Hut ab für Deinen Mut, deine Geschichte hier zu veröffentlichen.

    Kim

  2. Bernd sagt:

    Danke fuer diese eindrucksvolle, bildliche Schilderung. Ich erkenne vieles aus eigenem Erleben wieder … die GummimaskenErkenntnis ist ja besonders fies. Fuer diese 2 Jahre und ueberhaupt wuensche auch ich Dir alles Gute. Die Faehigkeit so klasse zu schreiben soll Dir lange und auch in den unterschiedlichen Gemuetslagen erhalten bleiben. Danke B.

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