Krank oder Gesund?

Erstellt von Bodo am 27. Oktober 2012 – 18:44 -

Schon hatte ich befürchtet, der Oktober-Artikel dieses Blogs wird wohl diesmal ausfallen – wegen Bodennebel in der Birne -, da las ich vorhin auf www.mut-zum-anderssein.de folgenden Artikel: Es ging um die Frage der echten psychologischen Behandlung einer psychischen Erkrankung im Gegensatz zur bloßen Symptomunterdrückung, das die meisten Ärzte praktizieren: nämlich nur Medikamente verordnen.

Der Autor stellte die These auf, das Ideale Selbst des Kranken, in der Psychose und Manie um Größenordnungen erhöht, und auf Verletzungen in der Kindheit beruhend, verbaut dem Kranken eine realistische Sicht auf die eigene Person. Es komme darauf an, diese Idealvorstellung von sich zu erkennen und kritisch zu hinterfragen:

Bin ich wirklich ein großes Genie, dass eine allumfassende Lebenstheorie entwerfen kann (obwohl ich nur 5 Bücher im Regal zu stehen habe)? Kann ich sämtliche Sprachen der Welt verstehen und sprechen (obwohl manche Leute mein Sächsisch kaum verstehen)? Kann ich ein höchst kompliziertes Universalprogramm am Computer programmieren (obwohl ich nur ein einfacher Autodidakt bin und die Sprache “C” schon zu hoch für mich ist)? Bin ich der größte Heiler Deutschlands (obwohl ich nur eine Selbsthilfegruppe in der Kleinstadt leite)? Kann ich alle Menschen glücklich machen (obwohl ich doch selbst unglücklich bin)? Bin ich wirklich der Retter der Welt (obwohl meine eigene Welt das reinste Chaos ist)?

Wenn man erkennt, so der Autor, dass das Ideale Selbst eine Illusion ist, kommt das Wahre Selbst zum Vorschein und eine Heilung der Erkrankung ist möglich. Wenn man wieder an die eigenen Bedürfnisse denkt und nicht an die Rettung der Welt, kommt man in der Genesung schon einen großen Schritt voran. Dann kann man sich sagen: “Ich brauche Ordnung. Ich brauche Liebe. Ich brauche Zuwendung. Ich brauche Geld. Ich brauche einen Job. Ich brauche Kollegen.”

So denkt der normale Mensch. Für ihn ist die Beglückung der Welt mit irgendeinem Quatsch ohne Bedeutung. Er denkt an sein eigenes Fortkommen. Und das schon seit Kindesbeinen an. Sein Ethik-Gen ist allerdings schon seit der Schulzeit verkümmert: als ohne Gewissenbisse abgeschrieben wurde, um eine bessere Note zu ergattern; als tatenlos zugesehen wird, wie schwächere Schüler gemobbt werden, um nicht selber Zielscheibe zu werden; als gnadenlos auswendig gelernt wird, obwohl man nicht die Bohne kapiert hat. So täuscht und trickst sich der Normalo durchs Leben.

Wenn man auf Kosten anderer dicke Kohle verdienen kann, kommt man nicht in die Psychiatrie. Nein, dann kommt man ins Fernsehen! Wenn man mit einer cleveren Geschäftsidee Millionen verdienen kann, ist man das gesellschaftliche Vorbild schlechthin! Wenn man seine Nächsten tüchtig zur Sau machen kann, wird man nicht etwa fixiert. Nein, dann wird man Konzern-Manager! So läuft das ab, wenn man normal ist …

Da sagen selbst schon Psychiater: “Irre. Wir behandeln die Falschen!”

Wenn man als Kranker nun von seinen Illusionen lässt, tritt also eine Heilung ein. Gut. Da fällt mir ein Zitat von Mark Twain ein:

“Trenne dich niemals von deinen Illusionen! Du wirst zwar weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben.”

Was sagt Ihr dazu?

Euer Bodo Bodenstein

——————————————————————————-

Gottes Schöpfung im Oktober


Erstellt in Kategorie Krankheit, Messages | 3 Kommentare »

3Kommentare zu “Krank oder Gesund?”

  1. Ben sagt:

    Sein eigenes Fortkommen anzustreben ist im Sinne der Evolution, solidarisches und symbiotisches Verhalten ist aber überall in der Natur zu beobachten, auch beim “normalen Menschen”. Illusionen braucht doch wohl jeder Mensch, das volle und ganze Spektrum der Realität wahrzunehmen gelingt doch keinem, ergo ist er tot, wenn er keine Illusionen mehr hat, oder? Letztendlich entscheidet wohl doch die Dosis, Realität oder Illusion.

  2. Salome sagt:

    Guten Abend Bodo und Markus.

    Erstmal herzlichen Dank für dieses Blog. In der Überlegung, selbst ein Blog zu erstellen, bin ich auf diese Seite angelangt. Und gleich habe ich bemerkt, dass ich aus dem Nichts kein so professionell getaltetes Blog schaffen werden kann, wie zum Beispiel dieses.
    Endlich mal etwas Vernünftiges zum Thema, endlich mal auch von einem Betroffenen, der schreiben kann! Und endlich mal mit geschmacksvollem Design.

    Und nun meine Reaktionen auf den Artikel.

    Es steht der Mensch der Illusionen hat und krank ist gegenüber dem Menschen, der ohne Gewissen und Solidarität sich normal verhält. Jedoch bin ich davon überzeigt, dass es Normalität nur im Sinne von gesellschaftlich Vereinbartes und Akzeptiertes gibt. Dies kann sogar innerhalb einer Gesellschaft in unterschiedlichen Segmenten auch unterschiedlich sein. Etwas unter alltäglichen Umständen würde als asozial gelten, was in der Wirtschaft geläufig ist. Genauso denke ich über Kranksein. Speziell psychisch Kranke werden häufig als Unheilbare erklärt. Die heutige Psychiatrie geht mit den Betroffenen sehr undankbar um. Sie werden einfach gesellschaftlich abgeschrieben. Jedoch besteht nach meiner Ansicht immer eine Chance. Nicht die Normalen sind die Feinde und Unterdrücker – sie sind einzeln gesehen sehr unterschiedlich, und haben anderes Leiden, aus dem heraus sie so sind, wie sie sind. Der Feind steckt in erster Linie in uns. Vielleicht leidet der Eine oder der Andere außergewöhnlich stark, und ist sehr empfindlich (in der Fachsprache vulnerabel), jedoch gibt es immer die Chance dieses Leid in Stärke zu verwandlen. Es ist ein langer und interessanter Weg der Wandlung, der viel Mut braucht. Ich finde, die Chance ist jedem gegeben.

  3. Bodo sagt:

    Danke, Salome

    für das Lob für diese Webseite! Fang einfach mit dem Schreiben an, und es wird von mal zu mal besser …

    Normal und krank. Natürlich sind die Normalen nicht generell asozial, nur sind sie im manchen Dingen abgebrühter und machen sich nicht so viele Gedanken. Denken mehr an sich, und jeder Psychologe wird bestätigen, daß das gesünder ist. Wer sich mehr um andere kümmert, ist generell gefährdet die eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen. Die Kranken müssen also lernen, mehr an sich zu denken. Und den Abgebrühten stünde ein wenig Nächstenliebe auch gut zu Gesicht!

RSS