Post von Alfred …

Erstellt von Bodo am 28. Juli 2009 – 16:59 -

Lieber Bodo,

ich habe Deinen Buchauszug gelesen und dabei viele Parallelen zu meinen eigenen Erlebnissen bemerkt. Inhaltlich ist jede Psychose zwangsläufig individuell verschieden, formal hingegen habe ich schon öfters verblüffende Ähnlichkeiten festgestellt. Vor allem die religiösen Bezüge sind auffällig. Ein psychiatrischer Krankenpfleger hat mir hierzu erzählt, daß ihm in seiner über 20jährigen Tätigkeit unter Tausenden Wahnkranken kein einziger bekennender Atheist untergekommen ist. Auch ich selbst konnte mich nach wiederholten religiösen Wahnideen nur durch Erarbeiten einer sprichwörtlichen ‚Gesunden Skepsis‘ gegenüber transzendentalen Ideologien stabilisieren.

Im folgenden Artikel habe ich meine Krankengeschichte – oder besser gesagt ‚Gesundwerdungsgeschichte‘ – zusammenfasst:

In meiner Kindheit und Jugend hatte ich außer einer Lungenentzündung keinerlei Erkrankungen. Ich war sogar stolz darauf, bis zu meinem 19. Lebensjahr nur ein einziges Mal wegen einer harmlosen ‚Wassersucht’ nicht in die Schule gehen zu können. Um so größer war die Überraschung als ich kurz vor der Matura (Reifeprüfung) von einer Krankheit betroffen wurde, die ich zu Beginn gar nicht als solche erkannte: manisch-depressive Psychose. Fatalerweise fühlte ich mich dabei so wohl wie nie zuvor in meinem Leben, initiiert wohl auch durch einen sich steigernden Größenwahn, jedem geistig und körperlich überlegen zu sein.

Dieses Hochgefühl wandelte sich nach einigen Wochen durch medikamentöse Behandlung in einer Nervenklinik in sein glattes Gegenteil um: Antriebslosigkeit, starke Minderwertigkeitsgefühle bis zu Selbstmordgedanken. Ich bekam drei Jahre lang Psychopharmaka verschrieben, die mich in einem latent gedämpften Zustand hielten. Um gelegentlich doch etwas mehr ‚Leben’ zu spüren begann ich, leichte Drogen (Haschisch, LSD) zu konsumieren. Dies ging solange gut, bis eine Überdosis Romilar-Tabletten (ursprünglich ein Hustenmittel) erneut eine Psychose auslöste, die viel intensiver war als die erste: Stimmenhören, Allmachtsgefühle – unterbrochen von starken paranoiden Wahnvorstellungen – sowie eine auffällige Hemmungslosigkeit im sozialen Umgang führten diesmal zu einer zwangsweisen Einlieferung in die Nervenklinik (Diagnose: Schizophrenie).

Die nach der Entlassung folgende Depression war so stark, dass ich nach einigen Wochen einen Selbstmordversuch mittels einer Überdosis der mir damals verschriebenen Beruhigungstabletten (Leponex) unternahm. Glücklicherweise wurde ich nur bewusstlos und konnte bereits nach 14 Tagen wieder aus der Klinik entlassen werden. Trotzdem ich nun andere Medikamente bekam, verschlechterte sich mein Zustand wieder in Richtung Manie, so dass ich nach drei Monaten erneut für acht Wochen eingewiesen wurde. Mein Vertrauen in die herkömmliche Medizin, insbesondere die Psychiatrie, begann nach diesen wiederholt erfolglosen Behandlungen zu schwinden, so dass ich mich entschloß, eigene Wege zu meiner Gesundwerdung zu finden.

Angeregt durch die Lektüre von S. Freud, W. Reich u. a. entschloß ich mich, meinen bisherigen Beruf aufzugeben und Psychologie zu studieren, getreu dem Motto: >Gesundheit ist nicht alles, ohne sie jedoch ist alles nichts!< Meine anfängliche Zuversicht – begründet durch eine Bioenergetik-Therapie (ein Jahr) sowie eine mehrmonatige Gesprächstherapie – wurde jäh unterbrochen, als ich kurz vor einer schwierigen (Statistik-)Prüfung wiederum von einer manischen Psychose überrascht wurde. Obwohl sie symptomatisch die bisher heftigste Ausprägung zeigte – zu den akustischen Halluzinationen stellten sich nun auch optische sowie diffuse Körperwahrnehmungen ein – entschloß ich mich, diese Krise gänzlich ohne Medikamente durchzustehen. Glücklicherweise hatte ich durch das Studium sowie die anschließenden Semesterferien einen genügend großen persönlichen Spielraum, um meine diversen Wahnideen relativ ungehindert ausleben zu können, ohne übermäßig aufzufallen. Die früher nur mit Tabletten gedämpften Erregungsphasen füllte ich nun mit diversen kreativ-künstlerischen Aktivitäten aus wie Schreiben, Zeichnen und Musizieren …

Nach ca. einem halben Jahr klangen die psychotischen Erregungszustände von alleine ab und gingen, vor dem Hintergrund eines neuen Semesters und seinen Anforderungen, in eine schwere Depression über, wie ich sie ebenfalls bisher noch nicht erlebt hatte. Quälende Minderwertigkeitsgefühle, Atembeschwerden sowie eine allgemeine Antriebslosigkeit zogen sich über Monate hin, bis ich an einen Punkt gelangte, wo ich glaubte, nicht mehr weiter zu können. Ich trug mich bereits wieder mit Selbstmordgedanken, als ich unerwarteterweise die Gelegenheit bekam, mit einigen Freunden eine Woche nach Amsterdam zu fahren. Die Gastfreundlichkeit, locker-gesellige Lebenseinstellung und relative Sorglosigkeit der dort lebenden Menschen gaben mir wieder neuen Lebensmut, so dass ich auch diese Krise ohne äußere Eingriffe überstand.

Überzeugt von dem Spruch >Ein gesunder Geist in einem gesundem Körper< unternahm ich ein Jahr darauf meine erste Fastenkur (5 Tage) und sechs Monate danach eine längere von drei Wochen. Das Glücksgefühl nach dieser Kur war überwältigend: Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich ein solches psycho-physisches Wohlbefinden erlebt! Zu diesem Zeitpunkt machte ich Bekanntschaft mit der Rohkosternährung, die ich begeistert in die Tat umsetzte. Die während des Fastens nur kurzfristig erlebte Befreiung von chronischen Leiden (Meniskusschmerzen, Kurzsichtigkeit) konnte ich nun durch konsequente Ernährungsumstellung auch dauerhaft erreichen. Um meine psychische Labilität unter Kontrolle zu bringen, probierte ich die verschiedensten Methoden aus: Gruppentherapie, Bioenergetiktherapie, Gesprächstherapiem, Counseling-Selbsthilfegruppe, Yoga, Meditation, Tae-kwon-do und Tai-Chi-Chuan. Sie alle halfen mir auf ihre Weise meine Probleme aktiv zu bearbeiten, ohne mich auf Psychopharmaka zu verlassen oder meine Verantwortung an Gesundheitsexperten abzugeben.

Seit meiner letzten psychotischen Erkrankung vor über 20 Jahren, die ich, um es nochmals zu betonen, ohne jegliche Medikamente durchlebte, hatte ich nur zwei leichtere Krisen: Die erste dauerte einen Monat und konnte auf sozial unauffällige Weise ausagiert werden, die zweite eine Woche, sie manifestierte sich nur mehr durch eine leichte Übererregbarkeit. Dies ist für mich eine Bestätigung der zentralen These klassischer Gesundheitslehren, strikt auf die Selbstheilungskräfte des Körpers bzw. der Psyche zu vertrauen.

Mein ausführlicher Erfahrungsbericht hierzu ist unter dem Titel „Der GottTeufel – Innenansicht einer Psychose“ im „edition pro mente“-Verlag, Linz (Österreich), 2006 erschienen (ISBN 3-901409-72-6). Für Interessierte habe ich einen Auszug davon in Audioform gestaltet. Die gesammelten Radiosendungen samt Interview und einem Beitrag über psychiatriekritische Lieder findet sich im Internet unter:

Lesungen aus „Der GottTeufel – Innenansicht einer Psychose“: 1. Teil2. Teil3. Teil4. Teil5. Teil6. Teil

Interview zur 10. Lesung: http://cba.fro.at/show.php?lang=de&eintrag_id=9441

Psychiatriekritische Lieder: http://cba.fro.at/show.php?lang=de&eintrag_id=11175

Liebe Grüße
Alfred Hausotter

 


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