Gebet zur fünften Stunde

Written by Bodo on 7. September 2019 – 07:22 -

Liebe Freunde,

ich schreibe  Euch diese Zeilen im Scheine eines kleinen Wachslichtes, das ich unter meinen Scheffel stellen mußte. Hier, im Heilig-Geist-Spital der märkischen Siedlergemeinde Ebertshausen, gelegen zwischen den Wiesen des Großen Biberflusses und dem Kaiserlichen Großschifffahrtsweg, ist es nicht gern gesehen, wenn man zu den Ruhezeiten sündigen Tätigkeiten nachgeht.

Schon den zehnten Tag finde ich Obdach hier bei den Brüdern und Schwestern des Stiftes Friedensthal. Zimmerbruder Andreas ist bei seiner Familie und Bruder Stefan schläft noch den Schlaf des Gerechten. In der Stunde vor Mitternacht fand ich noch keinen Schlaf und so begab ich mich zur Nachtschwester, um etwas geistigen Beistand zu bitten, doch die Tür zur Heiligen Obacht war geschlossen. Um die zehn Minuten wartete ich vergeblich vor der Türe, auch ein zaghaftes Klopfen wurde nicht erhört. Ich war sehr verwundert, denn weit und breit war kein Retter in der Not, wenn ein Feuer ausgebrochen wäre, um die armen Seelen des Stiftes zu retten.

Ich ging also wieder zu Bett und versuchte, an den Herrn zu denken. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich nach einer geheimen Kammer suchen. Ich löste  im mittleren Raum eines großen Hauses ein paar Fliesen vom Boden und stieß auf mein geheimes Versteck. In einer samtenen kleinen Truhe lag das wunderbare Fläschchen, die Schlaftropfen der Augsburger Hofapotheke. Das war nicht einfach nur Baldrian, es war eine wirksame Rezeptur.

Nachdem ich ein paar Tropfen zu mir genommen hatte, wurde mein Körper immer schwerer. Ich sah mich in die Schränke meiner Mutter steigen, um Schlaf zu finden. Doch immer wenn ich mich hinlegte, fielen die Schränke um, mitsamt den Körben, die auf ihnen standen. Ich sah unsere Katze, den Kater Janosch, an meiner Fingerspitze schnuppern und wie er dann das Gesicht verzog. Ich sah mich in einem verträumten französischen Örtchen entlangspazieren, durch verwinkelte Gassen, und traf auf eine Herberge mit einer gläsernen Veranda. Angenehme Musik drang aus dem Haus. Ich ging hinein und traf eine kleine Gemischtwarenhandlung vor. Es standen Kunden an der Theke, also stellte ich mich an, wie ich es gewohnt war.

Vor mir neckten sich zwei Kinder, ein ungefähr dreizehnjähriges Mädchen und ein ebenso alter Knabe. Sie stießen immer mit ihren spitzen dürren Schulterblättern gegeneinander, bis ich sie ermahnte. Dann gaben sie sich einen heftigen langen Kuss und verschwanden. Ich war an der Reihe. Vor mir stand die Verkäuferin, eine geschminkte Frau im Alter von 45 Jahren, mit prächtig schwarz gefärbten Haaren und ebenso solchen großen Augen. „Was wünschen Sie?“ fragte sie und drehte mit den Augen, eins davon ein Glasauge.

„Meine Dame, meinen Sie mich? Offenbar schauen Sie an mir vorbei!“ gab ich ihr als Hinweis. Da wurde sie wütend, fletschte mit den Zähnen und unsere beiden Köpfe gerieten wutentbrannt gegeneinander. Ich gab mir einen Ruck und biß ihr den Kopf ab. Danach mußte ich eine bräunliche Flüssigkeit ausspucken, der Farbe nach wie die der Tropfen der Hofapotheke. Ich wachte auf.

Jetzt muß ich an die Heilige Schwester dieses Stifts denken, die wie mir scheint, weniger an das Wirken Jesu Christi glaubt, sondern an das Wirken der sechs Elemente. Das Mittelchen P sollte mir helfen, hätte mich aber fast umgebracht, betrachte ich meine vielen blauen Flecken am Körper. So steht es jedenfalls im Ordensbuch, wie mir Stiftsbruder Grimmlich vorlas. Dabei bin ich der Meinung, die Heilige Schwester erwähnte das Mittelchen A, weil das besser zu meiner bewährten Rezeptur F passen würde. Mittelchen A ist unter den Brüdern und Schwestern gefürchtet, weil es zur Teufels- austreibung verwendet wird.

Jedenfalls wollte die Heilige Schwester sogar mein bewährtes Mittelchen F streichen und mir stattdessen das Pulver S verabreichen. Sie malte den Teufel an die Wand und erzählte mir von jungen Mitbrüdern, die durch das Mittelchen R zu zuckenden Dämonen wurden. Da gingen aber die Gäule mit mir durch und ich rief „Im Namen des Herrn, lassen Sie die Finger davon!“ „Gut“ sagte sie, „Ihr Wille geschehe.“

Drei Tage später traf ich auf einen Bruder, der mir gegenüber bei der Morgenspeise saß und dessen Leib ständig zuckte. Ich fragte ihn, woher das käme und er sagte, das sei vom Mittelchen H. „Gott hab Erbarmen!“ rief ich und wollte ihn bedauern. Doch er meinte, er fühle sich gut damit. Erst habe er das Mittelchen R gehabt und davor das Mittelchen A und es sei beides die Hölle gewesen. Sprachs und stand mit zuckendem Bauche vom Tische auf.

Mir scheint, die Heilige Schwester möchte gerne einen Wissenschaftlichen Ordinarius machen und so viele Mittelchen wie möglich erproben. Doch meine ich, der Segen Unseren Herrn spendet mehr Beistand und wenn man einmal eine bewährte Rezeptur gefunden hat, sollte man dabei bleiben. Das innere Gefühl muß stimmen und nicht das Passen der Elemente.

Damit schließe ich für heute meinen Bericht und wünsche Euch einen segensreichen Tag.

Bruder Johannes

Nachbemerkung nach einem Monat:

Die Heilige Schwester ließ mir also mein Mittelchen F, aber sie schlug vor, die große Abenddosis auf zwei kleinere am Morgen und am Abend aufzuteilen. Das war eine gute Idee, denn die Nebenwirkungen wurden dadurch schwächer, die leider auch mein gutes Mittelchen F mitbringt, wie alle Elemente der körperlich-seelischen Medizin.


Posted in Krankheit, Medikamente, Tagebuch | No Comments »

Absetzen von Psychopharmaka

Written by Bodo on 11. März 2018 – 20:26 -

Liebes Pahaschi-Team,

im Rahmen des neuen Forschungsschwer-punktes „Absetzen von Psychopharmaka“ des Fachbereichs Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Hamburg führen wir aktuell eine Onlinebefragung (Leitung: Prof. Dr. Tania Lincoln) zu Erfahrungen und Einstellungen bezüglich Absetzen oder Reduzieren von Antidepressiva und Antipsychotika durch.

Obwohl das Thema Absetzen für viele Menschen so wichtig ist, ist es wenig erforscht und es gibt wenig wissenschaftliche Erkenntnisse, die Menschen beim Absetzen unterstützen können. Mit der Studie planen wir Faktoren zu identifizieren, die wichtig für das Gelingen von Absetzprozessen sind.

Die Befragung erfolgt anonym, nur falls Interesse an einer Folgebefragung besteht, bitten wir die TeilnehmerInnen, eine Email-Adresse anzugeben. Es handelt sich um eine reine Befragungsstudie, also keine experimentelle Studie oder ähnliches.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie die Studie auf Pahaschi.de bewerben würden. Dafür können Sie gern untenstehenden Text verwenden.

Herzliche Einladung zur Teilnahme an unserer Studie!

Im Rahmen eines Forschungsschwerpunktes des Fachbereichs Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Hamburg führen wir eine Studie zum Thema Absetzen und/oder Reduzieren von Antipsychotika und Antidepressiva durch.

Was ist das Ziel der Studie?

Wir möchten mit Ihrer Hilfe Erkenntnisse darüber gewinnen

– Welche Faktoren wichtig dafür sind, dass Psychopharmaka erfolgreich abgesetzt oder reduziert werden können

– Welche Schwierigkeiten im Absetz- oder Reduktionsprozess auftreten können und wie diese bewältigt werden können

Wer kann teilnehmen?

Eine Teilnahme an unserer Studie ist für alle möglich, die:

  • mindestens 18 Jahre alt sind
  • und bereits Erfahrungen mit Absetz- oder Reduktionsversuchen von Antipsychotika oder Antidepressiva gesammelt haben
  • oder darüber nachdenken, Antipsychotika oder Antidepressiva in den nächsten Wochen/Monaten abzusetzen oder zu reduzieren

Ablauf und Dauer

Die anonyme online-Befragung dauert ca. 20-30 Minuten. Die Teilnahme an der Befragung ist ab sofort möglich.

Über folgenden Link gelangen Sie zu unserer Umfrage:
https://ww3.unipark.de/uc/psychopharmaka/

Wir würden uns sehr über Ihre Unterstützung freuen.

Falls Sie Fragen haben,

wenden Sie sich gerne an uns unter folgender E-Mail: absetzstudie@web.de

Herzliche Grüße
Mariana Quazzola, Meike Tögel
& Tatjana Witzgall


Posted in Gastbeiträge, Medikamente | Kommentare deaktiviert für Absetzen von Psychopharmaka

Kleine Geschichte der Psychiatrie

Written by Bodo on 6. April 2014 – 18:57 -

Die Methoden der angehenden Neuzeit zur Behandlung psychisch Kranker waren nicht gerade zartfühlend, und, man muss es leider sagen: Bis heute hat sich daran in bestimmten Bereichen moderner psychiatrischer Krankenhäuser nichts geändert. In früheren Jahrhunderten wurden alle Personen, die sich nicht in die heile Göttliche Ordnung integrieren ließen – also z.B. Landstreicher, Diebe, Mörder, Lustseuchenkranke, Dirnen, Bettler, Behinderte, Depressive und Irre – einfach gemeinsam ins sogenannte Zucht- oder Tollhaus gesperrt. An Ketten angeschmiedet bekamen sie kaum zu Essen und zu Trinken. Ja, man folterte die Irren sogar, weil sie erwiesenermaßen schmerzunempfindlich waren. So versuchte man ihnen die Narrheiten auszutreiben.

Als erstes Irrenhaus des christlichen Abendlandes wurde 1784 der Narrenturm am Allgemeinen Wiener Krankenhaus gebaut. Der Fortschritt: Das Irresein wurde als Krankheit angesehen und nicht mehr als Laster, das es zu züchtigen galt. Der Turm ist heute als Medizin-historisches-Museum zu besichtigen, man kann noch einzelne Zellen sehen, allerdings ohne die Ketten und Soldatenwärter.

In_Ketten_1806Mit der französischen Aufklärung wurden die Kranken von ihren Ketten befreit, an die frische Luft gebracht und nach Krankheitsbildern eingeteilt (Philippe Pinel, Paris 1792). Statt der Ketten gebrauchte man jetzt aber Zwangsjacken und tauchte die Kranken in eiskaltes Wasser, damit sie von ihren fixen Ideen losließen – auch nicht gerade eine humane Behandlung.

Anfang des 19. Jahrhunderts hatte man in der Irrenhaus-Abteilung der Berliner Charité besondere „Heilverfahren“ entwickelt. War der Patient nicht mehr zu bändigen, wurde er oder sie in einen großen Sack gesteckt und an einem Haken aufgehängt, auf dass Ruhe einkehre … Nur manchmal verstarb ein Patient an so einem Heilversuch, was zum ersten dokumentierten Arzthaftungsprozess in Deutschland führte. (1)

Es gibt aber auch eine bessere Geschichte zu erzählen: Friedrich Hölderlin, bedeutender Schriftsteller der Romantik, wurde mit Beginn seiner psychischen Pflegebedürftigkeit nicht in irgendein Irrenhaus gesteckt, sondern von einer liebevollen Familie im Tübinger Turm versorgt.

Mitte des 19. Jahrhunderts sammelte ein Frankfurter Arzt fleißig Spenden bei den Bürgern der Stadt und ließ ein neues, großzügiges Gebäude für die Behandlung der psychisch Kranken am nördlichen Stadtrand von Frankfurt errichten, vom Volksmund „Irrenschloß“ genannt. Er wurde der erste Direktor dieser Klinik. Sein Name: Heinrich Hoffmann, Autor des Kinderbuches „Der Struwwelpeter“. Ein weiterer, später berühmt gewordener Arzt dieser Klinik war Alois Alzheimer, der hier die nach ihm benannte Demenzerkrankung entdeckte.

Der Psychiatrie jener Zeit kam aber nicht nur die Rolle der Hospitalisierung und Behandlung von Kranken zu, so weit es denn möglich war. Sie wurde verstärkt auch gesellschaftlich und politisch mißbraucht. Der wohl berühmteste Fall ist König Ludwig II. von Bayern. Der junge König hatte eine romantische Ader. Wenig begeistert von Kriegen, Politik und Staatsgeschäften förderte er lieber Kunst und Musik. Richard Wagners Meisteropern sind ohne die Unterstützung von Ludwig nicht denkbar gewesen. Außerdem verfiel er einer Bausucht, die zwar der Nachwelt herrliche Schlösser hinterließ, die aber der bayerischen Staatskasse enorme Schulden einbrachte und ziemlichen Unmut seiner Minister heraufbeschwor. Schließlich beauftragte der Prinzregent den angesehenen Psychiater von Gudden, ein Gutachten über Ludwig II. zu verfassen, mit dem Ziel, den unbequemen jungen König für regierungsunfähig zu erklären und aus dem Verkehr zu ziehen.

Ludwig_1886Die Sache endete tragisch: Ludwig wurde nach Schloß Berg verbracht – vergitterte Fenster, abgeschraubte Türgriffe – und er wußte, dass sein Schicksal beschlossen war und dass er jetzt nur noch dieselben Freiheiten hatte wie sein kranker Bruder Otto. Auf einem Spaziergang mit Prof. von Gudden am Starnberger See kam es zum Drama, das bis heute nicht ganz aufgeklärt ist: Ludwig will sich wohl in den See stürzen, um zu ertrinken. Der Arzt will ihn wohl davon abhalten. Es kommt zur Rauferei. Ludwig erwürgt oder ertränkt von Gudden und begeht danach Selbtmord. Man findet später die beiden Leichen im Wasser.

Dies war nur die oberste Spitze eines Eisberges. Man kann sich in hellen Farben ausmalen, wie viele Männer oder Frauen von ihren Angehörigen oder Geschäftspartnern bewußt pathologisiert und von gutbezahlten Psychiatern beiseite geschafft worden sind …

War man erst einmal in einem Irrenhaus, kam man nicht so schnell wieder heraus. Und die Rassen- und Erbideologie des beginnenden 20. Jahrhunderts sollte dafür sorgen, dass man die Psychiatrie-Patienten gar nicht mehr wiedersah. Nach dem angeblichen Naturgesetz des Rechtes des Stärkeren waren die Kranken und Behinderten minderwertige Erbkranke, die die Volksgesundheit untergruben. Sie waren jetzt Schädlinge, sie waren Schmarotzer, die nur auf Kosten der Allgemeinbevölkerung künstlich am Leben gehalten wurden. Der beginnende Weltkrieg tat sein Übriges. Ressourcen waren knapp und so wurden auf geheimen Führerbefehl hin zehntausende Patienten selektiert, in speziell präparierten Bussen abtransportiert und in Vernichtungs-„Kliniken“ von Ärzten vergast. Erst nach weiten Protesten in der Bevölkerung und in der Kirche wurde die sogenannte Aktion T4 eingestellt.

Aber das Morden in den Krankenhäusern ging weiter: Mit Nahrungsentzug und mit Giftspritzen brachten deutsche Pflegerinnen und Ärzte hunderttausenden Patienten den Gnadentod. Noch nach Kriegsende ließ man tausende Patienten einfach verhungern. Denn sie hatten keine Rechte und sie hatten niemanden, der sie schützte. Lebensmittel waren knapp. Und offenbar war auch menschliches Mitgefühl nur spärlich vorhanden. Das Wort vom Gnadentod spukte nach wie vor in den Köpfen.

Denkmal_der_grauen_BusseDie Nürnberger Kriegsverbrecher- prozesse beschäftigten sich nur am Rande mit der Euthanasie, nämlich nur insoweit, als es sowjetische oder polnische KZ-Insassen betraf. Die juristische Aufarbeitung blieb Deutschland und Österreich überlassen: In der Alpenrepublik wurden in den Nachkriegsjahren von sogenannten „Volksgerichten“ einige Todesurteile gegen Ärzte und Pfleger/innen verschiedener Einrichtungen ausgesprochen, die auch vollstreckt wurden. In Ost- und Westdeutschland gab es ebenfalls Euthanasie-Prozesse, die mit Todesstrafen, bzw. langen Haftstrafen endeten. Einige der Täter flüchteten oder begingen Selbstmord. Die öffentliche Aufmerksamkeit bei diesen Prozessen war enorm, war es doch für den normalen Menschen unvorstellbar, dass Ärzte und Schwestern zu Mördern wurden. (2)

Mit den Erfolgen der medikamentösen Behandlungen in den 50er/60ern einerseits und einer neuen Generation von Psychiatern und Sozialarbeitern andererseits konnte sich die Psychiatrie in den 1970ern ein wenig öffnen und zu einem weniger dunklen Fleck der Gesellschaft werden. Die Psychiatrie-Reformen, sowohl in der DDR als auch im Westen, brachten Verbesserungen in Form von neuen Therapieangeboten, Tagesstätten, betreutem Wohnen und Integrations-Hilfen. Das Stigma, das psychischen Krankheiten und der Psychiatrie bis heute anhaftet, konnten sie jedoch nicht beseitigen.

Film und Fernsehen taten ihr Übriges: Im Oscar-prämierten Streifen „Einer flog übers Kuckucksnest“ erfährt Psychiatrie-Patient McMurphy alias Jack Nickolson am eigenen Leibe, was Ärzte und Pfleger von aufsässigen Behandlungsverweigerern halten: Mit Elektroschocks und schließlich einer irreversiblen Lobotomie wird er fügsam gemacht; Mitpatient „Häuptling“ Bromden erlöst den nur noch apathischen McMurphy und zerschmettert die Anstaltsmauern, die ihn gefangen halten.

TablettenGlücklicherweise werden schon seit 40 Jahren keine Lobotomien mehr in der Psychiatrie durchgeführt, und auch die Insulinschocks gehören der Vergangen- heit an. Die Elektrokrampftherapie (EKT) hat sich bis heute als eine Ultima-Ratio-Behandlung gehalten; sie wird nur in Ausnahmefällen durchgeführt und sie ist auch keine Disziplinarmaßnahme mehr, die Patienten bekommen davon kaum etwas mit. Hauptbehandlungs-Methode der Gegenwart ist die medikamentöse: durch klassische Neuroleptika, Tranquilizer und Antidepressiva oder durch neuentwickelte Präparate, die jedoch nicht selten schwere Nebenwirkungen haben. Bekanntester Fall der jüngeren Geschichte ist Zyprexa (Wirkstoff Olanzapin), ein Produkt der Firma Eli Lilly, welches oft zu extremer Gewichtszunahme und Diabetes führt, mit all den bekannten Komplikationen. (3)

Nach wie vor ein Klassiker der Behandlung ist Haloperidol, dessen vorzügliche Disziplinierungs-Wirkung der Verfasser dieser Zeilen am eigenen Leibe erfahren musste. Diese Art von Therapie mussten auch etliche politische Dissidenten in der ehemaligen Sowjetunion über sich ergehen lassen. In der Psychiatrie wurden sie zu gebrochenen Menschen. Unsichtbar gefoltert!


Und hier sieht man schon das Hauptproblem der Psychiatrie: Halbgötter in Weiß verordnen irgendwelche Pillen; die Pfleger und Schwestern müssen dafür sorgen, dass sie geschluckt werden und ansonsten werden die Patienten verwahrt, im besten Fall gut behütet und mit Beschäftigungstherapien versorgt. Wer fremd- oder eigengefährdend ist kommt auf die Geschlossene, die sich jetzt witzigerweise „intensivmedizinische Station“ nennt. Intensiv ist vielleicht die Langeweile des Eingesperrtseins oder reichlich nachhaltig intensiv kann auch das Trauma einer Fesselung ans Fixierbett sein. Wer Pfleger oder Schwester auf einer psychiatrischen Station ist, muss schon recht abgebrüht sein, um mit den vielen schweren Krankheitsverläufen klarzukommen. Und wer sich da zu sehr um die Patienten kümmert, riskiert nur ein Burnout. Was soll man da erwarten? Und die Ärzte: Die können neue Medikamente in aberwitzigen Dosierungen an hilflosen Geschöpfen austesten und darüber wissenschaftliche Artikel für das eigene Ruhmesblatt schreiben. Ansonsten herrscht wohl auch im psychiatrischen Krankenhaus eine Hackordnung, wie in jeder Firma. Wie der Herr, so das Gescherr. Deshalb sollten sich die Landtage überlegen, die Amtszeit von Ärztlichen Direktoren und Geschäftsführern zu begrenzen. Oder sind unsere Psychiatrien gar keine demokratischen Institutionen?

Die Autorin Sabine Kuegler beschreibt in ihren Büchern („Das Dschungelkind“ u.a.) ihre Kindheit im indonesischen Urwald und sie erzählt davon, dass ihr Fayo-Stamm sich rührend um die seelische Befindlichkeit der Mitglieder kümmerte. Ging es einem erkennbar seelisch schlecht, wurde das Stammesmitglied von morgens bis abends, tage- oder wochenlang umsorgt und gepflegt und quasi auf Händen getragen, bis es wieder gesund war. Körperliche Krankheiten nahm man hingegen als Schicksalsschlag oder Strafe von Dämonen hin. In unserer modernen Gesellschaft ist es eher umgekehrt: Körperliche Krankheiten werden mit höchstem Aufwand therapiert und beforscht, während psychischen Leiden immer noch der Makel des Mittelalters anhaftet, über die man nur leise, wenn überhaupt, spricht und von einer angemessenen fürsorglichen Behandlung kann auch keine Rede sein. Die Angehörigen haben Angst, fühlen sich überfordert und schieben ihre lieben Verwandten möglichst schnell in die Psychiatrie ab, wo sie von professionellen „Wärtern“ ruhiggestellt werden. Als Medikamenten-Zombies und Behinderte werden sie wieder in die verständnislose Gesellschaft entlassen.

 


Anmerkungen:
(1) Quelle: Deutsches Ärzteblatt vom 25. März 2011;
(2) Quelle: Euthanasie-Prozesse seit 1945 in Österreich und Deutschland –
http://www.doew.at/thema/thema_alt/justiz/euthaufarbeit/theseneuth.html
(3) Quelle: Zyprexa-Skandal – http://de.wikipedia.org/wiki/Olanzapin

Abbildungen:
(1) „Der Verrückte“ – Kupferstich von Charles Bell (1806)
(2) Ludwig II. von Bayern in seinem Todesjahr 1886
(3) Denkmal der Grauen Busse in Ravensburg-Weißenau
(4) Tabletten – die unsichtbare Gewalt der Psychiatrie
(5) „Doktor Pinel befreit die Irrsinnigen von Salpêtrière“ – Gemälde von Tony Robert-Fleury (1795)


Posted in Medikamente, Messages, Rückblicke, Verdichtetes | 1 Comment »

Seroquel als Schlafmittel

Written by Bodo on 23. März 2008 – 11:48 -

Leserpost für das Forum:

Hallo,
zu deiner Seite (Wissenswertes) hätte ich folgendes zu sagen:

Unter der Überschrift „Wie ist die Behandlung?“ steht unter anderem:
„Allerdings streiten sich die Gelehrten noch darüber, ob die Neuroleptika direkt Auswirkungen auf die Wahngedanken haben oder ob sie nicht durch die generelle Abstumpfung der Gehirnfunktionen bewirken, daß der Patient das intellektuelle Interesse an seinen Wahnideen verliert.“

Die Antwort darauf kann ich dir geben, denn ich hatte schon 2 Psychosen und nehme seit der 2. Psychose das Medikament Seroquel. Ich kann dir sagen, dass es (zumindest bei mir) vollkommen egal ist, welches Medikament ich nehme, hauptsache ich bekomme genügend Schlaf. Es ist 100%ig sicher, dass ich erneut eine Psychose bekomme, wenn ich ein paar Tage gar keinen bis sehr wenig Schlaf habe. Ob ich während dieser Zeit Seroquel nehme, interessiert nur in dem Sinne, dass Seroquel wie ein starkes Schlafmittel wirkt und man eigentlich wegen dem Seroquel genügend Schlaf bekommt und deshalb die Chance gering ist, erneut eine Psychose zu bekommen. Also sollte ich Seroquel weglassen und weiterhin auch genügend Schlaf haben, bekomme ich keine Psychose mehr. Es liegt bei mir einzig und allein am Schlaf. Bei wenig Schlaf auf Dauer spielt mein Gehirn verrückt. Habe früher mal Drogen genommen – es könnte daran liegen… Und wie gesagt, Seroquel wirkt wie ein Schlafmittel und ist deshalb auch hilfreich. Jedoch die Gedanken oder die Gefühlslage ändern sich nicht wirklich, wenn man Seroquel nimmt. Man kann es auch weglassen.

Ich ärgere mich nur immer, dass die Ärzte und Psychologen nicht wirklich viel darüber wissen und denken, dass Medikamente wie Seroquel sehr gut und hilfreich wären. Aber das Einzige, was (zumindest an Seroquel) hilfreich ist, ist, dass man davon sehr gut schlafen kann. Ich könnte aber auch jedes andere Schlafmittel nehmen. Ich bin der Meinung, das macht keinen Unterschied.

Gruß

 


Posted in Gastbeiträge, Krankheit, Medikamente | Kommentare deaktiviert für Seroquel als Schlafmittel