Schizophrenie – Rezidiv nach Absetzen der Medikamente

Written by Bodo on 25. Juli 2020 – 07:25 -

Vorgestellter Patient, männlich, 56 Jahre alt, sollte im Rahmen einer Umstellung im Juli 2019 von tgl. 2 mg Fluanxol auf tgl. 2 mg Risperdal vorhandene Medikation langsam ausschleichen und nach zwei einnahmefreien Tagen mit Risperdal einsetzen. Die Reduktion gelang nach Angaben des Pat. problemlos innerhalb von 10 Tagen. Ihm war dabei von seiten des behandelnden Arztes empfohlen worden, auf geistige Tätigkeiten zu verzichten. Am ersten einnahmefreien Tag fühlte sich der Patient gut und nahm leichtsinnigerweise den Ratschlag eines guten Freundes an, auf die Medikation komplett zu verzichten.

An zweiten Tag bekam der Pat. ein unangenehmes Druckgefühl in der linken Brustseite, was sich linksseitig bis zum Schlüsselbein hochzog. An dieser Stelle hätte ein Wiedereinsetzen der Medikation stattfinden müssen, um Schlimmeres zu verhindern. Doch der Pat. durchstand diese Phase und redete sich ein, dies seien nur Missempfindungen gewesen.

Am dritten Tag ohne Medikation stellte sich ein belastendes Kopfgefühl ein, eine Art Druck mit präpsychotischem Empfinden. Diese Phasen durchstand der Pat. durch Meditation mit geschlossenen Augen, wodurch sich jeweils eine deutliche Besserung zeigte. Der Pat. bemerkte eine Veränderung: beim Gehen schwangen die Beine freier und kräftiger, was sich etwas negativ auf seine Meniskussymptomatik auswirkte.

Am vierten Tag nahm die Häufigkeit des unangenehmen Kopfdrucks zu, was zu entsprechender Meditation zwang. Die beschwerdefreien Phasen waren aber nur kurz. Am fünften Tag bemerkte der Pat. beim Gang zum asiatischen Imbiß, daß die Gegenwart von Menschen sehr stark auf ihn einwirkte, fast physisch und von psychotischen Symptomen bewahrten ihn nur seine Tatenlosigkeit.

Am Abend des fünften Tages jedoch, ein nennenswerter Medikationsspiegel war nicht mehr vorhanden, empfand der Pat. plötzlich einen Schlag in die Magengegend, als er eine kritische Nachricht seiner Psychologin las. Auch durch sofortige Meditation bildete sich dieses heftige Missgefühl nicht vollständig weg, sodaß sich der Pat. entschloss mit 1 mg Risperdal einzusetzen.

Innerhalb von Minuten stellte sich eine Besserung ein. Da das Mißgefühl nicht vollständig verschwand nahm der Pat. nach einer Stunde noch einmal 1 mg Risperdal ein. Das Missgefühl war nun weg und der Pat. ging schlafen. Nachts wachte er jedoch mit Herzrasen auf und auch extreme Mundtrockenheit machte ihm zu schaffen.

Am Morgen des nächsten Tages stellte sich folgende Symptomatik dar: schwere Beine, schneller Puls, Kurzatmigkeit, extreme Mundtrockenheit und Übelkeit. Das eingenommene 1 mg Risperdal erbrach der Pat. auf der Busfahrt und musste daraufhin ein Taxi nach Hause nehmen. Zu Hause konnte der Pat. nur auf dem Sofa liegen, um die Symptomatik ertragen zu können. Schließlich entschloss er sich, trotz der extrapyramidalen Nebenwirkungen, wieder mit 1 mg Fluanxol einzusetzen.

Dies brachte innerhalb einer Stunde eine spürbare Erleichterung für den Pat. und am nächsten Tag nahm er wieder 1 mg Fluanxol ein, was aber eine viel zu geringe Dosis war, um auf einen guten Spiegel zu kommen. Am folgenden Tag überlastete sich der Pat. mit leichten Tätigkeiten, was zu einem extremen Kopfdruck führte, der kaum zu ertragen war. Er konnte daraufhin nur auf dem Sofa liegen und die Atmung war schnell und flach, Schweiß auf der Stirn.

Es gelang ihm gerade so, telefonisch seine behandelnde Psychologin zu erreichen, die ihm riet, jetzt tgl. 3 mg Fluanxol einzunehmen und daß er das Schlimmste überstanden hätte und zur Ruhe kommen solle. Der folgende Tag verlief problemlos. Am Abend des nächsten Tages stellten sich jedoch Atmungsprobleme ein, flach und schnell, Schweiß, Panikgefühle, sodaß der Pat. durch eine Freundin zur Notaufnahme des allgemeinen Krankenhauses gebracht werden musste.

Allgemeine Schwäche, Zittern, erhöhter Blutdruck und Puls, Panikgefühle – der Pat. wurde ins psychiatrische Krankenhaus eingewiesen und verbrachte die ersten drei Tage auf der Psychosomatik-Station. Symptomatisch zeigte sich eine ausgeprägte Schwäche und zeitweise hoher Blutdruck, bis zu 199/107, der einmalig mit einer Fiole behandelt wurde. Der hohe Blutdruck äußerte sich nach Angaben des Pat. in einem unangenehmen Kopfdruck, der ihn zwang, sofort ins Bett zu gehen und die Augen zu schließen.

Als Bedarfsmedikation zur Beruhigung wurde dem Pat. vom diensthabenden Arzt max. 4x tgl. Promethazin verordnet, was vor allem nachts eingenommen werden musste. Die Fluanxol-Dosis wurde auf 2 mg tgl. festgesetzt, um die extrapyramidalen Nebenwirkungen zu begrenzen. Diese äußerten sich beim Pat. durch Zuckungen der Zehen.

Um den Pat. besser behandeln zu können, erfolgte eine Verlegung auf die Psychose-Station. Die Oberärztin legte auf Grund pharmakinetischer Bedenken als Bedarfsmedikation Pipamperon fest, das beim Pat. in der folgenden Nacht zu hohem Puls, Ohnmacht und Sturz führte, glücklicherweise nur zu etlichen blauen Flecken. Die diensthabende Ärztin wies daraufhin wieder Promethazin als Bedarfsmedikation an.

Der Pat. konnte die ersten Tage nur im Bett liegen, nahm seine Mahlzeiten im Zimmer ein und an der Gruppenvisite nicht teil. Zusätzlich belastend für den Pat. waren die klimatischen Bedingungen auf der Station sowie ein sehr anstrengender psychotischer Mitpatient, dem sehr viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht werden musste.

Nach ungefähr einer Woche war der Pat. in der Lage, an den Gruppenvisiten teilzunehmen sowie sich im Haus frei zu bewegen. Promethazin brauchte er nicht mehr. Aktivitäten außer Haus stellten noch ein Hindernis dar, aufgrund der zustandsmäßig nicht zu verarbeitenden Eindrücke. Die Genesung erfolgte von Woche zu Woche. Jetzt konnte der Pat. 30 min in den Park gehen und zur Cafeteria. Besonders vom Koffein berichtete der Pat. eine stabilisierende Wirkung.

Nach 4 Wochen ging der Pat. auf eigenen Wunsch hin wieder nach Hause, weil es einfach zu warm im Zimmer war und der neue Zimmerkollege schnarchte. Durch die Hausärztin bekam er sowohl das Fluanxol verschrieben, wie auch die Bedarfsmedikation, was bitter nötig war. Die ersten zwei Wochen war der Pat. nur 20 min tgl. belastbar und benötigte bis zu 3x tgl. Promethazin, um vor allem die Atmung zu verbessern und das Panikgefühl zu vermindern.

Die Versorgung mit Lebensmitteln konnte durch Freunde und Nachbarn sichergestellt werden. Ein einwöchiger völliger Verzicht auf Internet, Radio, Musik, Lesen und Fernsehen machte sich positiv bemerkbar, sowie die Beschränkung auf 20 min Aktivitäten außerhalb der Wohnung. Busfahrten waren noch nicht möglich und das Stehen an der Supermarktkasse belastete den Pat. sehr.

Nach vierzehn Tagen konnte das Promethazin abgesetzt werden und ab der dritten Woche der Selbständigkeit steigerte sich die tägliche Belastbarkeit von Woche zu Woche um 30 Minuten. Nach etwa 12 Wochen schwerer Krankheit und Genesung war der Pat. soweit wieder hergestellt, daß er den normalen Alltag bewältigte. Im Krankenhaus musste der Pat. in dieser Zeit 28 Tage behandelt werden, was relativ kurz ist, betrachtet man die Fälle mit zusätzlicher psychotischer Komplikation.


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